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Nicht jeder ist Impfexperte

Dokumentarfilm: Eingeimpft

von Bernardo Cantz, Film

Eltern haben es heutzutage nicht immer leicht. Gingen sie früher mit ihren Kindern zum Arzt, wurde ihnen oft die Entscheidung abgenommen oder sie akzeptierten vielmehr die fachliche Autorität des Arztes. Heute sieht das anders aus.
Gerade beim Thema „Impfen“ scheiden sich die Geister. Eltern sollen diese wichtige Entscheidung über ihr Kind treffen, zeigen sich dabei aber immer wieder überfordert. Während Impfgegner ihnen mit ihren Argumenten im Ohr liegen und den Buchmarkt in diesem Segment dominieren, wächst bei ihnen die Unsicherheit: „Schade ich nicht vielleicht meinem Kind, wenn ich es impfen lasse“, ist inzwischen eine oft gestellte Frage.
An diesem Punkt setzt der Dokumentarfilm „Eingeimpft“ an. Filmemacher David Sieveking ist mit seiner Tochter bei der Kinderärztin. Die Vorsorgeuntersuchung U4 steht an, und die Ärztin spricht die anstehende Impfung gegen Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Kinderlähmung und Pneumokokken an. Fest steht nur eins: Seine Frau ist dagegen, sie fürchtet Nebenwirkungen, hat Angst vor bleibenden Schäden. Was tun? Welche ist die richtige Entscheidung?
Schon vor dem offiziellen Kinostart hat „Eingeimpft“ eine Kontroverse ausgelöst. Kann ein medizinischer Laie sich tatsächlich anmaßen, das Impfthema „ganz von vorne“ aufzurollen, zu dem die Ständige Impfkommission beim Robert-Koch-Institut (STIKO) solide Empfehlungen erarbeitet, die auf wissenschaftlichen Studien basieren und ständig aktualisiert werden?
Man muss sich das so vorstellen: Auf der einen Seite steht die STIKO (18 Experten, zwölf davon Professoren, die sich seit Jahren mit Impfungen beschäftigen), die einen Impfplan erstellt. Dieser ist Produkt langjähriger Arbeit. Die STIKO prüft, ob es gegen einen bestimmten Erreger eine Impfung braucht, stellt alle brauchbaren Studien dafür zusammen – oft mit Hunderttausenden Probanden – und analysieren diese. Im Zweifelsfall werden aufwendige Modellierungen erstellt.
Auf der anderen Seite steht der Filmemacher, der als Fachfremder für ein paar Monate recherchiert. Er findet so manche, in seinen Augen interessante Studie, kann sie aber nicht richtig einordnen, weil ihm der Überblick fehlt. Klar, dass er ihre Bedeutung dann falsch einschätzt und deshalb auch falsche Schlüsse zieht. In einer ZEIT-Ausgabe (21.08.2018) wird geschrieben: „Seine [Sievekings, B.C.] Erkenntnisse verhalten sich zu denen der STIKO deshalb in etwa so, wie ein Groschenroman zur Schiller-Gesamtausgabe“. Seinem Film wird deshalb nicht ohne Grund vorgeworfen, die Menschen noch weiter zu verunsichern.
Genährt wird dieser Eindruck durch den Begleittext des Films. Darin heißt es unter anderem: „Aber auch unter renommierten Wissenschaftlern gibt es eine kontroverse Debatte, wie David bald feststellen muss“. Was da behauptet wird, stimmt in dieser Form nicht. In der grundsätzlichen Einstellung zum Impfen sind sich die Wissenschaftler heute einig. Auch das „ausgeglichene“ Pro-und-Contra-Schema gibt die Realität nicht korrekt wieder. Weder unter Wissenschaftlern noch in der Bevölkerung stehen auch nur annähernd so viele Contras den Pros gegenüber. Cornelia Betsch, Heisenberg-Professorin für Gesundheitskommunikation mit Schwerpunkt Impfentscheidung an der Universität Erfurt, sagte im Juli gegenüber dem Tagesspiegel: „Im Bereich des Impfens widerspricht dieses augenscheinlich ausgewogene Vorgehen vollkommen dem Expertenkonsens und der Verteilung der Meinung in der Bevölkerung und suggeriert eine Gleichverteilung der Meinungen“. Die Folge sei Verunsicherung.
Noch problematischer wird es, wenn Sieveking ausgesprochene Impfgegner unkommentiert und unkritisch zu Wort kommen lässt. Sievekings Frau hat im Film Angst vor den Aluminium-basierten Wirkverstärker, die viele heutigen Impfstoffe wirksam machen. Während Ärzte sagen, dass lediglich in sehr seltenen Fällen Nebenwirkungen auftreten können, will das der Regisseur so nicht stehen lassen. Er sucht Forscher, die anderer Meinung sind. Bei einem Symposium in Leipzig wird er fündig. Das Symposium wurde von der impfkritischen Organisation „Children’s Medical Safety Research Institute“ (CMSRI) finanziert. Wie vorauszusehen war, warnen dort Redner vor „toxischen Ereignissen“ im Körper und behaupten, es hätte nie eine objektive Forschung zum Impfen gegeben. Sieveking, der in einer Mitteilung behauptet hatte, er würde „ausschließlich anerkannte Wissenschaftler zu Wort kommen lassen“, räumt auf Nachfrage der Ärztezeitung (13.09.2018) ein, lange nicht gewusst zu haben, was die CMSRI eigentlich sei.
Das Thema, das Regisseur Sieveking dem Zuschauer präsentiert, ist seiner Meinung nach so komplex, dass man es als Einzelperson nicht durchdringen könne. Dennoch, so seine Kritiker, überlasse er es oft dem Zuschauer, Situationen einzuschätzen. Am Ende bleiben nur Unsicherheit bei den Zuschauern und ein Autoritätsverlust auf der Seite der Institutionen.
Am Ende noch ein Zitat aus DIE ZEIT: „Was aber passiert, wenn immer mehr aufhörten, Institutionen wie dem Robert-Koch-Institut zu vertrauen, der obersten Behörde für öffentliche Gesundheit und Sitz der STIKO, die seit Jahrzehnten Leben rettet? In einer Welt, in der Fakten nichts mehr wert sind, in der die Immunkrankheit HIV ein Mythos ist“.
„Eingeimpft“ ist mit Vorsicht zu genießen. Wenn man ihn sehen möchte, sollte man dies nicht kritiklos tun. Impfen ist eine der größten Errungenschaften der Medizin und hat Millionen Menschen das Leben gerettet. Impfen ist keine individuelle Entscheidung, sondern zeugt von Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Denn erst eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent gewährt auch denen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können, den notwendigen „Herdenschutz“.

pictures/artikel/IMG_43838828.jpgFoto: © 2017 Flare Film, Adrian Stähli


Zum Film:
Regie: David Sieveking
Darsteller: David Sieveking, Jessica de Rooij u.v.a.
Land: Deutschland
Jahr: 2017
Genre: Dokumentarfilm

Der Film läuft im Dezember im Obenkino.
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