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Sozialstaat wieder in seine Rolle einsetzen

Claudia Pinl: Ein Cappuccino für die Armen. Kritik der Spenden- und Ehrenamtsökonomie

von Bernardo Cantz, Buch

Kurz vor Weihnachten rückt die Armut in Deutschland und anderen Teilen der Welt wieder stärker in den Fokus der Öffentlichkeit. Wir werden wie jedes Jahr im Dezember aufgefordert, Mitgefühl zu zeigen, den ein oder anderen Glühwein für einen guten Zweck zu trinken und zu spenden.
Wenn man von diesem, sich jedes Jahr wiederholenden Ritual absieht, fällt noch etwas auf: Der Ruf nach dem Engagement der Bürger wird immer lauter. Schlecht ist ja nicht, wenn sich die Menschen mehr einbringen. Und wer hilft nicht ab und zu gern im Kindergarten, in der Schule, im Verein?
Doch der Ruf nach Bürgerengagement, der in unserem Land erschallt, hat etwas Anrüchiges an sich. Denn parallel zum ihm wird die öffentliche Daseinsvorsorge abgebaut. Claudia Pinl zeichnet diesen Prozess in ihrem Buch „Ein Cappucchino für die Armen. Kritik der Spenden- und Ehrenamtsökonomie“ nach.
Im Klappentext heißt es treffend: „Wenn öffentliche Aufgaben auf die Schultern von Freiwilligen verlagert werden, können Steuern niedrig und große Vermögen unangetastet bleiben und kann die Schuldenbremse trotzdem eingehalten werden. Mit dem guten Willen der Menschen lassen sich aber auch gute Geschäfte machen. Öffentliche Gelder fließen an Agenturen, Organisationsberater, Stiftungen und Weiterbildungseinrichtungen, die Freiwillige motivieren, rekrutieren, ausbilden und vermitteln.“ Eine wachsende Spendenindustrie breite sich zudem in den vom Rückzug der Sozialpolitik geschaffenen Nischen aus. Was sich hierzulande entwickelt, ähnelt ihrer Meinung nach dem mittelalterlichen Mildtätigenwesen.
Dieser Trend schwappte aus den angelsächsischen Staaten zu uns herüber. Bereits ab 1982 empfahlen deutsche Thinktanks, öffentliche Dienstleistungen zu privatisieren und den Sozialstaat zurecht zu stutzen. Mit der „geistig-moralischen“ Wende unter Helmut Kohl wurde es Realität. In seiner Regierungserklärung am 13.10.1982 forderte er mehr „Selbst- und Nächstenhilfe der Bürger füreinander“. Der „anonyme, bürokratische Wohlfahrtsstaat“ solle zurückgedrängt werden.
Das Problem daran ist: Mildtätigkeit ist etwas Freiwilliges. Sich um soziale Belange zu kümmern wird nicht mehr als gesellschaftliche Aufgabe begriffen. Es macht einen Unterschied, ob die Kommune sich zur Aufgabe macht, die Grünflächen im Stadtteil zu pflegen und dafür Personal anstellt, oder ob die Anwohner das in Eigenleistung besorgen. Es macht auch einen Unterschied, ob Kindergärten ausreichend finanziert werden oder ob sie im Spenden betteln müssen, um Spielgeräte zu kaufen.
Dieser Trend höhlt die Demokratie aus und gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Spendet ein Unternehmer für einen Spielplatz, dann entscheidet in der Regel er, welcher Spielplatz etwas davon haben soll. Dabei spielt keine Rolle, dass das Geld in einem anderen Stadtteil vielleicht besser aufgehoben wäre. Das Interesse der Allgemeinheit bleibt unbeachtet.
Claudia Pinl (2018):
Ein Cappuccino für die Armen. Kritik der Spenden- und Ehrenamtsökonomie

Köln: Papyrossa-Verlag, 159 Seiten
Preis: 12,90€
ISBN: 978-3-89438-677-1
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