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TheaterBlick: Don Giovanni

in der Inszenierung von Intendant Martin Schüler am Staatstheater Cottbus

von Angelika Koch, Kultur

An dieser „Don Giovanni“- Inszenierung hätte Mozart seine helle Freude gehabt. Es geht turbulent, rasant, dramatisch, witzig und hoch musikalisch zu, und eigentlich scheint Meister Mozart als David-Garrett-Verschnitt in der Titelfigur höchst selbst das furiose Bühnengeschehen zu bestimmen.
Don Juan, ital. Don Giovanni, hat über drei Jahrhunderte Dichter beschäftigt und Komponisten angeregt, denn der ewige Verführer, unersättlich Begehrende, der hemmungslos, asozial und unmenschlich Frauen in seinen Bann zieht, benutzt und wegwirft, wird immer reizvoll bleiben, besonders in dieser „Oper aller Opern“.
In einem Bühnenbild (Gundula Martin), das die Katastrophe vorwegnimmt, denn die Schlossfassade scheint jeden Moment nach vorne zu kippen und der rote Theatervorhang ist schon in Fetzen, hat Intendant und Regisseur Martin Schüler eine temporeiche Inszenierung mit einem spielfreudigen Ensemble entwickelt, das vom Orchester unter Leitung von GMD Evan Alexis Christ auf das vortrefflichste unterstützt wird. Mozart, der die Ouvertüre erst in der Nacht vor der ohnehin schon verschobenen Premiere am 29.10.1787 in Prag geschrieben hatte, hält sich nicht lange bei der Vorrede auf, er geht gleich in medias res. Der Regisseur geht da mit, indem er schon während der Ouvertüre den Verführer Don Giovanni bei seiner Lieblingsbeschäftigung, sich mit Frauen zu amüsieren, zeigt, Donna Anna und ihr Vater aus der Seitenloge das ganze beobachten lässt und das Publikum in die Handlung förmlich hineingesogen wird.
Mit dem jungen Bariton Christian Henneberg, der seit drei Jahren Mitglied im Opernensemble des Staatstheaters ist, hat Martin Schüler einen wunderbaren Sänger und Darsteller adäquat mit der Titelfigur besetzt. Henneberg meistert die musikalischen Anforderungen, die diese Rolle mit sich bringt, mit Bravour. Ständig in Bewegung, überzeugend in der Gestaltung, gerade im Zusammenspiel mit seinem Diener Leporello auch immer wieder seine Gefährlichkeit und Bösartigkeit zeigend. Gerade noch eben Kumpel, zeigt er ihm, wer der Herr und wer der Knecht ist. Und dabei führt der Sänger seine Stimme elegant und wohlklingend, wenn er die Frauen bezirzen will, bringt sie aber auch in bösartige Abgründigkeit, wenn es darum geht, mit Gewalt seine Launen durchzusetzen.
Die Rolle des Dieners wird von Andreas Jäpel in gewohnt souveräner Art sowohl musikalisch als auch spielerisch gestaltet. Sein Leporello wirkt auf den ersten Blick durch das Kostüm (Kostüme Susanne Suhr) recht bieder und ein wenig einfältig, aber dahinter versteckt sich ein gewitztes, mit allen Wassern gewaschenes Pendant zu Don Giovanni, stets mit dem Willen, seinen Herren zu verlassen und dessen böse Spiele nicht mehr mitzumachen. Doch Leporello lässt sich immer wieder kaufen, weil er eigentlich lieber selber Herr sein würde und muss dann auch hin und wieder Prügel einstecken, wenn er, in den Kleidern seines Herrn, auch für diesen gehalten wird. Vokal gestaltet Jäpel seine Rolle, in den Rezitativen immer mal ins Deutsche wechselnd, während alle anderen generell italienisch singen, wunderbar.
Mozart hat beide Rollen wie schon in seinem „Figaro“ Baritonstimmen anvertraut und allein damit eine gewisse Ebenbürtigkeit zwischen den Herren und den Dienern geschaffen.
Von den laut Leporello statistisch erfassten 2063 durch seinen Herren verführten Frauen treten an diesem letzten Tag des Frauenjägers, den die Handlung umfasst, drei unterschiedliche Damen in Erscheinung: Donna Anna (Sara Rossi Daldos als Gast), Donna Elvira(am 2.4.18 von Karina Skrzeszewska für die erkrankte Deborah Stanley gegeben) und Ljudmila Lokaichuk in der Rolle der Zerlina. So unterschiedlich Charakter und soziale Herkunft der Figuren sind, lässt Mozart alle drei Frauen von Sopranen singen. Sicher, die Stimmfächer der Rollen sind unterschiedlich, aber am überzeugendsten gestaltete Ljudmila Lokaichuk ihren Part des Bauernmädchens Zerlina. Ihre Stimme perlte agil, leicht und elegant, und es war eine Freude, ihr zuzuhören und zuzusehen. Sara Rossi Daldos hatte doch an der einen oder anderen Stellen in der Höhe an diesem Abend etwas zu kämpfen und dominierte im abschließenden Sextett zu sehr. Karina Skrzeszewska konnte im Laufe der Vorstellung ihre Aufregung niederringen und immer überzeugender ihre schöne Stimme mit einbringen.
Der dreistündige Opernnachmittag verging wie im Flug, weil alle Sänger und die Damen und Herren des Opernchores (Leitung Opernchordirektor Christian Möbius) dank der genauen Personenführung und einer schwungvollen Choreografie temporeich agieren und musizieren. Es gibt eine ganze Kaskade interessanter und amüsanter Regieeinfälle, und die Kostüme, geschickt in einer zeitenlosen Balance, mehr auf das hier und heute weisend, belassen, beziehen im Maskenball, den Don Giovanni am Abend in seinem Schloss gibt, auch die Kleiderordnung der Mozartzeit mit ein.
Das Orchester unter Leitung des GMD E.A.Christ treibt das Tempo der Handlung mit voran, ist wuchtig, präzise, gestaltet wunderschöne melodische Linien mit größter Zartheit, hält inne und überlässt die Begleitung einem Klang aus einem alten Radioapparat.
Das Publikum applaudiert begeistert, aber es bleibt nach den jüngsten Veröffentlichungen um Diskrepanzen zwischen dem Generalmusikdirektor und dem Ensemble ein bitterer Beigeschmack, wenn man erfährt, unter welchen Bedingungen eine solche Operninszenierung eventuell zustande gekommen ist.

pictures/artikel/IMG_26045553.jpgim Vordergrund v.l.n.r.: Andreas Jäpel (Leporello), Ingo Witzke (Masetto); Christian Henneberg (Don Giovanni) und Liudmila Lokaichuk (Zerlina); im Hintergrund: Damen und Herren des Opernchores © Marlies Kross
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