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Eine AfD-Aussteigerin berichtet

von Bernd Müller, Buch

Für ein paar Monate war Franziska Schreiber eine Prominente. Sie tourte durch Talkshows und warnte eindringlich vor der Partei, die sie selbst jahrelang mit aufgebaut hatte: die „Alternative für Deutschland“, kurz AfD. Nachdem sie eine Woche vor der Bundestagswahl 2017 ihren Parteiaustritt vollzogen hatte, veröffentlichte sie in diesem Jahr ihr Buch „Inside AfD. Der Bericht einer Aussteigerin“.

Scheinbar geplagt von einem schlechten Gewissen, „übernimmt sie die Verantwortung, die Wähler über den Rechtsruck der Partei aufzuklären“, heißt es im Klappentext. In ihrem Buch erzähle sie „die ganze Geschichte der AfD“ und mache unmissverständlich deutlich, was die radikalen Wortführer der Partei wirklich denken. Insofern klingt die Ankündigung des Buches interessant. Die öffentlichen Reaktionen des Rechtsaußen-Flügels bestärken noch eher das Interesse, weil der Leser annehmen darf, dass ihm brisante Interna offenbart werden.

Aufsehen hat das Buch vor allem deshalb erregt, weil es angeblich einen Skandal losgetreten hätte. Der nunmehr ehemalige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, soll nach Aussagen von Schreiber die ehemalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry beraten haben, wie sie eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz vermeiden könne. Maaßen und Petry dementierten, Schreiber reagierte mit einer eidesstattlichen Erklärung. Neu und brisant war Schreibers Aussage allerdings nicht: Das Magazin „Der Spiegel“ hatte schon vorher darüber berichtet.

Gleiches gilt für das Meiste, was Schreiber dem Leser darbietet. Die Empörungswelle in den sozialen Netzwerken hatte in den letzten Jahren so viele Aussagen und Positionen des rechten AfD-Flügels an die Öffentlichkeit gebracht, dass kaum etwas nicht bekannt ist. Was bleibt und Neuheitswert haben könnte, sind Belanglosigkeiten: Alexander Gauland nimmt Medikamente gegen Depressionen. André Poggenburg hatte eine Affäre mit der Tochter eines Angestellten. Frauke Petry sei nicht entsetzt gewesen über ihre Niederlage auf dem Parteitag in Köln... Ist das die „ganze Geschichte der AfD“, die dem Leser etwas über das Wesen dieser Partei erklären soll? Oder die den Wähler davon abbringen sollen, die AfD zu wählen? Mag sein, dass Götz Kubitschek, Vordenker der neuen Rechten in Deutschland, mit seiner Familie umgeht, als lebten sie noch im Mittelalter. Über sein Denken und sein gesellschaftliches Wirken sagt das gar nichts. Darüber gibt es allerdings bessere und wichtigere Bücher. (Siehe Blicklicht 01/2018)

Beim Lesen des Buchs drängt sich der Eindruck auf, als habe bei Franziska Schreiber eine gehörige Portion Naivität zu ihrem Engagement in der AfD geführt. Bevor sie den Weg zu dieser Partei fand, begeisterte sie sich für die Klientelpartei FDP. Deren asozial-neoliberales Programm sprach sie an, und am Ende war sie enttäuscht, dass die FDP das macht, was sie immer macht: Den Reichen geben und den Armen nehmen. Dann trat sie in die AfD ein, die bis heute ein in vielen Punkten mit der FDP vergleichbares Programm vertritt. Dort war sie erst begeistert von AfD-Gründer Bernd Lucke. Als der mit seinem Anti-Euro-Kurs zunehmend langweilig für die Basis wurde, lief sie Frauke Petry hinterher, die auch ein neoliberales Programm vertrat.

Sie las Götz Kubitschek, Thilo Sarrazin, Alain de Benoist, Akif Pirinçci und andere in rechtsextremen Kreisen prominente Autoren und musste irgendwann mit einiger Verwunderung feststellen, dass sich auch ihre Meinung immer weiter nach rechts verschob. Es wirft übrigens auch ein negatives Licht auf unser Schulsystem: Wenn ein junger Mensch mit Mitte Zwanzig offenkundig rassistische Texte nicht als ebensolche erkennen kann, dann hat er wohl im Politikunterricht nie etwas Fundiertes über Rassismus gehört.

Einen tieferen Einblick in das Wesen der AfD bietet der von Anton Latzo herausgegebene Sammelband „Wehret den Anfängen! Die AfD: Keine Alternative für Deutschland“. Es wird schnell deutlich, weshalb sich der Verfassungsschutz schwertut mit einer Beobachtung der AfD. Deren Positionen sind nämlich in weiten Teilen identisch mit denen konservativer Kräfte in CDU und CSU.

Das ist auch ein entscheidendes Problem in der Debatte um die AfD. Sie pauschal als rassistische oder gar als faschistische Organisation darzustellen, versperrt den Blick dafür, dass sie Teil des deutschen Konservativismus ist.

Man sollte nicht vergessen, die AfD ist von ihrem Ursprung her eine Abspaltung von der CDU. Alexander Gauland gehörte zum Beispiel über 40 Jahre zu den Christdemokraten und vertrat dort in verschiedenen Plattformen Positionen, die man heute vor allem von der AfD kennt. In seinem Buch „Anleitung zum Konservativsein“ kritisierte Gauland schon 2002, dass Begriffe wie „Heimat“ und „deutsche Leitkultur“ im politischen Denken der BRD keine Rolle mehr spielen. Mit der Forderung nach der Verbreitung einer deutschen Leitkultur verbindet er das Verlangen nach Wiederbelebung eines national-ethnisch oder auch völkisch definierten Patriotismus.

CDU-Konservative aus der „Stahlhelm-Fraktion“, dem „Andenpakt“ oder dem „Einstein-Kreis“ kritisierten Angela Merkels Politik ob des Fehlens „traditioneller Werte“ und konservativer Vorstellungen. Es kam zum Austritt vieler Konservativer aus der CDU und deren Wechsel zur AfD. „Sieht man sich Grundsätze, Forderungen und so weiter in den verschiedenen Dokumenten und Erklärungen der AfD an, so stellt man fest, dass diese in dieser oder jener Formulierung schon in den Papieren solcher Arbeitskreise der CDU enthalten sind“, hält Latzo fest.

Franziska Schreiber erzählt dem Leser davon so gut wie nichts. Sie empört sich über das Gebaren von AfD-Funktionären, versteht aber nicht, dass deren Ausländerfeindlichkeit und Frauenverachtung nicht zu trennen sind vom Konservativismus. Sie werden meist nur etwas aggressiver vorgetragen.
Franziska Schreiber (2018):
„Inside AfD. Der Bericht einer Aussteigerin“

München: Europaverlag
224 Seiten
Preis: 18,00
ISBN: 978-3-95890-203-9
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Anton Latzo u.a. (2017):
„Wehret den Anfängen! Die AfD: Keine Alternative für Deutschland“

Berlin: edition berolina
128 Seiten
Preis: 9,99€
ISBN: 978-3-95841-078-7
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