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Das Traurige Herz von Cottbus

von Cornelia Meißner, Cottbus

Einst wurden die Menschen der stolzen Energie- und Bergarbeiterstadt gefeiert. Darum bekamen sie ein einzigartiges Stadtzentrum. Zehn Jahre sollte es dauern, bis alle Gebäude, Pavillons und Brücken gebaut waren. Achsen zwischen Altstadt und Neustadt wurden gezogen, Wohnen, Einkaufen und Kultur verschmolzen zu einem aktiven Innenstadtbereich. Das Konzept des neuen Warenhauses wurde nach Bedarfsstudien für modernes Einkaufen erstellt. Der ferne Kosmos wurde greifbar, wenn auch als Mokka-Milch-Eisbar und jedes Leckermaul konnte sich wie ein Star fühlen. Zwischen Pavillons und Skulpturen wehte ein Hauch „la dolce vita“, deren Hitze sich leicht in einem der vielen Brunnen abkühlen ließ. Die Cottbuser Stadtpromenade galt als eines der schönsten architektonischen Ensembles aller DDR-Bezirke und stand nach der „Wende“ unter Denkmalschutz. Dennoch kamen die Bagger. Das Gelände wurde durch die Treuhandgesellschaft, in deren Hände es nach 1989 fiel, an neue Eigentümer übergeben. Heute steht der erste Bauabschnitt des Blechencarree. Wo seit 2006 der Bau ein zweiter Abschnitt geplant war, liegt das „traurige Herz“ von Cottbus aufgebrochen da. Damit soll Schluss sein, es gibt eine neue Initiative. Die BLICKLICHT-Fragen beantwortet Martin Gillhoff.

Wer steckt hinter der Initiative „Stadtpromenade für alle“ und worauf wollt Ihr euch konzentrieren?

Wir sind Einzelpersonen und Menschen, die bereits in anderen sozialen Initiativen engagiert sind. Unser gemeinsames Anliegen ist es, die Brachfläche an der Stadtpromenade den Cottbusern zurückzugeben, sie neu zu gestalten und zu beleben. Wir wollen, dass sich bei dem Gelände etwas bewegt. Aber eben nicht irgend etwas! Wir glauben, dass die Zeit der großen Einkaufszentren vorbei ist. Cottbus hat genug davon. Unsere Initiative fordert: Die Innenstadt muss den Cottbusern gehören.

Die Zurückgabe ist also der wesentliche Kern Eurer Forderungen?

Ja, das ist ein wesentlicher Punkt. Die Bevölkerung soll wieder die Möglichkeit haben, an dem Projekt zu partizipieren und mitzugestalten. Es gab ja bereits viele Vorschläge und Umfragen mit konkreten Ergebnissen. Zum Beispiel sollte das Sternchen wieder aufgebaut, die Pavillons wieder belebt werden; dazu Spielplätze, eine Markthalle... Wichtig ist bei alldem, dass die Cottbuser*innen darüber entscheiden können sollten. Der aktuelle Plan eine Bienenweide zu errichten, wirkt auf uns wie Hohn. Die Cottbuser*innen werden trotz Protesten ihrer Innenstadt beraubt, gucken seit Jahren auf ein sinnloses Nichts im Stadtzentrum und nun überlässt man den Bereich als „Brache-Plus“ günstig den Tieren. Ostdeutsche Innenstädte, in denen sich einst die Menschen tummelten, zur Wildnis umgestalten ̶ das ist eine sinnbildliche Idee. Bienen sind wichtig, aber die Stadtpromenade gehört zurück in die Hand der Bürgerinnen und Bürger.

Nun beschäftigen sich ja bereits viele Leute seit Jahren mit der Thematik. Wenn es nach „Stadtpromenade für alle“ ginge, müsste die Kommune das Gelände zurückkaufen. Doch das wird ja sicher am Geld scheitern...?

