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So spannend kann Oper sein

Der fliegende Holländer am Staatstheater Cottbus

von Angelika Koch, Kultur

Zwei und eine viertel Stunde ohne Pause- mein Nachbar stöhnt ein bisschen, als er das hört, aber der „Holländer“ wird immer ohne Unterbrechung gespielt. Im Gegensatz zu anderen bis zu sechsstündigen großen Opern Wagners ist diese romantisch-mystische Geisteroper von 1843 angenehm kurz und der richtige Einsteiger, wenn man ohne Wagneropernerfahrung ist. Diese Inszenierung am Staatstheater ist auf jeden Fall dazu geeignet.

Richard Wagner, der seine Opernlibretti selber verfasste, fand den Stoff in einer alten Sage, die auch schon u.a. Heinrich Heine und Wilhelm Hauff neu erzählt hatten.

Der Inhalt ist schnell zusammengefasst: Der fliegende Holländer ist ein Untoter, der einst wegen eines übermütigen Fluches vom Teufel verdammt wurde, auf ewig die Meere zu befahren. Erlöst würde er erst, wenn er eine ihn liebende Frau fände, die ihm ewige Treue bis in den Tod schwört. Alle sieben Jahre kann er an Land gehen und einen weiteren Versuch wagen, diese Frau zu finden. Daland, ein norwegischer Seefahrer, trifft diesen merkwürdigen Kapitän, lädt ihn tatsächlich in sein Haus und verspricht ihm sogar seine Tochter Senta zur Frau, weil ihn der scheinbar unermessliche Reichtum des Fremden verführt. Zwischen Senta, der Tochter Dalands, und dem fliegenden Holländer funkt es tatsächlich gleich bei der ersten Begegnung, denn Senta träumt die ganze Zeit schon von dem großen Unbekannten. Erik, ein Mann aus dem Dorf, der sich als Verlobter von Senta sieht, versucht, das Mädchen umzustimmen. Der fliegende Holländer, der diese Szene beim Dorffest beobachtet, glaubt, dass auch diese Frau ihm nicht die Erlösung bringen wird. Er will sie dann sogar großzügig freigeben, doch Senta hält ihr Wort und geht mit ihm in den Tod, sodass er und seine Mannschaft vom ewigen Fluch erlöst werden.

Die Regisseurin Jasmina Hadiahmetovic hat mit ihrem Regieteam eine spannende Übersetzung für die Bühne des großen Hauses entwickelt. Sie versucht gar nicht erst, einen Zeitbezug zum Heute krampfhaft hinein zu konstruieren, sondern belässt die romantische Oper in ihrem allgemeingültigen Sagencharakter. Es geht ihr, und da bleibt sie ganz bei Wagner, in erster Linie um das Seelenleben und die Beziehungen der Figuren. Das wandelbare Bühnenbild (Natascha Maraval, die auch die Kostüme entwarf) erinnert z.T. an das Bild „Der Mönch am Meer“ von Caspar David Friedrich. Während der Ouvertüre verdeckt ein durchsichtiger Vorhang mit diesem Motiv, das aber statt des Mönches eine junge Frau zeigt, die Bühne. Das Bühnenbild wird von senkrechten Bretterwänden, Schiffsplanken andeutend, bestimmt. Sie lassen in der Tiefe mal mehr, mal weniger, das stürmische Meer sehen oder können den Spielraum auch ganz einschließen. Der Bühnenboden ist dem steinigen Strand des Gemäldes nachempfunden. Mit riesigen Leitern, auf denen die Herren des Opernensembles halsbrecherisch anmutende Kletteraktionen vollführen, deuten ein Schiff an. Die Spinnstube der Mädchen des Dorfes wird dadurch erlebbar, dass zwei riesige Fischernetze langsam nach oben gezogen und von den Damen des Opernchores, während sie das Spinnerinnenlied singen, mit unzähligen weißen Papierschiffchen behängt werden. Eine von vielen interessanten, schönen metaphorischen Ideen in dieser Inszenierung. Auch die eingesetzten Videos (Ron Petras) sind nie Selbstzweck, sondern erweitern und ergänzen das Bühnenbild und –geschehen auffallend. Schade nur, dass es bei dieser Inszenierung keine Übertitelung gab, sie wäre für das Textverständnis sehr wichtig gewesen.

Dank der exzellenten Regie erleben die Zuschauer eine außerordentliche Ensembleleistung mit herausragenden Solisten sowohl in sängerischer als auch in schauspielerischer Hinsicht. In der Rolle der Senta war in der Premiere als Gast die junge Sopranistin Tanja Christine Kuhn zu erleben. Sie überzeugt mit ihrer jugendlich- klaren Stimme, die aber auch kraftvoll in den Höhen und Tiefen der teilweise recht schwierigen Balladen keine Probleme hat. Mit großer Intensität lebt sie die Rolle. Ihre Senta steht im Zentrum der Inszenierung, sie ist eine selbstbewusste Mädchenfrau, die am Schluss souverän ihre Entscheidung trifft und dem Zuschauer die Deutung des Endes überlässt. Ihr ein ebenbürtiger Partner ist Andreas Jäpel, der den Holländer sängerisch mit Bravour bewältigt, in den lyrischen Passagen zart bleibt, dagegen zum Schluss hin immer kraftvoller stimmlich triumphiert und überzeugend eine tieftraurige, geschundene Kreatur gestaltet. Die erste Begegnung zwischen Senta und dem Holländer knistert vor Spannung, während Daland (Ulrich Schneider), Sentas Vater, noch versucht, seiner Tochter den Fremden „schmackhaft“ zu machen. Schneider überzeugt ebenfalls sowohl stimmlich als auch spielerisch und gestaltet die Rolle mehrmals mit witzigen Momenten. Hardy Brachmann überzeugt in der Rolle des Steuermanns ebenfalls und bleibt vor allem mit dem Lied „Mit Gewitter und Sturm“, halsbrecherisch hoch über dem Bühnenboden auf einer schwankenden Leiter gesungen, im Gedächtnis des Zuschauers. Lediglich Jens Klaus Wilde lässt die Leidenschaft zu oft überborden und trägt dadurch bei der Gestaltung der Rolle des Erik spielerisch und manchmal auch sängerisch zu dick auf, so dass die Figur unglaubwürdig wird.

Opernchor und Extrachor (Leitung Christian Möbius) tragen zum Gesamteindruck nicht unwesentlich bei. Mit mitreißenden, machtvollen Tönen gestalten die Männer sowohl die Matrosen des Norwegers als auch des Holländers und sind mit vollem Engagement gewohnt spielfreudig dabei, ebenso wie die Damen der beiden Chöre. Getragen wird der gesamte Abende vom Philharmonischen Orchester unter Leitung von Alexander Merzyn, der den Klangkörper außerordentlich sensibel durch alle Höhen und Tiefen, aufbrausenden und klagenden wagnerischen Melodien führt und dadurch den Sängern ein sehr verlässlicher Partner ist.

Am Ende des Premierenabends gab es zu Recht stürmischen, lang anhaltenden Beifall und Jubel für alle Beteiligten.

Foto: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER, Romantische Oper von Richard Wagner
Szenenfoto mit Andreas Jäpel (Holländer) und Tanja Christine Kuhn (Senta)
© Marlies Kross

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