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Rassisten und Mörder ehren?

Auch in der Bundesrepublik sollte über die Erinnerungskultur diskutiert werden

von Bernd Müller, Politik

Die AfD hat es nicht leicht, in diese Zeitung zu kommen; diesmal hat sie es geschafft. Konkret geht es um Dennis Hohloch, Lehrer aus Potsdam und AfD-Landtagsabgeordneter. Mitte Juni hatte er eine Erklärung verschickt, in der er sich über die Grüne Jugend beschwerte. Diese hatte auf Twitter geschrieben: „keine Verehrung von Rassisten, kein Gedenken an Mörder!“.
Im englischen Bristol hatten zuvor Demonstranten die Statue von Edward Colsten in das Hafenbecken gestürzt, und die Grüne Jugend forderte daraufhin ähnliches für Deutschland. Für Hohloch ist das nichts anderes als „linke und intolerante Bilderstürmerei“, ein „Angriff auf unseren Staat, unsere Kultur und unsere Gesellschaft“. Er wittert eine „neue Kulturrevolution“. Allen „Versuchen von links, durch Umbenennungen von Straßen und Einrichtungen oder dem Abbau von Denkmälern und Statuen unser kulturelles Erbe auszulöschen“, sollen sich Demokraten und Patrioten widersetzen.
Denkmäler seien „Manifestationen unserer Geschichte mit allen ihren Höhen und Tiefen“. Es sei Aufgabe und Pflicht, sich mit ihnen auseinander zu setzen. Das „einseitige Schleifen von Erinnerungsstätten“ sei Ausdruck einer brutalen politischen Säuberung und charakteristisch für totalitäre Regime. Wirklich?
Denkmäler sind ein Teil der Erinnerungskultur, und sie sollen an Personen oder Ereignisse erinnern, damit sie im kollektiven Gedächtnis bleiben. Sie sind aber nicht wertneutral, sondern transportieren auch immer ein Stückweit die Botschaft, wie die Personen oder Ereignisse gesehen werden sollen. Jedes Kriegsdenkmal ist Zeugnis davon; Inschriften wie „Wir gedenken unseren Helden“ oder „Die Toten mahnen“ haben eine Botschaft, die im kollektiven Gedächtnis verankert werden soll.
Edward Colsten ist in den Augen von Dennis Hohloch ein Philanthrop, also jemand, der seinen Mitmenschen Gutes tat. In Bristol stand nicht nur sein Denkmal - nach ihm ist auch eine Konzerthalle benannt; Schulen, Straßen, Pubs und ein Bürohochhaus tragen seinen Namen. Colsten hat sich verdient gemacht um seine Heimatstadt; das ist offenkundig. Die Anerkennung, die er heute noch bekommt, blendet allerdings aus: Colsten war ein Sklavenhändler und wurde mit dem Verkauf von Menschen reich.
Historiker schätzen, zwischen dem Anfang des 16. Jahrhunderts und den 1860er Jahren wurden zwölf Millionen afrikanische Männer, Frauen und Kinder verschleppt und als Sklaven über den Atlantik verschifft. Eine Million von ihnen hat die Überfahrt nicht überlebt. Britische Menschenhändler wie Edward Colsten haben mehr als drei Millionen transportiert. Aber auch Spanier, Portugiesen und Niederländer waren an dem Geschäft beteiligt. Colsten war zeitweise Vizedirektor der Royal African Company, die das Monopol für den britischen Sklavenhandel besaß.
Zu Colstens Lebzeiten war Menschenhandel etwas Normales. Das Geld, was man mit dem Blut und dem Leid anderer Menschen verdiente, konnte einem zu einer geachteten Person machen – heute ist das nur noch im Rotlichtmilieu oder in der Rüstungsbranche der Fall. Wer würde heute schon einem Zuhälter ein Denkmal errichten?
Die Werte in einer Gesellschaft ändern sich und damit auch das, was im kollektiven Gedächtnis bleiben soll; was des Erinnerns würdig befunden wird. Anfang der 1990er Jahre konnte man das in den neuen Bundesländern spüren, als die Namen der Antifaschisten von Straßenschildern getilgt wurden. Zumindest eine Straße in Cottbus trägt seit dieser Zeit den Namen eines knallharten Antisemiten – anschaulicher kann man wohl nicht den Wandel dessen dokumentieren, was von einer Gesellschaft geehrt und geachtet werden soll.
Das Umdenken im Umgang mit der eigenen Kolonialgeschichte ist ein Phänomen, dass sich in einigen Ländern beobachten lässt – und nicht erst seit dem Polizeimord an George Floyd in den USA und anschließenden Protesten der Bewegung Black Lives Matter.
In Belgien hatten Zehntausende eine Online-Petition unterschrieben, um Statuen des früheren Königs Leopold II. zu entfernen. Leopold hatte im Kongo eine Schreckensherrschaft errichtet, durch die Millionen Menschen den Tod fanden. Selbst kleinen Kindern wurden damals als Strafe Hände und Füße abgehackt, weil sie auf den Plantagen nicht die geforderte Leistung brachten.
In Frankreich steht eine Statue von Jean-Baptiste Colbert vor der Nationalversammlung in der Kritik. Colbert war Finanzminister unter Sonnenkönig Louis XIV., und er schrieb den „Code Noir“, der den Umgang mit den schwarzen Sklaven in den Kolonien regelte. Ein Punkt aus diesem Dekret: Sklaven konnte ein Ohr abgeschnitten werden oder sie durften auch mit einem Brandzeichen versehen werden. Ebenso umstritten wie die Statue Colberts ist die des Generals Joseph Gallieni. Dieser regierte Ende des 19. Jahrhundert in den französischen Kolonien gnadenlos – mit den Bajonetten seiner Soldaten.
Sind diese Menschen, deren Namen für Unterdrückung, Sklaverei und Tod stehen, Vorbilder, denen man auch heute noch voller Stolz Denkmale und Statuen widmen sollte? Oder sind deren in Stein gehauene Ebenbilder besser in Museen aufgehoben, wo sich Interessierte angemessen über sie informieren können?
Hohloch plädiert dafür, sich mit der Geschichte – mit deren Höhen und Tiefen – auseinander zu setzen; Demokraten und „Patrioten“ sei es eine Pflicht. Also lasst es uns tun! Bleiben wir aber nicht an der Oberfläche bei den Verbrechen und Untaten dieser Menschen stehen, unterhalten wir uns auch über Ideologien, mit denen sie ihr Handeln legitimierten: Liberalismus und Konservativismus. Reden wir also über die beiden Hauptströmungen innerhalb der AfD, die eine regelrechte Blutspur durch die Geschichte zogen.

Umstritten: Das Bismarck-Denkmal in Hamburg regt zur Aufarbeitung des deutschen Kolonialgeschichte an. (Foto: Pixabay)
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