Ja, das ist natürlich ein Problem. Darum wollen wir mit unserer Initiative Druck aufbauen. Wir sind inspiriert von der Berliner Kampagne „Deutsche Wohnen enteignen“. Über das Volksbegehren wurde so viel Druck aufgebaut, dass die Regierung handeln musste. So ähnlich stellen wir uns das im Fall der Stadtpromenade auch vor. Fakt ist, dass Privatisierung von Gemeingut - und das ist die Stadtpromenade für uns - meist zum Nachteil der Bevölkerung geschieht. Der Cottbuser Fall ist durch politische Verstrickungen und das Wirken der Treuhand besonders merkwürdig. Wenn die Verwaltung der Stadt Cottbus seit Jahren keine Klärung schafft, dann, so finden wir, muss die Landesregierung in Verantwortung treten. Was hier passiert, ist großes Unrecht. Ein Platz, welcher der Cottbuser Bevölkerung gehört hatte, wurde ihnen unrechtmäßig weggenommen und zerstört, ohne irgendeinen Nutzen für die Bürger zu schaffen. Diesen Platz wollen wir zurück, notfalls mit Enteignung.

Glaubst Du, dass die Stadtpromenade wichtig für die Identität der Cottbuser*innen ist?

Ja, ich glaube für viele trifft das zu. Wenn man sich zum Beispiel anschaut, was das Sternchen für einen Symbolcharakter für die Stadt hatte, wird klar, wie wichtig der Ort für viele Menschen und die Kulturszene war. Aber auch die Brücke, die Blaue Uhr, die Pavillons ̶ alles einzigartig und verbunden mit persönlichen Geschichten. Natürlich kann ein Stadtzentrum, auf das die Menschen stolz sind, Identität stiften. Die sinnlose Zerstörung dieses Platzes fühlt sich dadurch besonders respektlos und beschämend an.

Du sprichst hier von Vorgängen im Zusammenhang mit der Treuhandgesellschaft? Das war doch aber ganz normal. Was macht es in Cottbus so brisant?

Ja, die Machenschaften der Treuhand sind für „Stadtpromenade für alle“ ein absolut interessantes Thema. Aus heutiger Sicht – ich bin Jahrgang 1987 - hat die Treuhand ab 1990 etwas für uns Unvorstellbares durchgesetzt. Auch wenn sich derzeit fast alle einig sind, dass die Hohenzollern weltfremd und anmaßend handeln, wenn sie alten Adelsbesitz aus öffentlicher Hand zurückfordern ̶ 1990 wurden solche Forderungen aus dem Westen wie selbstverständlich umgesetzt. Die Treuhand ging mit ihrem Deindustrialisierungsprogramm genauso unerbittlich und ignorant mit dem Gemeineigentum der Ostdeutschen um. Unglaublich, wie viel privatisiert, deindustrialisiert und zerschlagen wurde. Selbst gesunde Betriebe wurden platt gemacht, damit sie für alte BRD-Konzerne keine Bedrohung darstellen konnten. Und Cottbus erlitt im Herzen der Stadt eine klaffende Wunde. Viele Einwohner*innen haben das bis heute nicht überwunden und werden jeden Tag daran erinnert, welches Unrecht da passiert ist. Wir wollen diesem Problem mit unserer Kampagne zu größerer öffentlicher Sichtbarkeit verhelfen. Nicht nur, was in dieser Stadt passiert ist, sondern was überhaupt nach dem Anschluss im Osten abgelaufen ist, muss thematisiert werden. Letzten Endes sehen wir das so: uns wurden viele Chancen und Werte, es war schließlich Volkseigentum, weggenommen und das wollen wir nicht so einfach akzeptieren.

Wünschst Du Dir mehr Transparenz in Bezug auf die Umstände um den Verkauf der Stadtpromenade?

