Home Artikel Heft Suche Termine

Ort der Visionäre

Der Großenhainer Bahnhof

von Cornelia Meißner, Kultur

Das altehrwürdige Backsteingebäude am Ausgang des neuen Fußgängertunnels des Cottbuser Bahnhofs lag lange im Schatten angemessener Beachtung. Im klassizistischen Stil erbaut, diente es einst als Empfangsgebäude des Großenhainer Bahnhofs. Die visionären Unternehmer wollen mit einer direkten, privaten Bahnverbindung ins Sächsische den Tuchhandel befördern. 1873 eröffnet man das Haus; passende Reliefs mit Motiven zu Handwerk und Handel verschönern die roten Ziegelhauswände und innen schmücken Malerei und Stuck die hohen Wände und die über sechs Meter hohen Decken der großzügigen Eingangshalle und der zwei Wartesäle mit Szenen zum Eisenbahnthema. Die Idee platzt bald, das Gelände inklusive Halle wird an die Staatsbahn übertragen. Es verfällt in eine Art Dämmerzustand zwischen Güterabfertigung, Bürogebäude, Werkstatt und Leerstand. Es wird unsichtbar. Bis...

… bis: „Und zack, und schon hat es einen erfasst!“ Die Herren Heiko Straehler-Pohl von der Galerie Brandenburg und Sven Krüger von der Galerie Fünf sind voller Tatendrang. Sie schwärmen von diesem wiederentdeckten Kleinod und erwecken es derzeit mit einem gemeinsamen Galerieprojekt zum Leben. „Ein wunderbares Gebäude. Wir haben es uns angeschaut und waren sofort überzeugt, dass das der richtige Platz für Kunst in Cottbus ist.“ Sven Krüger ist leidenschaftlicher Galerist, Kunsthändler und selbst Sammler: „Die Gelegenheit, solch ein Gebäude zu bespielen, bekommt man nur einmal im Leben!“ Und tatsächlich sollten sie bei den ersten Begehungen realisieren, dass die Details, die Malereien, der Stuck und sogar der alte Tresorraum noch im Originalzustand sind. Gefühlt beschenkt setzen die Beiden ihren Traum in die Tat um.

Mit dem Mut Großes zu wagen und dem Wissen, mit international üblicher Modernität das Lausitzer Gemüt zu kitzeln, eröffnen Ende August die Galerien im Großenhainer Bahnhof. Auf moosgrünen und kardinalroten Wänden wirken die Bilder einmal mehr intensiv, getaucht in das üppige Licht, das durch große Fenster fällt. Sie zeigen Etablierte wie Neue der hiesigen Künstlerszene und bietet deren Werke zum Kauf an. Ausdrücklich wünschen sich die Galeristen Besucher*innen zu den Öffnungszeiten und laden auf Gespräche und ein Tässchen Kaffee ein. „Wir sind kein Museum“, betont Heiko Straehler-Pohl, „Jede/r kann kommen, sich die Ausstellungen anschauen, die Kunst genießen und erfahren. Es kostet keinen Eintritt, nur den beherzten Schritt in eine neue Welt. “

Zu sehen sind Bilder und Skulpturen unter anderem von Hans Scheuerecker, Mona Höke, Jörg Engelhardt, Chris Hinze, Günther Rechn, Rita Graft, Dieter Zimmermann, Ingolf Kühn, Walter Schönenbröcher und vielen mehr. „Wir konzentrieren uns auf zeitgenössische Kunst aus Cottbus und der umliegenden Umgebung“, erklärt Krüger. Er sieht in der Region großes Potential für die Szene. „Es gibt bereits viele Kunstliebhaber vor Ort, wie auch Mäzene. Bei manchen Menschen existiert eine Art Schwelle, aber ein Kunstwerk muss nicht immer hochpreisig sein. Wer sich an Kunst erfreut, kann in verschiedenen Segmenten sein Lieblingsstück finden und somit auch Teil der Kunstwelt sein.“ Für besonders vielversprechend hält der Cottbuser die Vielfalt am Standort: „Wir haben hier das Prima Wetter, die Gründerwerkstatt Zukunft Lausitz, die Ateliernutzer*innen. Das alles bringt eine kreative Szene zusammen. Wir ergänzen und helfen uns gegenseitig.“

Tatsächlich sind in den Räumen der Galerie seit Eröffnung schon zahlreiche Menschen, darunter auch viele Prominente aus Politik, Wirtschaft und Kultur, zu Gast gewesen. Straehler-Pohl freut das: „Ja, wir sind mit dem ersten Interesse und der Resonanz sehr zufrieden. Nun heißt es, weiter machen und sich entwickeln. Dazu gehören wechselnde Ausstellungen. Aktuell konzentrieren wir uns auf die Vorbereitung der Februarausstellung mit Bildern des sorbischen Grafikers und Malers Fritz Lattke, dessen Geburtstag sich dann zum 125. Mal jährt. Flankiert werden dessen Arbeiten von klassischer Spreewaldmalerei. Ein weiterer Höhepunkt folgt im April mit Werken von Dieter Zimmermann.“

Gleichzeitig bereiten die Galerien eine Art Kunstmesse, eine feine Mischung aus Fotos, Bildern, Skulpturen, Künstlerbüchern, Objekten, Drucken u.a. für das Weihnachtsgeschäft vor. Gute Kunst für kleine Preise ist das Motto und soll Anregungen geben zum Fest sich selbst und oder auch anderen Kunst zu schenken.

Neben dem Kunstverkauf vermietet die Galerie die Säle für Seminare, Infoabende oder kulturelle Veranstaltungen. In Zukunft können sich die Kunst-Visionäre auch andere Veranstaltungsformate vorstellen, zum Beispiel Künstlergespräche, Präsentation von Künstlerbüchern, Piano- oder Musikabende, Lesungen.

Die Gelegenheit, die Galerie kennenzulernen, bietet sich übrigens auch in der Nacht der kreativen Köpfe im Oktober. Dann werden alle Akteure am GHB ihre Türen öffnen. Und, wer weiß, ob es manchem Gast dann auch wie dem Wahlcottbuser Heiko Straehler-Pohl geht?
„...und dann kommt man aus dem Tunnel und sieht etwas wirklich Schönes und Gelungenes, etwas, das Cottbus wesentlich besser repräsentiert, als vieles andere, was hier hätte entstehen können.“

Weitere Informationen: www.galeriebrandenburg.de

Bild © Cornelia Meißner
pictures/artikel/IMG_70264119.jpg
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus