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TheaterBlick: Die Csárdásfürstin, Staatstheater

Liebe und Csárdás im Schatten des 1. Weltkrieges.

von Michael Apel, Kultur

Als Emmerich Kálmáns Operette „Die Csárdásfürstin“ am 17. November 1915 das Licht der Welt erblickte, befanden sich die Staaten Europas in einem unerbitterlichen Streit, der mit aller Brutalität ausgefochten wurde. Die Tat eines einzelnen Terroristen genügte und wie aufgestellte Dominosteine fielen alle Länder, weit über die Grenzen Europas hinaus übereinander her und entfalteten einen militärischen Konflikt, der später als der 1. Weltkrieg in die Geschichte eingehen sollte.

Auch wenn Kálmán auf den ersten Blick eine Liebesgeschichte mit Standesunterschieden erzählt, so beschreibt sein Werk bei genauerer Betrachtung, eine Zeit und eine Gesellschaft, die diesen Krieg erst möglich gemacht hat. Eine Operette im Schatten einen großen Krieges war für viele Bühnen aber nicht denkbar, zumal Kálmáns hinreißenden Melodien schnell durch Schellackplatten und Konzerte die Herzen des Publikums eroberten.

In der Zeit des Nationalsozialismus gab es zudem für Emmerich Kálmánns Werke ein komplettes Aufführungsverbot weil er Jude war und als in den 1950iger Jahren die ersten Bühnen sich des Stoffes wieder annahmen, wurden alle Elemente die auf den Krieg hinwiesen aus dem Libretto verbannt. So auch in der Verfilmung von 1951, mit der Marika Rökk und Johannes Heesters ihr großes Comeback in den deutschen Nachkriegsfilm feierten.

Es ist ein großes Verdienst von Peter Konwitschny der in seiner Inszenierung 1999 an der Dresdner Semperoper die Gleichzeitigkeit von Krieg und Operettenhandlung erkannte und die militärische Option als permanentes Element in die Handlung aufnahm.

Auch die Cottbuser Premiere vom 23. Juni 2018 im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus leugnet dieses wichtige Element der Operette nicht. Schon das Bühnenbild (Britta Tönne) interpretiert die Endphase einer einst eindrucksvollen und erhabenen Architektur, an der nicht nur der Putz bröckelt, sondern auch kriegerische Auseinandersetzungen und der Zahn der Zeit genagt haben. Überhaupt das Bühnenbild - ein über sieben Meter hoher Bau, auf der Drehbühne installiert und von allen Seiten und auf mehreren Ebenen bespielbar. Eine grandiose Meisterleistung und Beweis der enormen künstlerischen und handwerklichen Leistungsfähigkeit der Werkstätten des Cottbuser Theaters.

Doch wer Kálmáns „Csárdásfürstin“ aufführen möchte, muss erst einmal zwei große Aufgaben lösen. Als erstes braucht man eine Hauptdarstellerin, die einerseits in der Lage ist die anspruchsvolle dramatische Gesangspartie zu bewältigen und andererseit noch so jung und attraktiv erscheint, dass sie als imposante „Brettldiva“ über die Rampe kommt und glaubhaft den Männern den Kopf verdrehen kann. Mit Mine Yücel als Sylva Varescu hat das Staatstheater eine hervorragende Interpretin gefunden, welche in den Gesangspartien, aber auch in den Spielszenen eindrucksvoll die Gefühlswandlungen ihrer Figur darstellen konnte. Die zweite große Herausforderung besteht darin, Kálmáns Operette auf eine für die heutige Zeit verträgliche Spieldauer zu kürzen, ohne dabei der Handlung oder gar den bekannten und beliebten Melodien Schaden zuzufügen. Auch diese Aufgabe lösten Regie und Dramaturgie (Bernhard Lenort) auf hervorragende Art und Weise. Überhaupt gelang es Regisseur Thomas Weber-Schallauer eindrucksvoll, einerseits für seine Figuren glaubhafte Lösungen und Szenen zu finden und andererseits ihnen die Freiräume für Spielfreude und Interpretation zu lassen. So überzeugt Martin Shalita als Edwin nicht nur stimmlich, sondern spielt seine Rolle mit einer bewegenden Mischung aus Hilflosigkeit und fast kindlichem Trotz. Hardy Brachmann ist als Boni ein Glanzpunkt in der Inszenierung. Wendig, lebendig und mit seinen Pointen immer auf dem Punkt, gelingt es ihm selbst die skurrilsten Momente überzeugend und glaubwürdig darzustellen, dabei stimmlich immer Herr seiner Partie. Liudmila Lokaitchuk als Komtesse Stasi muss wohl die heftigsten Gefühlswandlung vollziehen. Als jahrelang wartende Braut erkennt sie schnell, dass es mit Edwin nichts wird, um dann umgehend glaubhaft auf die Liebenserklärungen von Boni zu reagieren. Dabei bleibt ihre Rolle immer eine ernstzunehmemde Person, eine junge Frau die auch ihre eigenen Wünsche formuliert und sich nicht zu leicht zum Spielball männlicher Heiratspläne machen läßt. Grandios gespielt und gesungen. Als Feri-Bácsi konnten die Zuschauer nach langer Krankheit wieder Publikumsliebling Heiko Walter begrüßen, der es bestens verstand den hintergründigen Witz und die tragische Melancholie seiner Figur in den Dienst der Inszenierung zu stellen. Carola Fischer und Ulrich Schneider überzeugten als steifes und humorloses Ehepaar von und zu Lippert-Weylersheim ebenso, wie Dirk Kleinke als pflichterfüllender Eugen von Rohnsdorf mit der menschlichen Portion Verständnis für seinen Neffen Edwin.

