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TheaterBlick: Das unmögliche Theater - Folge 1

Der große Marsch von Wolfram Lotz in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus

von Angelika Koch, Kultur

„Hat das etwas mit China zu tun?“, wurde ich gefragt. Nein, mit Mao Tse-tung und der Geschichte des großen Landes im Osten Asiens hat dieses Stück nichts zu tun. Es eröffnete eine Folge von Werken der Gegenwartsdramatik, die unter dem Titel „Das unmögliche Theater“ in dieser Spielzeit in der Kammerbühne inszeniert werden. Diese Serie von drei Stücken wird in ein und demselben Bühnenbild (Jana Wassong) und in immer gleicher Besetzung von drei verschiedenen Regisseuren inszeniert.
Wolfram Lotz, Jahrgang 1981, erhielt für „Der großen Marsch“ 2011 den Kleistförderpreis. Kurz danach erschien „Einige Nachrichten aus dem All“, und der Autor wird seitdem als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren gehandelt. Er schreibt Stücke, Gedichte, Hörspiele, hat neben dem schon erwähnten Kleistpreis zahlreiche andere Auszeichnungen und Förderungen erhalten, und ich verstehe seine Texte nur partiell, wenngleich sie interessant sind. Sie bewegen sich inhaltlich-sprachlich zwischen absurdem Theater a la Beckett und Ionesco, Jandl und Gernhardt. Es gibt keine Handlungslogik, Figuren treten auf und verschwinden wieder, es geht um große Themen wie die Angst vor dem Tod, Politik, Wirklichkeit und Fiktion, und alles wird immer wieder ironisch reflektiert. In einem seiner neuesten Texte „Die Politiker“, einem „Theatergedicht“, lässt Lotz sagen: „Die Politiker sind mittel bis groß/ nein nein/ klein sind nur/ die kleinen Leute/ streichen ums Haus/ passt auf!/ Den Politikern sind die kleinen Leute egal/ und mir und euch doch auch!/ Geh doch schuften, kleiner Mann/ wen interessiert`s/ geh doch buckeln kleiner Mann/ geh doch ruckeln, kleiner Mann, geh zuckeln.“
In „Der große Marsch“ trifft eine Figur, die einfach Schauspielerin (Sigrun Fischer) genannt wird, auf andere Figuren. Sie interviewt sie, bedrängt sie, agitiert die Zuschauer, setzt sich selber unter Druck, etwas für die Ewigkeit zu schaffen, singt, deklamiert, tanzt, macht das alles großartig und tut einem zwischenzeitlich doch leid, weil sie so viel Blödsinn machen muss, aber vielleicht macht ihr das auch ganz großen Spaß.
Die Personen, die in loser Folge auftreten, sind hier ein anderer Schauspieler (Gunnar Golkowski), der Attentäter Lewis Payne, Prometheus (beide ebenfalls von Golkowski gespielt). Der Dramatiker tritt als Figur in seinem eigenen Stück auf, er lässt auch seine Mutter erscheinen und Hamlet (alle Rollen Markus Paul). Frau Merkel wird interviewt, die von Lotz wahrscheinlich gegen Joseph Ackermann, der in der Uraufführung noch dabei war, ausgetauscht wurde. Letztlich bestimmt eine Seegurke noch das Geschehen, wie auch der Regisseur des Stückes auf merkwürdigen Hüpfschuhen immer mal durch die Szenerie tobt (diese Figuren werden von Sophie Bock gegeben), und der Bürgerchor darf als „echte Bürger*innen von Cottbus“ und als Unterwasserwesen mitwirken. Gunnar Golkowski und Sigrun Fischer zeigen gewohnt beachtliche, vielfältige Leistungen, Markus Paul gestaltet interessante gegensätzliche Figuren und Sophie Bock ist als Seegurke nett anzuschauen, bewegt sich trotz des Kostüms, das mehr zum Schwimmen im Wasser geeignet scheint, geschickt und läuft als Bakunin sogar auf Händen.
Das Bühnenbild lässt den Akteuren nicht viel Platz, denn es gibt Podeste, Laufstege, im Hintergrund eine Leiter ins Nirgendwo sowie kleine Kammern, während die rechte Bühnenhälfte von einer größeren Menge von Modell-Neubauhochhäusern vollgestellt wurde. Es gibt Nebel, Musik und Videos, und es ist leider auf weiten Strecken nicht besonders lustig. Die Regisseurin Wiebke Rüter hat die Bühnenfassung (eine Um- oder Bearbeitung des Lotzschen Textes, der sonst eventuell nicht spielbar ist?) und die Kostüme entwickelt. Ihr ist allerdings wenig eingefallen, um die einzelnen Stückfragmente vielleicht etwas mehr zusammenzuhalten. In anderen Häusern wurde das Stück als große Revue gespielt. Ich habe zumindest an diesem Abend gelernt, dass die Seegurke eine Überlebenskünstlerin ist.
Sicher ist Lotz` Text als Versuch zu werten, den herkömmlichen Theaterbetrieb infrage zu stellen und Antworten zu finden auf eine sich immer mehr verwirrende/verirrende Wirklichkeit, in der es viele Wahrheiten zu geben scheint. „Wenn wir schreiben, fordern wir eine Autonomie von der Welt! Darüber sollten wir uns im Klaren sein. Wenn wir schreiben, so schreiben wir nicht einfach die Welt ab (wie sollte das überhaupt gehen), sondern wir entwerfen Vorschläge, Änderungen, Forderungen, indem wir die Welt nicht sehen, wie sie ist, sondern wie sie für uns ist, und wie sie sein könnte, wenn man uns lassen würde, oder wie sie nicht wäre, niemals“ schreibt der Autor in seiner „Rede zum unmöglichen Theater“.
Ja, das ist unmögliches Theater, aber ob es das Theater als Institution rettet? Aber das will es vielleicht auch gar nicht. Gut ist, dass jungen Dramatikern mit dieser Reihe im Staatstheater Cottbus Raum gegeben wird. Man kann gespannt auf den zweiten Abend sein.

Foto: Marlies Kross
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