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Porträt einer Bestie

Oliver Guez: Das Verschwinden des Josef Mengele

von Bernd Müller, Buch

Familie bedeutet viel. Manche sagen, Blut sei dicker als Wasser, was nichts anderes bedeuten soll, als dass die Familie mehr als andere Gemeinschaften zusammenhält – auch wenn die Zeiten mal nicht so rosig sein sollten. Josef Mengele, der berüchtigte Lagerarzt von Auschwitz, durfte diese Erfahrungen machen.

Um Mengele ranken sich viele Legenden. Über Jahrzehnte hat man immer wieder etwas über ihn und die vergebliche Jagd nach ihm gelesen. Der französische Autor Oliver Guez, von dem auch das preisgekrönte Drehbuch zu „Der Staat gegen Fritz Bauer“ stammt, hat penible Recherchearbeit geleistet. Ihm gelingt es in seinem neuen Roman „Das Verschwinden des Josef Mengele“, die Lücken in den Berichten über den Mörderarzt zu füllen.

Wie viele andere Naziverbrecher konnte der elegante und gebildete Mengele nach 1945 über die sogenannte Rattenlinie nach Argentinien fliehen. Dort wurde der „Todesengel von Auschwitz“ von der Regierung des Generals Peron mit offenen Armen willkommen geheißen.

Der Mann, der unter anderem Babys lebendig ins Feuer warf oder Müttern die Gebärmutter herausriss, der entsetzlich experimentierte mit Zwillingen, lebte unbehelligt und vergnügt im Eldorado der Kriegsverbrecher. Reue zeigte er nicht, auch kein Entsetzen über seine eigenen Taten.

In seinem unfreiwilligen Exil wird er stets von seiner Familie aus dem westdeutschen Günzburg unterstützt. Die väterliche Firma war nach dem Krieg sehr erfolgreich und verkaufte Maschinen für die Landwirtschaft in die ganze Welt. Der Vater zeigte sich nicht nur großzügig, wann immer sein Sohn finanzielle Unterstützung brauchte. Er stützte ihn auch moralisch. Von ihm gab es keine Worte der Abscheu über die Taten seines Sohnes. Im Gegenteil.

Mengeles Sohn, der nicht bei ihm im Exil, sondern in der Bundesrepublik aufwächst, erfährt irgendwann von der Identität seines Vaters, von seiner Grausamkeit in Auschwitz. Er reist zu ihm nach Argentinien, stellt ihn zur Rede, zeigt sich erschüttert und reist schnell wieder ab. Mengeles Aufenthaltsort verrät er trotzdem nicht. Die Familie hält zusammen.

Das Buch ist ein Roman: Der Leser lebt mit Mengele, mit seinem Hochmut, seinem Rassismus, seiner Luxus- und Frauenlust, seiner Menschenverachtung. Mengels Fluchtleben wird immer elender und prekärer, er vereinsamt zusehends und wird verbittert, weil die Welt in seinen abscheulichen Taten keine wissenschaftlichen Leistungen zu sehen vermag. Das Buch ist ein fesselndes Porträt, einer fanatischen Bestie, das uns eindringlich vor Augen führt, warum deren Verfolgung kläglich scheiterte.

In Frankreich wurde „Das Verschwinden des Josef Mengele“ innerhalb kürzester Zeit zum Sensationsbestseller. Dem Buch bleibt derselbe Erfolg auch in Deutschland zu wünschen.
Oliver Guez (2018):
„Das Verschwinden des Josef Mengele“

Berlin: Aufbau Verlag, 224 Seiten
ISBN: 978-3-351-03728-4
Preis: 20 Euro
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