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Ein neues Zeitalter der Liebe?

Friedemann Karig: Wir wir lieben. Vom Ende der Monogamie

von Agneta Lindner, Buch

Zauberhafte.eskapade@yahoo.de – über diese Email-Adresse hätte Mann Livia kennenlernen und sich mit ihr verabreden können. Livia, zu diesem Zeitpunkt glücklich und lange mit Thomas zusammen und auch nicht in der Absicht, sich von ihm zu trennen. Jedoch erwächst in ihr ein Bedürfnis „nach mehr“ und im Laufe offener Gespräche mit Thomas, gesteht er ihr zu, eine Anzeige schalten und sich mit anderen Männern treffen zu können. Er stellt keinerlei Bedingungen. Spätestens beim Lesen dieser Zeilen könnte man geneigt sein, das im Folgenden vorgestellte Buch mit einem eindeutigen Tippen an die Stirn beiseite zu pfeffern.

„Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie“ - so der provokante Titel des im Frühjahr im Aufbau-Verlag erschienenen Buches von Friedemann Karig (Jg. 1982). Das 300 Seiten umfassende Werk ist eine unterhaltsam und an etlichen Stellen provokativ geschriebene, beachtenswerte Abhandlung über die Themen Liebe, Sex und (monogame) Beziehung – mit größtenteils sehr klaren Positionen, die hier und da äußerst streitbar daherkommen: „Wir, Frauen wie Männer, wollen Sex. Eher mehr als weniger. Und zwar mit mehreren Partnern. Weil das aber unserem monogamen Beziehungsideal widerspricht, sind wir ratlos, unglücklich, unbefriedigt“. Was heute gelebt werde, sei eine „Mogel-Monogamie“, die untrennbar mit polygamem Verhalten wie dem Fremdgehen verbunden sei.

Der Autor traf verschiedene Paare und Einzelpersonen mit unterschiedlichen Vorstellungen von Beziehungen, aber alle mit dem Anspruch so tolerant und offen wie möglich zu sein. „Offen bedeutet nicht wahllos oder beliebig. Im Gegenteil. Offen bedeutet, dass die Form der Beziehung, ihre Regeln und Absprachen den eigenen Wünschen und den Menschen, die damit leben angepasst werden. Und nicht andersherum“, schreibt Karig. Er nahm sich die Zeit, herauszufinden, was heutzutage ausprobiert und schon gelebt wird. Keineswegs hatte er dabei die Absicht ein Handbuch mit Konzepten für alle mögliche Spielarten offener Beziehungen vorzulegen. Es sei „zuallererst eine Sammlung von Liebesgeschichten“.

Sieben Geschichten, die mal mehr, mal weniger ausführlich in einzelnen Kapiteln erzählt werden, wechselt Karig ab mit Überlegungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen aus anderen Werken und eigenen Gedanken und Positionen. Er beleuchtet dabei viele verschiedene Aspekte, seine Argumentationen sind größtenteils schlüssig und nachvollziehbar. Manchen Aussagen könnte man Plattheit vorwerfen.

Das facettenreiche Thema Liebe ist für ihn ganz klar ein Herzensthema. Er schreibt nicht einfach aus dem Bauch heraus sondern hat sich offensichtlich lang und breit damit beschäftigt, etliche Bücher gelesen aus denen er auch vielfach direkt oder indirekt zitiert und diese anderen Meinungen immer wieder hinterfragt. Was ist denn die Liebe eigentlich und was bedeutet sie für das Leben des Einzelnen und das der Gruppe?

In jedem Falle ist dieses Buch sehr „heutig“ und gerade durch die authentischen Geschichten eine Inspirationsquelle für offene und tolerante Weltenbürger. Ein klares und leidenschaftliches Plädoyer dafür, den starren Rahmen des monogamen Beziehungskonzepts zumindest in Frage zu stellen, sich selbst zu fragen, bin ich zufrieden, bin ich erfüllt? Was kann die Liebe heute sein – was kann sie für mich sein? „Offen leben bedeutet, nicht nur auf sich selbst und den anderen zu schauen. Sondern gemeinsam auch in die Welt hinaus. Jeden Tag auf’s Neue.“

Friedemann Karig: Wir wir lieben. Vom Ende der Monogamie

Berlin: Aufbau Verlag, 2017
ISBN: 978-3-351-05038-2

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