Choreografin Annalisa Canton gelang es virtuos Solisten, Opernchor und Ballett in den Szenen tänzerisch zu verbinden und hielt dabei so manche Überraschung bereit. Wenn zum Beispiel im Lied des Boni die Putzfrauen, Gardrobieren, Köchinnen und Kellnerinnen mit den Tänzerinnen in eine große Girlreihe einsteigen, dann bekommt der Refrain: „Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht“, plötzlich eine völlig neue Bedeutung. Der Walzer der Krankenschwestern mit den verwundeten Soldaten (Damen und Herren des Balletts) und das Quartett im 2. Akt sind choreographische Glanzpunkte der Inszenierung.

Nicole Lorenz schuf unzählige Kostüme im Spannungsfeld einer aussterbenden Monarchie, eines laufenden Krieges und eines Varietetheaters vor und hinter der Bühne und trug so entscheidend zur Atmosphäre der Inszenierung zwischen Krieg und Operettenhandlung bei. Die Damen und Herren des Opernchores überzeugten mit einer wohltuend ehrlichen und genauen Spielweise, musikalisch einstudiert von Christian Möbius und einer ganzen Reihe von Soloauftritten.

Eine Pracht war die musikalische Leitung. Alexander Merzyn verstand es eindrucksvoll den Schmelz und die tiefe Melancholie der Kálmánschen Musik mit dem Philharmonischen Orchester zu entwickeln, begleitete die Bühne auf das trefflichste und wagte es, die großen Emotionen zu den Fermaten hin, förmlich ins akustische Nichts zu entlassen, ohne dabei auch nur die kleinste Irritation zwischen Sänger und Orchester zu gestatten.

Thomas Weber-Schallauer ist eine glaubwürdige Inszenierung gelungen, welcher der Spagat zwischen Kriegsmelodram und Liebesgeschichte gelingt. Leider vertraute er selbst seiner Inszenierung nicht und erfand eine zusätzliche Figur. Daniel Heck spielt eine Art allegorische Figur die permanet in den Szenen anwesend ist und so das drohende Unheil ankündigt. Doch derart didaktische Erklärungen braucht es nicht und so beginnt diese Figur schon im 1. Akt mehr zu stören als zu erzählen und später nur noch zu nerven. Dabei spielt Daniel Heck den „Er“ mit großer Präsenz und fast choreografischer Genauigkeit. Doch gerade in seinen stärksten Momenten, zerstört er damit unfreiwillig die Emotionalität und Ehrlichkeit in den Szenen seiner Kollegen.

Dennoch ist „Die Csárdásfürstin“ eine gelungene Produktion des Cottbuser Staatstheaters und hoffentlich mit zahlreichen Vorstellungen im Spielplan 2018/2019 vertreten.

pictures/artikel/IMG_38136612.jpgFoto: Marlies Kross
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