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Das Sparschwein

am Staatstheater Cottbus

von Michael Apel, Kultur

Es ist eine schöne Idee, die Komödie „Das Sparschwein“ im Großen Haus des Staatstheaters in Cottbus aufzuführen. Eugéne Labiche, ein Vielschreiber seiner Zeit, 1815 in Paris geboren, schuf unzählige Komödien, Theaterstücke und Possen, die nicht nur gelesen, sondern auch von vielen Bühnen gespielt wurden und so wurde er 1880 u.a. zum Mitglied der „Académie francaise“ ernannt. 1864 floss ihm mit „La Cagnotte“ (Das Sparschwein) ein Meisterwerk aus der Feder.
Sechs honorige und gesellige Bürger einer kleinen Stadt in der Provinz treffen sich regelmäßig zum gemeinsamen Kartenspiel. Moralisches Symbol ihres Vereins ist ein Sparschwein, in das jeder einzahlen muss, dem ein ungehöriges Wort über die Lippen kommt. Nach einiger Zeit ist es nun voll und muss geschlachtet werden und auf Wunsch aller, soll das erwirtschaftete Geld für einen gemeinsamen Zweck eingesetzt werden. Nach einer erregten Debatte verständigt man sich auf eine Reise nach Paris.
Regisseur Jörg Steinberg und Dramaturgin Sophia Lungwitz verlegen die Geschichte in die heutige Zeit und wir erleben einen Verein aus einer kleinen Stadt im Spreewald auf seiner Reise und bei seinen Erlebnissen in der Hauptstadt Berlin. Diese „Modernisierung“ gerät geradezu exellent, wenn auch der Inszenierung ein wenig die Distanz zum Niederlausitzer Kleinbürger anzumerken ist. Die Satire zur Großstadt Berlin gelingt Steinberg da viel treffender, zum Beispiel wenn David Kramer und Boris Schwiebert als zwei Ladenbesitzer Alltagsfragen unverständlich durch Straßenlärm und Bauakustik austauschen. Überhaupt sind die einzelnen Figuren aus dem Cottbuser Ensemble bestens besetzt. Axel Strothmann gibt den Rentner Theo mit einer Dominanz, die es seiner Figur gestatten, mit allen Winkelzügen und Kniffen der Vereinsdemokratie ein Schpippchen zu schlagen und seinen Willen aufzudrücken. Grandios wie Strothmann aus jedem Winkel der Bühne die Szene beherrscht und die Fäden zieht. Als seine Schwester, die immer für seine Mutter gehalten wird, agiert Susann Thiede mit allen nur erdenklichen Facetten des unendlichen Leides einer älteren, alleinstehenden und doch nach Liebe und Geborgenheit sehnenden Frau. Dabei erhält sie feinfühlig im Vereinslokal oder auch groß klagend im Salon der Partnervermittlung, ihrer Figur immer dieses Maß an Würde, welche die Pointe des Stückes am Ende glaubwürdig gelingen läßt. Thomas Harms lotet geschickt die Möglichkeiten seiner Figur aus und verleit dem Bauern Christoph diese permanente Opposition, welche in passenden und unpassenden Momenten in die Szenerie eingreift und ihr seinen Stempel aufdrückt. Köstlich, wie er einerseits fast schmollend sich aus dem Geschehen herauszieht, um dann wieder, urplötzlich mit großem Nachdruck seine Anliegen zum Ausdruck bringt und die Pläne gehörig durchkreuzt, dann aber bereitwillig mit fast kindlicher Naivität sich den Gegebenheiten fügt.
Herrlich kurzatmig, wie Ekel Alfred, gibt Kai Börner den Apotheker Cornelius. Dabei verleiht er seiner Figur aber eine gehörige Portion Liebenswürdigkeit und Hilflosigkeit, was gerade beim weiblichen Premierenpublikum hörbares Mitleid und Anteilnahme erzeugte. Michael v. Bennigsen interpretiert mit Felix, einem jungen Rechtsanwalt, die Rolle der Vernunft und darf am Ende des Stückes den Retter spielen. Josephine Fabian ist als Bianca bestens besetzt, doch hat sie es manchmal nicht leicht in diesem herrlichen Pfuhl der „Rampensäue“.
Stephanie Dorn schuf für das Stück passende Kostüme, die den Darstellern Bewegungsfreiheit und Raum für Eigeninterpretation gaben. Die Ankleiderinnen des Cottbuser Staatstheaters werden aber nach der Übernachtung in der Tiefgarage Einiges zu waschen und zu bügeln haben.
Die verschiedenen Bühnenbilder von Tilo Steffens definieren präzise die jeweiligen Räume, geben den Darstellern den nötigen Raum zum Agieren und lassen sich in Windeseile umbauen, so dass dem Tempobedürfnis der Komödie gedient ist. Kurze Filmschnipsel von Josephine Fabian zwischen den Szenen mit viel Witz und Satire sorgen zusätzlich für Heiterkeit und lassen die Spannung zu keiner Zeit abflauen. Dazu passende Musik, ausgewählt und bearbeitet von Hans Petit. Seiner „Hymne des Vereins für schöngeistige Unterhaltung und gehobene Kultur“ wünscht man zahlreiche Downloads auf der Webseite des Staatstheaters oder mindestens eine CD-Pressung.
„Das Sparschwein“ am Staatstheater Cottbus, eine alte Komödie direkt aus dem heutigen Leben, ist unbedingt zu empfehlen.

Nächste Vorstellung ist am 06. Juli und dann steht das Stück in der nächsten Spielzeit weiter auf dem Programm.

pictures/artikel/IMG_35542824.jpgFoto: Marlies Kross
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