Ja, es muss erst einmal eine Aufklärung stattfinden, was ablief und in welcher Größenordnung. Ich bin sicher, dann werden viele Menschen dazukommen und sagen, das kann doch nicht sein. Mitbestimmung gehörte zu den größten Versprechungen der Wende und noch 30 Jahre danach sollen wir darauf warten, dass wir ernst genommen werden. Wie kann ein Investor oder eine Treuhandgesellschaft entscheiden, was mit unserer Innenstadt passiert?! Kein Cottbuser kann da mitreden. Es ist auch sehr schwer, in Unterlagen Einsicht zu bekommen. Bei unseren Recherchen stoßen wir oft auf Mauern des Schweigens oder Versuche, sich herauszuwinden. Über unsere dennoch gewonnenen Kenntnisse klären wir in Form von Vorträgen, öffentlichen Debatten, Social Media und mit einem kurzen Video auf. So wollen wir Licht ins Dunkel bringen und hoffen, dass sich viele Menschen mit uns solidarisieren.

Die Aufarbeitung der Treuhand-Geschichte beschäftigt aktuell auch einige Parteien, u.a. Die Linke, die einen neuen Untersuchungsausschuss dazu im Bundestag anstrebt. Habt Ihr denn Unterstützung über die Stadtgrenzen hinaus?

Im Moment sind noch auf uns selbst angewiesen. Wir vertrauen auf die Cottbuser Bevölkerung, ihre Unterstützung und Sympathie für das Projekt. Bei dem ähnlich gelagerten Projekt „Strombad für alle“ haben wir uns auch nicht auf die Lokalpolitiker verlassen. Das muss von unten kommen, aus der Bevölkerung heraus. Die Menschen müssen selbst das Gelände übernehmen, entwickeln und organisieren wollen. Die Politiker waren bisher eher Teil des Problems als der Lösung. Sie haben es zugelassen, dass es abgegeben wurde und die Genehmigung für den B-Plan immer wieder verlängert sowie dem Investor - oder kann man schon Spekulant sagen – Zeit eingeräumt. Und? Nichts ist passiert! Auf diese Parteien und Institutionen ist kein Verlass. Da müssen wir uns auf unsere eigenen Kräfte berufen!

Meinst Du, die Cottbuser Stadtpromenade könnte im Kampf um Rückübertragung eines Geländes, das durch die Treuhand verkauft wurde, eine Art Symbolcharakter haben?

Wenn uns tatsächlich gelingt, Aufmerksamkeit zu generieren und den entsprechenden Druck zu erzeugen, wird man vielleicht größer denken müssen. Schließlich fordern wir anzuerkennen, dass Verkäufe durch die Treuhand häufig rechtswidrig und/oder zum langfristigen Schaden der Bevölkerung erfolgten und dass die Innenstädte, Verkehrsmittel, Krankenhäuser etc. nicht als Spekulationsobjekte gehandelt, sondern zuallererst zum Nutzen der Bevölkerung gestaltet und betrieben werden sollten. Diese Argumentation trifft auf so viele Orte in Ostdeutschland zu, denen es ähnlich erging wie Cottbus. Vielleicht gelingt es ja, hier eine generelle Aufarbeitung der Machenschaften der Treuhand zu starten und auf eine Art Entschädigung zu pochen. Das hat Potential in allen neuen Bundesländern.

Wie sieht nun die direkte Vision für das „Traurige Herz“ aus?

Dass wir eines Tages gemeinsam an dieser Brachfläche stehen und massenweise unseren Unmut kundtun. Dass wir dieses Gelände zurückbekommen, weil der Eigentümer eingeknickt ist und das Land oder der Bund die Entschädigung übernommen hat. Dass wir darüber entscheiden können, was auf diesem Gelände passiert. Wir tauschen Ideen aus und setzen diese um. Das wäre die eine Seite der Vision: wir werden ein Stück unserer Würde als Bürger dieser Stadt zurückerhalten. Die andere Seite betrifft die Ausgestaltung des Platzes. Wir hoffen, mit unseren Familien durch das neue, wunderbar belebte Innenstadtzentrum, vielleicht mit Brunnen, Geschäften und Cafés, durch das „Fröhliche Herz“ von Cottbus bummeln zu können. Wir wollen außerdem gesetzlich verankert sehen, dass kein Allgemeingut mehr ohne strengste Überprüfungsvorschriften und Bürgerentscheid an Private verkauft wird.
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