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Pflicht oder Moral

Hugo Boris: Die Polizisten

von Bernd Müller, Buch

Am Ende eines heißen Sommertags werden die Polizisten Virginie, Aristide und Érik mit einem Sondereinsatz beauftragt: Sie sollen einen Flüchtling zum Flughafen Charles de Gaulle bringen, dessen Antrag auf Asyl abgelehnt wurde. Eigentlich ein Routinejob, doch diesmal ist es anders.
Eine Flüchtlingsorganisation protestiert, weil über den Asylantrag noch nicht endgültig entschieden sei und dass auf den Tadschiken in seiner Heimat nur der Tod wartet. Hin- und hergerissen zwischen stumpfer Pflichterfüllung und Neugierde schaut sich Virginie auf der Fahrt die Abschiebepapiere an. Sie und ihre Kollegen geraten in einen Gewissenskonflikt: Gehorsam leisten oder den eigenen moralischen Instinkten folgen? Die Fahrt nach Roissy wird zu einer schweren Prüfung, aus der keiner der Beteiligten unversehrt hervorgeht, wenngleich jeder andere Konsequenzen für sich daraus zieht.
Fünf Monate lang ist der Filmdozent und Buchautor Hugo Boris mit französischen Polizeibeamten Streife gefahren und hat mit ihnen ihren Alltag erlebt. Sein kürzlich auf Deutsch erschienene Roman „Die Polizisten“ lässt den Leser tief in die Lebenswirklichkeit von Polizisten eintauchen. Und er gibt einem gesellschaftlichen Konflikt ein menschliches Gesicht.
Als sich Virginie für den Beruf der Polizistin entschied, hatte sie noch Ideale. Sie wollte Verbrecher fangen und damit der Gesellschaft einen großen Dienst erweisen. Mit der Zeit sind die Ideale verflogen.
„Sie hat sich damit abgefunden, dass ihr Alltag ein wenig heroisches Potpourri aus Melderegistereintragungen, Verkehrsbehinderungen durch Tiere, in der Vorschule vergessenen Kindern und Raufereien ist, aus besetzten Hauseingängen, Wohnwagendiebstählen, nächtlicher Ruhestörung, Beschwerden wegen Hundegebell, abgefahrenen Reifen, endlosen Unfallaufnahmen, Mondsüchtigen, Fehlalarmen, Lausbubenstreichen und Kleinganoven, die wieder auf freiem Fuß sind, ehe man das Protokoll fertig getippt hat.“
Die drei Polizisten sind weder Helden noch Unmenschen. Sie gehen einem Job nach, der ihnen immer öfter als „Allzweckwaffe der öffentlichen Ordnung“ erscheint, der sie aber auch ernährt. Ihr Auftrag stellt sie vor eine moralische Zwangslage: Sollen sie gegen das Gesetz verstoßen und die berufliche Laufbahn aufs Spiel setzen, um das Leben eines Fremden zu retten?
Der Roman hat eine weitere Konfliktebene. Virginie ist verheiratet, die Geburt ihres Kindes ist noch nicht lange her. In ihrer Beziehung lief es seitdem nicht besonders, und sie stürzte sich in eine Affäre mit Aristide, Schönling und Großmaul auf dem Revier. Schwangerschaft, geplante Abtreibung. Aristide weiß davon und schwankt zwischen Eitelkeit und Verliebtheit.
Hugo Boris (2018): „Die Polizisten“
Berlin: Ullstein-Verlag
192 Seiten
ISBN: 978-3-550-05046-6
Preis: 20,00€
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