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Die Macht der Bilder

Die öffentliche Meinung. Wie sie entsteht und manipuliert wird

von Bernd Müller, Buch

Walter Lippmann, in Deutschland wenig bekannt, gilt in den USA als der am meisten gelesene politische Autor des 20. Jahrhunderts. Für mehrere Zeitungen schrieb er Kolumnen, veröffentlichte Bücher, und Präsidenten und Politiker hörten auf ihn. Seine historische Bedeutung beschränkt sich allerdings nicht auf seine journalistische Arbeit. Lippmanns Verdienst ist es, die Macht der Bilder für unser Denken hervorzuheben.

Edward Bernays, einer der bekanntesten Experten im Bereich der Public Relations, schrieb einmal, die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen sei ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Warum das so ist, hat Walter Lippmann 1922 in seinem Buch „Die öffentliche Meinung. Wie sie entsteht und manipuliert wird“ herausgearbeitet.

Worum es geht, sind die Vorstellungen, die wir von Dingen oder von sozialen Zusammenhängen haben. So fragt Lippmann: „Welches Bild ruft das Wort ‚Mexiko‘ in einem Bewohner New Yorks hervor, wenn wir es verwenden?“. Und antwortet: „Wahrscheinlich ist es eine Zusammensetzung aus Sand, Kakteen, Bohrtürmen, Mexikanern, Rum trinkenden Indianern, reizbaren alten Kavalieren, die ihre Backenbärte und ihre Würde pflegen, oder vielleicht ein idyllisches Landvolk in der Art von Jean-Jacques Rousseau, das von der Aussicht auf qualmende Industrie geplagt wird und für die Menschenrechte kämpft“.

Woher hat aber der New Yorker seine Vorstellung, wenn er noch nie in Mexiko war und sich selbst ein Bild von Land und Leuten machen konnte? Er hat sie gelesen, gehört, im Film oder auf Fotos gesehen, kurzum: Er hat sie von anderen Menschen übernommen.

Die moderne und komplexe Welt hat diese Einsicht notwendig gemacht. Der Mensch sei kein aristotelischer Gott, der die gesamte Existenz mit einem Blick umfasse, schreibt Lippmann. Er sei ein Geschöpf einer Evolution, das gerade einmal jenen Teilbereich der Wirklichkeit erfassen kann, welcher sein Überleben sichert. Er nimmt wahr, was er mit seinen Sinnen fassen kann, alles andere liegt außerhalb seiner Wahrnehmung, und von dem kann er sich keine Vorstellungen machen. Nur durch die Entwicklung bestimmter Methoden sei es dem Menschen schließlich gelungen, zu sehen, „was kein bloßes Auge sehen konnte“, und zu hören, „was kein Ohr zu hören vermochte“.

Man solle den Vorstellungen unabhängig von ihrem Wert in einer bestehenden Gesellschaftsordnung als einen wichtigen Teil im Mechanismus der zwischenmenschlichen Beziehungen betrachten, so Lippmann. „In jeder Gesellschaft, die sich nicht völlig auf ihre eigenen Interessen beschränkt und so klein ist, dass jedermann alles von allem, was geschieht, wissen kann, haben es die Gedanken mit Ereignissen zu tun, die nicht vor unseren Augen ablaufen und nur schwer zu fassen sind“. Gerade in politischer Hinsicht hätten wir es mit einer Welt zu tun, die außer Reichweite, außer Sicht, außerhalb unseres Geistes liege. „Man muss sie erst erforschen, schildern und sich vorstellen.“

Fernsehen, Radio, Zeitungen, Schule, Kirchen, Familien usw. prägen unsere Vorstellungswelt. Was heute gern als Manipulation bezeichnet wird, ist in erster Linie ein normaler und notwendiger Prozess, der unser Handeln beeinflusst. „Die Art und Weise, wie der Mensch sich die Welt vorstellt, wird in jedem einzelnen Augenblick darüber bestimmen, was er tut. Sie wird aber nicht darüber bestimmen, was er tatsächlich erreicht. Sie bestimmt das Maß seiner Anstrengungen, seine Gefühle, seine Hoffnungen, nicht seine Leistungen und Ergebnisse.“

Unsere Vorstellung von Demokratie, so Lippmann, basiert auf einem Leitbild, das nicht mehr mit einer komplexen Gesellschaft von heute vereinbar ist und schon mit der Gesellschaft vor zweihundert Jahren nicht übereinstimmte. So stand zum Beispiel das Dorf im Mittelpunkt der Demokratievorstellungen eines Thomas Jefferson. „Die demokratische Tradition versucht daher ständig eine Welt zu sehen, in der sich die Menschen ausschließlich mit Angelegenheiten befassen, deren Ursachen und Wirkungen alle innerhalb des Gebietes liegen, das sie bewohnen. Niemals hat sich die demokratische Theorie im Zusammenhang einer weiten und unvorhersehbaren Umwelt sehen können“. Weil die frühen Demokraten annahmen, dass man eine unmittelbare Selbstregierung zu bekommen, eine einfache, autarke Gemeinschaft braucht, entwickelten sie das Leitbild, „dass der eine Mensch ebenso kompetent wie der nächste sei, um die einfachen und eigenständigen Angelegenheiten zu bewältigen“. Diese Vorstellungen gerieten dann aber bald in Widerspruch mit der politischen Wirklichkeit und man ließ sie teilweise fahren.

Dass man das tun konnte, zeigt, Vorstellungen sind wandelbar. Der Mensch ist in der Lage, die Bilder in seinem Kopf zu hinterfragen und zu korrigieren. Die eigene Erfahrung hilft dabei. Durch Reisen lernt man beispielsweise entfernte Gegenden besser kennen. Durch Lesen kommen wir mit den Meinungen verschiedenster Menschen in Kontakt. Wir können abwägen und Widersinniges verwerfen.

Lippmann schloss aus seinen Ausführungen, dass die Gesellschaft ein Gremium benötigt, das die ungesehene, nicht direkt wahrgenommene Welt für die Menschen aufbereitet und entsprechende Vorstellungen formt. Seine Vision eines unabhängigen Expertentums, dass keine eigenen Interessen verfolgt und von staatlichen Organen nicht abhängig ist, ist eine Utopie und wird es auch immer bleiben.

Eine lebhafte demokratische Debatte, in der die Menschen sich selbst zu neuen, höheren Erkenntnissen emporarbeiten und ihre Vorstellungswelt gemeinsam der Realität annähern, zog Lippmann gar nicht erst in Betracht. In unserer Gesellschaft ist sie freilich auch nur eine Utopie, weil sie unter anderem demokratische Medien voraussetzt. Unter anderen Umständen wäre sie sehr wohl machbar.
Walter Lippmann (2018)
„Die öffentliche Meinung.
Wie sie entsteht und manipuliert wird“

Westend Verlag, Frankfurt/Main
384 Seiten
Preis: 26€
ISBN: 978-3-86489-223-3
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