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Lesebühne: Eine Woche im Sommer

von Josefine Meinhardt, Kultur

Letzter Tag:
Ich war beim Arzt. Ich habe keine Borreliose, es war nur ein echt hässlicher Bremsenstich.

Fünfter Tag:
Ich sitze vor einem Spielzeuggeschäft auf dem Boden der Hauptbahnhofshalle in Prag. Arthur kommt gerade aus der Apotheke und hält Verbandszeug in den Händen. „Okay“, sagt er, als er bei mir angekommen ist, „Ich hab so'n paar Tupfer und Verbände gekauft. Die Tupfer halten wir feucht und binden sie auf den Stich an deiner Wade. Gib mal her.“ Ich halte mein Bein wie ein sterbendes Tier in seine Richtung. Arthur beginnt, die Tupfer zu befeuchten und meine Wade zu verbinden. „Hast du deinen Papa schon angerufen?“, fragt er. „Nee, mach ich jetzt“, antworte ich. Ich fische mein Handy aus dem Rucksack. „Arthuuur“, sage ich mit festgeklebtem Blick auf das Handydisplay, „Ich hab eine E-Mail von Hochschulstart bekommen.“ „Was für'n Ding?“, fragt Arthur. „Mann, diese Website, die meine Unibewerbung regelt. Die haben mir gerade eine E-Mail geschickt!“ Arthur zuckt mit den Schultern. „Na dann lies sie.“ Ich lasse vor Aufregung fast mein Handy fallen. „Bist du bescheuert?! Ich kann die jetzt nicht lesen! Es ist erst Anfang August, dass die sich jetzt schon bei mir melden, kann doch nur heißen, dass ich abgelehnt wurde!“ „Was?“,lacht Arthur, „das ist doch Quatsch.“ „Nein,ist es nicht“, jammer ich, „das ist so eine furchtbare Woche, erst dieser komische Stich, unser Zug kam zu spät, es ist unaushaltbar warm und die Uni lehnt mich ab.“ Ich vergrabe meinen Kopf zwischen den Armen. „Ich glaub, du überdramatisierst das alles gerade ein bisschen“, sagt Arthur grinsend, „ komm, ich lese die E-Mail für dich.“ Ich reiche ihm mein Handy. Er wischt ein bisschen darauf herum und grinst dann noch breiter. „Was deeenn?“, quengel ich. „Du bist angenommen.“ „Echt?!“ Ich möchte am liebsten vor Freude aufspringen, aber mein Bein pocht so sehr, dass ich auf halbem Weg nach oben wieder auf den Boden plumpse. Arthur hockt sich neben mich. „Okay, freu dich nicht zu doll. Morgen gehen wir erstmal zum Arzt mit deinem ekligen Bein und danach können wir das feiern.“

Vierter Tag:
Arthur und ich kommen am späten Nachmittag wieder in unserem Hotel an. Ich schmeiße mich aufs Bett. Es ist sauheiß, ich schwitze und mein Bein pocht. „Ich glaub, du solltest mit deinem Stich mal zum Arzt gehen“, sagt Arthur mit Blick auf mein Bein und verzieht ein bisschen angeekelt das Gesicht. „Hier in Prag oder was?“, blaffe ich ihn an. Trotz meiner zickigen Reaktion weiß ich, dass Arthur Recht hat. Allerdings macht mir genau das Sorgen, denn ich weiß, dass ich mit meinem geschwollenen, roten Bein zum Arzt müsste, aber ich weiß auch, dass ich in Prag zu keinem gehen brauche. Arthur ignoriert meine patzige Antwort und geht ins Bad. Ich hole mein Handy aus der Tasche und google nach Bremsensstich. Weil mir diese Suche keine Antworten liefert, google ich als nächstes nach „Insektenstich rot und geschwollen“. Google sagt, ich hab Borreliose... um ganz sicher zu gehen oder auch um diese Möglichkeit auszuschließen, google ich Borreliose...Und gehe auf Google Bilder. „Arthuuuuur“, plärre ich durch das Hotelzimmer. „Ooah, was denn?“, dringt Arthurs gedämpfte Stimme aus dem Bad. „Ich glaub, das Insektenvieh hat mich mit Borreliose infiziert!“, rufe ich. Meine Stimme kiekst ein bisschen. Ich glaub ich heule gleich.
„Du hast keine Borreliose.“, kommt es aus dem Badezimmer, „Wie kommst du denn auf den Schwachsinn?“ „Ich hab meine Symptome gegoogelt.“, antworte ich. Arthur lacht. „Na dann kannst du ja noch froh sein, dass du nur Borreliose hast. Wenn man bei Google seine Symptome sucht, hat man doch eigentlich immer Krebs.“ Ich starre böse die Badezimmertür an.

Dritter Tag:
Arthur und ich sind gestern Nachmittag in Prag angekommen und wollten heute ein bisschen Touri- Programm in der Stadt machen. Wir wollten beim Vysehrad starten. Wir haben zwei Dinge nicht bedacht. Erstens: Der Vysehrad bzw. der Park darin und drumherum ist arschgroß. Zweitens: Es ist sauheiß. Wir zotteln also bei ungefähr 40 Grad durch diesen Park, der wirklich schön ist, ganz ohne Frage, aber unsere Wasserflasche hat gerade mal für den Weg mit der U-Bahn hierher gereicht und ich befürchte, dass das in naher Zukunft zu einem kleinen Problem werden könnte. Außerdem hat meine Wade angefangen, sich ein bisschen merkwürdig anzufühlen. Mich hat da vor 2 Tagen irgendein Insekt gestochen und bisher hat es nur gejuckt, aber jetzt fühlt es sich etwas komisch an. Ich beschließe, mich auf eine der Bänke zu setzen und dort einfach eine Weile sitzen zu bleiben und zu schwitzen, während Arthur weiter durch den Park pest.

Zweiter Tag:
„Weißt du was“, sagt Arthur, während wir im abnormal vollen Zug von Dresden nach Prag sitzen, „Ich finde eins der ekliges Gefühle ist es, wenn du merkst, wie dir Schweißtropfen unterm T-Shirt über den Rücken laufen.“ Ich nicke. Ich könnte mir gut vorstellen, dass jeder Mensch in diesem Zug gerade Arthurs Gedanken verstehen kann. Die Bahn nach Prag fuhr vor ungefähr 40 Minuten mit einer Verspätung von ungefähr 60 Minuten von Dresden aus los. Aus irgendwelchen Gründen ist die Klimaanlage in unserem Wagen ausgefallen und es fühlt sich an, als würde man mit ca. 100 Leuten und Klamotten in der Sauna sitzen. „Immerhin kommen wir heute noch auf jeden Fall in Prag an“, sage ich aufmunternd zu Arthur. Er lächelt gequält.

Erster Tag:
„Richtig cool, dass du gestern noch für uns dieses günstige Hotel buchen konntest.“, sage ich, während wir die Stufen im Treppenhaus hochsteigen. Arthur klatscht mit der flachen Hand voll gegen meine Wade. „Au, was sollte das denn?“, frage ich erschrocken. „Da saß ne Bremse oder so an deinem Bein.“, antwortet Arthur, „Ich hab dich gerade vor einem hässlichen Stich bewahrt.“ „Achso, Dankeschön“, erwidere ich lächelnd.
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