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TheaterBlick: Das unmögliche Theater Teil 2: Das Tagebuch eines Verrückten

in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus, Premiere am 12.1.2020

von Angelika Koch, Kultur

Eine Erzählung des chinesischen Autors Lu Xun (1881-1936) ist die Grundlage für Folge 2 der Reihe von Inszenierungen, die junge Mitarbeiter des Schauspieldirektors Jo Fabian im „Unmöglichen Theater“ inszenieren dürfen. In Folge 1 gab Schauspieldramaturgin Wiebke Rüter ihren Regieeinstand in Cottbus, nun war Marian Joel Küster, einer der vielen BühnenmanagerInnen am Staatstheater, an der Reihe. Er ist hier nicht nur der Regisseur, er hat auch die Bühnenfassung der Erzählung mit erarbeitet und zeichnet für Kostüme und Sound verantwortlich.
Prinzip dieser drei Inszenierungen (Teil 3 folgt am 13.3.20) ist, dass immer dieselben vier SchauspielerInnen im gleichen Bühnenbild, das Jana Wassong entwarf, die Inszenierung gestalten. Die Bühnenbildelemente (Leiterteile, Podeste, Quader und blaue Plastikfolie) sind in dieser Inszenierung etwas anders angeordnet und wurden leicht verändert.
Zum Einstieg und als Verbindung zwischen Teil 1 und 2 der Inszenierungsfolge darf Sigrun Fischer als Schauspielerin ein paar persönliche Worte über Furcht, Ängste und „Ängste in Summe als große Furcht“ sprechen.
Ansonsten wurde der Text der Erzählung eines der wichtigsten Schriftsteller des neuen Chinas nach dem ersten Weltkrieg bearbeitet, ohne allerdings den literarischen und historischen Kontext der Erzählung zu berücksichtigen. Die Tagebuchtexte des Ich-Erzählers werden auf die vier SchauspielerInnen Sigrun Fischer, Gunnar Golkowski, Sophie Bock und Markus Paul, die in weiße Trainingsanzüge mit roten Seitenstreifen und schwarze Springerstiefel gekleidet sind, aufgeteilt. Es gibt etliche chorische Passagen, lange Monologe, die sich teilweise überlappen, mehrfach längere Bewegungseinlagen in Tanzsäcken, bei denen die Choreografin Romy Schwarzer auch selbst mitwirkt, viele Videoeinspiele, Lichtwechsel und Lichtgeflacker, ganz viel Bühnennebel, Toneinspielungen, von oben regnende Essstäbchen. Zwei riesige aufgeblasene Pudelfiguren stehen an den Türen herum, auch mal auf einer der Leitern und bewegen sich zum Ende hin auf die Bühne (Hut ab vor den beiden standhaften Herren der Statisterie), um dort wieder im Hintergrund zu erstarren. -Es geht in dem Text an einigen Stellen auch um einen Hund, der einen Regenmantel trägt…
Schauspieler Paul darf wieder zeigen, was er instrumental so drauf hat und spielt Orgel und Ukulele, Schauspieler Golkowski turnt halsbrecherisch während eines Monologs über die Sitzreihen zwischen den Zuschauern und später auf der hohen Leiter, die sich zum Zuschauerraum öffnet, Schauspielerin Bock muss zwischendurch immer mal in ein Mikrofon sprechen und Schauspielerin Fischer als eine Art Hirsch stumm dastehen. Zum Schluss ist das verwirrte Ich mit sich im Reinen, singt vierstimmig ein nettes Lied im Western&Country- Stil und ein roter Apfel senkt sich vom Bühnenhimmel.
Worum es aber im Text wirklich geht, erschließt sich dem Zuschauer nicht. Und es ist trotz der Vielzahl eingesetzter Mittel nicht sonderlich interessant. Das lieblos wirkende Programmblatt ist so leseunfreundlich gestaltet (kleine Schrift auf rotem Papier), dass man schnell die Lust verliert, etwas davon zu entziffern. Dabei wäre ein etwas genaueres Eingehen auf den historischen Hintergrund der Entstehung der Erzählung sehr erhellend gewesen. Lu Xun schrieb das kleine Werk an einer der Bruchstellen des 20. Jahrhunderts, und die Ahnung, dass im Laufe des Säkulums die Menschheit weiteres Grauen anhäufen wird, schwingt auf jeder Seite mit. Sein früher Tod hat ihm erspart, dem Menschenfresser Mao und dessen kulturellen Säuberungen anheimzufallen. Diese Inszenierung hatte mit all dem nichts zu tun. Das an sich ist nicht verwerflich, aber man sollte schon eine Inszenierungsabsicht deutlich machen können. „Einen Versuch zu unternehmen, Gedanken beim Denken zuschauen zu wollen“ ist ein bisschen dünn für einen ganzen Theaterabend, auch wenn er nur 75 Minuten lang ist.

Foto: Marlies Kross
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