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Der allgegenwärtige Antisemit

von Bernardo Cantz, Buch

In Halle wurde eine Synagoge angegriffen, und durch die Gesellschaft ging ein Aufschrei. Zurecht. Es dauerte nicht lange, bis dieser in den sozialen Netzwerken ankam. „Gegen jeden Antisemitismus“ war bei linken Politikern zu lesen.
Auf den ersten Blick ist nichts Ungewöhnliches daran. Es ist eine Selbstverständlichkeit, gegen Antisemitismus zu sein. Jedenfalls sollte das selbstverständlich sein. Gibt es denn aber mehrere Typen des Antisemitismus, so dass man gegen jede dieser Typen sein kann? Bei genauerem Hinschauen wird schnell deutlich, dass es gar nicht so einfach ist, zu bestimmen, was ebenjene linken Politiker meinen.
Die „Internationale Allianz zum Holocaustgedenken (IHRA)“ gibt eine prägnante Definition von Antisemitismus: Dieser sei „ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann“. Er richte „sich in Wort und Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen und religiöse Einrichtungen.“
Damit ist aber noch immer nicht ganz klar, wen dieser Hass überhaupt treffen müsste, damit es sich auch um Antisemitismus handelt. Wie definiert man „Jude“? Definiert man ihn als Mitglied einer Religionsgemeinschaft oder definiert man ihn in rassistischer Tradition als Mensch in einer bestimmten Abstimmungslinie? Oder ist gar ein Bürger eines bestimmten Staates damit gemeint?
Antisemitismus ist nun Hass auf Juden, aber man hat sich noch nicht festgelegt, welches Wesensmerkmal sie ausmacht. Er kann sich in verschiedener Art äußern, aber von verschiedenen Typen des Antisemitismus ist noch nichts bekannt. Deshalb ist nicht ohne weiteres verständlich, was mit „jeden Antisemitismus“ gemeint ist.
Um das zu verstehen, muss man einige Jahre zurückblicken, als sogenannte „Antideutsche“ und ihre Brüder im Geiste, neo-konservative und rechtsextreme Autoren und Politiker, einen vermeintlichen „Antisemitismus von links“ verzeichnet haben wollen. Bis dahin war Antisemitismus ein gesellschaftliches Phänomen, dass vor allem in rechten Organisationen beheimatet war. Von diesem Moment an wurde er zu einem Kampfbegriff, den man gegen Alles und Jeden benutzen konnte.
Moshe Zuckermann ist einer derjenigen, die in den letzten Jahren immer wieder den Antisemitismus-Vorwurf von deutschen „Linken“ über sich ergehen lassen musste. Das Besondere an ihm: Er ist Sohn jüdischer Eltern, wurde in Tel Aviv geboren, lebt in Israel und leitete an der Universität von Tel Aviv das Institut für Deutsche Geschichte. Es mag komisch klingen, dass einem Juden vorgeworfen wird, er sei ein Antisemit. Für deutsche „Linke“, sprich: für den antideutschen Flügel, ist das aber etwas Normales: Wer die israelische Politik kritisiert, ist ein Antisemit, ganz gleich, ob er selbst Jude ist oder nicht.
In seinem 2018 erschienen Buch „Der allgegenwärtige Antisemit. Oder: Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit“ beschäftigt er sich mit der deutschen Diskussion. „Ein Ungeist geht um in Deutschland“ leitet er sein Buch ein. Als Orwellschen Neusprech bezeichnet er den Antisemitismusdiskurs in der Bundesrepublik. „Wahllos und ungebrochen werden Begriffe durcheinandergeworfen, Menschen perfide verleumdet und verfolgt, Juden von Deutschen des Antisemitismus geziehen, eine gesamte Debattenkultur in ein Tollhaus neuralgischer Befindlichkeiten und unaufgearbeiteter Ressentiments verwandelt, wobei sich linke Gesinnung nach rechts wendet und rechte Ideologen sich den Anschein von Liberalität zu geben trachten“.
Zuckermann meint, der ganzen Diskussion liege die Last der deutsch-jüdischen Vergangenheit zugrunde und ein gewisser Narzissmus im Umgang mit der Schuld. Das habe zu einem Realitätsverlust dem realen Israel gegenüber geführt, und das habe den Drang hervorgebracht, sich aus geschichtlichen Gründen mit dem abstrakten Juden zu solidarisieren, welcher aber nichts mit realen Juden oder Opfer der Naziverbrechen zu tun habe. Es verwundert deshalb nicht, dass Begriffe wie Judentum, Zionismus und Israel gleichgesetzt werden, genauso wie die negative Wendung dieser Begriffe: Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik. Diese Gleichsetzung habe sich zu einem unerbittlichen Glaubensbekenntnis verfestigt, während dabei die Realität völlig aus dem Blickfeld des Diskurses gerät.
Die Publizistin Susann Witt-Stahl hat dem Buch ein Kapitel beigesteuert, in dem sie sich mit der Rechtswende von Linken beschäftigt, mit „Antideutschen“ also, die sich mitunter in der jüngsten Vergangenheit offen zur AfD bekannten und sie als „einzige Stimme der Restvernunft im Deutschen Bundestag“ bezeichneten.
„Antideutsche“ seien das „Abbruchunternehmen der Linken“, schreibt sie, und in der Tat haben sie in den 30 Jahren seit der „Wende“ keinen geringen Beitrag geleistet, um die linke Bewegung in Deutschland zu schwächen und diese an die Erfordernisse des Marktes und einer kapitalistischen Wirtschaft auszurichten. Soziale Proteste und antikapitalistischer Widerstand, früher der Wesenskern von linken Bewegungen, wurde generell unter Antisemitismusverdacht gestellt und bekämpft.
Vor 15 Jahren schrieb Wolfgang Pohrt, einstiger Vordenker und späterer Abtrünniger der Antideutschen, das Antideutschtum habe nicht nur falsche Antisemitismusvorwürfe geliefert, mit denen Verbrechen des Westens gegen die Menschlichkeit vertuscht werden sollten, sondern auch „damit Schröder die von ihm geführten Raubzüge der Elite als ‚Aufstand der Anständigen‘ zelebrieren“ konnte. Ernsthaft hätten Antideutsche nie für die Bekämpfung des Antisemitismus interessiert. Sie hätten stattdessen vermeintliche „Judenhasser“ unter den Linken gesucht und sie den Reichen und Mächten zum Fertigmachen übergeben.
Moshe Zuckermann (2018): „Der allgegenwärtige Antisemit.
Oder: Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit“

Frankfurt/Main: Westend Verlag, 256 Seiten
Preis: 20,00 €
ISBN: 978-3-86489-227-1
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