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Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur

Weniger politische Korrektheit wagen

von Bernd Müller, Buch

Robert Pfaller ist inzwischen eine bekannte Persönlichkeit. Der österreichische Philosoph wurde in verschiedene Talkshows eingeladen und durfte sein neuestes Buch vorstellen. „Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur“ heißt es und in ihm untersucht Pfaller das, was heute vielen ganz besonders am Herzen liegt: die politisch korrekte Ausdrucksweise. Diese ist, folgt man Pfaller, nichts anderes als „die zartfühlende Begleitung der brutalen Entsolidarisierung“ in unserer Gesellschaft.
Ausgangspunkt zu seinen Überlegungen ist ein Flug in die USA – noch vor den Präsidentschaftswahlen im November 2016. Pfaller will sich einen Film anschauen und wird vor sogenannter „adult language“, also Erwachsenensprache, gewarnt. In diesem Warnhinweis sieht er im Nachhinein ein Sinnbild einer gesellschaftlichen Entwicklung, „in deren Verlauf Erwachsenheit nicht mehr selbstverständlich von erwachsenen Menschen erwartet werden darf“.
Und diese dem Anschein nach kleine Veränderung hat gravierende Folgen für das gesellschaftliche Zusammenleben und für die Politikfähigkeit der Menschen: Wenn „nicht mehr Erwachsenheit – und alles, was dazu gehört – öffentlicher Standard ist, sondern diverse Empfindlichkeiten, Herkünfte oder sonstige Beschaffenheiten, dann ist es den Profiteuren der neoliberalen Umverteilung nicht nur gelungen, die Verlierer in lauter irrelevante, rivalisierende oder verfeindete Untergruppen auseinanderzudividieren“. Vielmehr sei damit die Öffentlichkeit zerstört worden, in der gesellschaftliche Probleme diskutiert werden können.
Für die Verlierer der neoliberalen Umverteilung ist das besonders dramatisch. Sie haben bisher kaum die Möglichkeit, ihrer Empörung und Verzweiflung Ausdruck zu verleihen, außer den rechtspopulistischen Parteien ihre Stimme zu geben. Diese Entwicklung sieht Pfaller in vielen westlichen Ländern. Die Verlierer hätten meistens nur zwei Optionen: entweder die Fortsetzung der neoliberalen Politik, „die meist sowohl die eigene Bevölkerung als auch die weit entfernter Länder ins Elend stürzt und all dies mit einer Reihe von scheinbar emanzipatorischen – meist vorwiegend auf der Ebene der Sprache angesiedelten – Mikropolitiken der Rücksicht auf Empfindliche oder Benachteiligte verbrämt“. Die andere Möglichkeit ist die mehr oder weniger extrem rechte Politik, die auf derartige Rücksichten pfeift, den „Sorgen der Leute beim möglichst drastischsten Namen nennt, den Freihandel vielleicht ein wenig eindämmt, aber dafür die Finanzmärkte weiter dereguliert“ und ihrerseits den Reichen die Taschen füllt.
Pfaller will mit seinem Buch einen Ausweg aus dem Dilemma skizzieren, in dem er eine Haltung vorschlägt: Erwachsenheit. „Diese Haltung bedeutet, manche Unannehmlichkeiten oder Übel ebenso als notwendige Begleiterscheinungen des Lebens zu erkennen wie die eigenen Möglichkeiten, sie zu ertragen oder zu überwinden“.
Diese Haltung ist nichts weniger als eine gesellschaftliche Kehrtwende, denn die bisher übliche Ermunterung zur Empfindlichkeit habe die Menschen nicht nur infantilisiert, sondern auch entsolidarisiert. „Anstatt wie erwachsene Menschen das Allgemeine im Auge zu behalten und sich zusammenzuschließen, wollten die empfindlich Gemachten nur noch ihre eigenen Besorgnisse bevorzugt behandelt oder wertgeschätzt sehen.“
Leicht wird die Kehrtwende nicht. Viele Engagements wie Antirassismus, Antisexismus oder der Einsatz für Minderheitenpositionen aller Art sind berechtigt. Aber „durch die perfide Funktion, die diese Engagements innerhalb einer neoliberalen Politik innehatten“, sind sie mit guten Gründen in Verruf geraten. Wer heute beispielsweise „Antirassismus“ sagt, so Pfaller, werde nicht mehr unbedingt im Sinn eines verallgemeinerungsfähigen humanitären Ideals verstanden. Zu oft sei mit solchen Begriffen lediglich versucht worden, sich von den unteren sozialen Schichten abzugrenzen und diese weiter zu deklassieren.
Politisch korrekte Sprache ist ein Herrschaftsinstrument: „Wir leben in einer Welt, in der immer mehr Menschen mit der größten Selbstverständlichkeit in Armut und Aussichtslosigkeit getrieben werden, und in der man zugleich Erwachsene vor Erwachsenensprache warnt. Das eine hängt offenkundig mit dem anderen zusammen: Denn es sind dieselben Mächte, die das eine und das andere vorantreiben“. Im selben Moment, in dem die USA und ihre Verbündeten die Welt mit Krieg und dubiosen Revolten überzogen und andere mit einer aggressiven Sparpolitik in die Armut getrieben hätten, hätten sie die Welt auch mit einer Ideologie des gesäuberten, verharmlosenden Sprechens überzogen. Im Moment verschärfter Weltausbeutung würde man Erwachse warnen vor „Erwachsenensprache, vor bösen Witzen, vor sachhaltiger Argumentation, die als verletzend empfunden werden könnte, vor Dissens ebenso wie vor Tabakkultur, rät ab von Stöckselschuhen oder Röcken und Blusen, empfiehlt geschlechtsneutrale Schlabberkleidung, geschlechtsspezifische Berufstitel, gendergerechte Sprache, entweder dritte Toilettentüren oder die Abschaffung der zweiten, verbietet Parfüms, verächtliche Worte und elementare Gesten der Höflichkeit wie das Aufhalten von Türen für Nachkommende“.
Als das Bürgertum im 19. Jahrhundert seinen Siegeszug antrat, schuf sie eine politische Öffentlichkeit, die auf dem Prinzip (als Ideal) ruhte, dass Argumente nur im Hinblick auf ihre Geltung für das Wohl der Allgemeinheit betrachtet werden durften und ohne Ansehung der sie äußernden Personen gewichtet werden mussten. Diese Gleichheit sei die Grundlage der modernen Demokratie gewesen, so Pfaller. Die stärkste Ressource zum Abbau von bürgerlicher Teilhabe und Politikfähigkeit sei dagegen, den öffentlichen Raum unter die Kriterien persönlicher Empfindlichkeit, der „Fähigkeit, sich verletzt zu fühlen, und den Zwang, dies sofort kundzutun“, zu unterwerfen. Politische Korrektheit ist letztlich der Tod der Demokratie.
Robert Pfaller (2017):
Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur
Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag
256 Seiten, Preis: 14,99
ISBN: 978-3-596-29877-8

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