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Finanzhaie dominieren westlichen Kapitalismus

Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts

von Bernd Müller, Buch

Finanzhaie dominieren westlichen Kapitalismus

Als Karl Marx anfing, sich mit dem Kapitalismus zu beschäftigen, schien die Welt der Ökonomie noch einfach strukturiert zu sein. Die Leitung eines Unternehmens lag in der Hand des Firmeneigentümers. Wenige Jahrzehnte später hatte sich das verändert: Mit dem Aufkommen der Aktiengesellschaft trennten sich Eigentümer und Leitungsfunktion, wer die Aktienmehrheit hatte, musste nicht unbedingt auch der Geschäftsführer sein. Scharfsinnige Autoren wie Rosa Luxemburg, Rudolf Hilferding oder Lenin analysierten diese Entwicklung vor über 100 Jahren.

Zu ihrer Zeit war aber noch sehr deutlich, wer die Ausbeuter und wer die Ausgebeuteten in der Gesellschaft waren. Die, die vom kapitalistischen Wirtschaftssystem profitierten, waren nicht schwer, zu erkennen, und wer die Verantwortung für Rationalisierung, Entlassung oder Lohnkürzung trug, war meist bekannt. Die Arbeiter wussten, wer ihr Elend verursachte.

Die wirtschaftliche Entwicklung ging weiter, die Unternehmen wurden zu riesigen, globalen agierenden Konzernen. Verantwortung für Entscheidungen lässt sich kaum noch zuordnen. Genauso lässt sich heute kaum noch erkennen, in wessen Taschen die Profite der großen Konzerne fließen.

Haben wir heute deswegen einen anderen Kapitalismus als noch vor 100 oder vor 150 Jahren? Werner Rügemer, Publizist und Mitbegründer der Aktion gegen Arbeitsunrecht, ist dieser Meinung. Mit seinem im Papyrossa-Verlag erschienenen Buch „Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts“ legt er eine Analyse unseres Wirtschaftssystems vor.

Neue Finanzakteure mit enormer Macht haben nach der Finanzkrise die bisherigen Großbanken in diesem System abgelöst, so seine Meinung. Der Aufstieg dieser globalen Finanzakteure hätten zur Herausbildung eines „neuen Kapitalismus“ geführt, schreibt er. Dabei unterscheidet er mehrere Gruppen, an deren Spitze Kapitalorganisation von der Art „BlackRock“ stehen.

Bei diesen sammle sich „das Kapital der transnationalen kapitalistischen Klasse“. Es komme zum allergrößten Teil von jenen, die schon sehr viel Kapital besäßen und es mit neuen Methoden noch schneller verwerten wollen als bisher. „Deshalb überlassen weltweit Unternehmens-Erben, Unternehmerclans, Unternehmer [...], Geschäftsführer, Unternehmensstiftungen, Milliardäre und Millionäre ihr flüssiges Kapital vertrauensvoll BlackRock.“ Ab 50 Millionen sei man dabei. Selbst traditionelle Banken, Versicherungen, Zentralbanken oder Pensionskassen würden BlackRock Kapital anvertrauen.

Die Folge ist, dass sich die Macht, welche die Manager von BlackRock innehaben, gewaltig ist. Inzwischen ist dieses Finanzunternehmen Großaktionär in 282 der größten 300 westlichen Kapitalgesellschaften. Es sei mittlerweile „Miteigentümer in 17.309 Unternehmen, Banken und anderen Kapitalorganisationen weltweit“. Die Größe ihrer Beteiligungen schwankt zwischen 8,3 und 1,49 Prozent.

Die Macht entspringt laut Rügemer aber nicht aus den relativ geringen Anteilen, sondern aus einem ganzen Arsenal von Instrumenten, mit denen Gesellschaften vom Typ BlackRock die Unternehmen lenken: „BlackRock & Co wissen über alle wichtigen Unternehmen Bescheid, auch über die Konkurrenz in derselben Branche“. Sie seien Miteigentümer der Rating-Agenturen, die die Kreditkonditionen der Unternehmen und Staaten festlegen. Gleichzeitig seien Staaten und Unternehmen von Dienstleistungen abhängig, die BlackRock & Co erbingen. Sie könnten die Wertermittlung der Unternehmensaktien beeinflussen und damit die Unternehmensführungen unter Druck setzen. Sie könnten zudem nachhaltigen Einfluss auf die Entscheidungen von Staaten und internationalen Organisationen nehmen und dabei – ganz nebenbei – die Demokratie aushöhlen. „So beriet und berät BlackRock die EZB beim Programm zum Ankauf von Unternehmens- und Staatsanleihen. BlackRock organisierte im Auftrag der Europäischen Kommission den Stresstest für die 39 größten Banken in der EU in denen BlackRock vielfach selbst Miteigentümer ist.“ Außerdem erstellten sie die Risikoanalysen für die Bankenrettung in Irland, Griechenland, Großbritannien und Zypern.

In der nächsten Gruppe von etwas kleineren Finanzunternehmen befinden sich die Beteiligungsgesellschaften (PEs). Sie kaufen Firmen, betreiben sie einige Jahre und stoßen sie wieder ab. Ihre Gewinne entstünden „erstens durch Abbau von Arbeitsplätzen, Lohnkürzungen, Kürzung von übertariflichen Leistungen, durch Mehrarbeit bei gleichem Lohn, durch vermehrten Einsatz von Leiharbeitern und durch Auslagerung“. Zweitens verkaufe man Teile des Unternehmens und arbeite drittens an der „Steueroptimierung“.

„Nach getaner Arbeit hinterlassen die Heuschrecken ausgeweidete Unternehmen. Mit hohen Krediten der PEs, das Aktivvermögen - etwa Immobilien – verkauft, die Belegschaften mit verlängerten Arbeitszeiten und gekürzten Löhnen konfrontiert und Leiharbeit sowie Teilzeitbeschäftigung, die Einzug gehalten haben.“

Hedgefonds führen sich als „Plünderer“ auf. Rügemer führt zahlreiche Beispiele an, wie das rücksichtslose Vorgehen der neuen Kapitalorganisationen in das Leben der Betroffenen eingreift, wo beispielsweise Belegschaften durch „zivile Privatarmeen des Investors“, durch Security und Anwaltskanzleien eingeschüchtert und demoralisiert und Betriebsräte herausgemobbt wurden.

Dem westlichen Modell des Kapitalismus setzt Rügemer den „kommunistisch geführten Kapitalismus“ entgegen. China kaufe seit 2007 verstärkt Unternehmen in zentralen kapitalistischen Ländern, den USA und in der EU, auf. „Die Aufkäufe haben nicht das Ziel, wie bei den US-Finanzinvestoren, bestehende Substanz zu verwerten und schnellen und hohen Profit herauszuholen.“ Selbst die Bertelsmann-Stiftung musste zugeben: Die Chinesen sichern langfristig Standorte und Arbeitsplätze.
Werner Rügemer (2018):
Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts.
Gemeinverständlicher Abriss zum Aufstieg der neuen Finanzakteure

Köln: Papyrossa-Verlag, 357 Seiten
Preis: 19,90 Euro
ISBN 978-3-89438-675-7
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