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Lesebühne: Eva und das Alter

von Mathies Rau, Kultur

Die Wahrheit war, dass Eva noch nie in Ihrem Leben darüber nachgedacht hatte.

Die erste Erinnerung an das Gefühl, eine Mutter zu haben, war folgende: Eva stand in einem Raum. Der Raum hatte zwei Türen und Irgendetwas war braun, vielleicht der Fußboden oder eine Schrankwand, wenn es denn eine Schrankwand gegeben hatte. Sie wusste, dass der Raum in der Dostojewski-Straße war. Sie wusste, dass sie darin war, ein Kind, das schon stehen konnte. Vielleicht hatte sie sich festgehalten, aber in jedem Fall hatte sie gestanden. Und sie erinnerte sich daran, dass sie geweint hatte. Es hatte sich damals angefühlt, als wäre sie wütend gewesen, vielleicht war es auch Angst oder Traurigkeit. Denn die Wut, an die sie sich erinnerte, war keine böse gewesen. Und sie erinnerte sich an ihre Mutter. Eva wusste nicht mehr, ob ihre Mutter auch in dem Raum gewesen war oder ganz wo anders, aber sie hatte damals, in diesem Moment, an den sie sich nur sehr emotional erinnerte, das Gefühl, dass sie eine Mutter hatte. Und das war ein sehr gutes Gefühl und ist bis heute sehr beständig das gleiche geblieben mit zwei Veränderungen. Zum ersten wurde es irgendwann von der abstrakten Beruhigung irgendeine Mutter zu haben, zu der konkreten Beruhigung genau diese Mutter zu haben. Zum anderen war Evas Mutter gestorben, als Eva zwanzig war.
Eva vermisste ihre Mutter nicht. Zumindest würde sie das nicht sagen. Zum Vermissen hatte sie wenig Zugang, in ihrem Kopf konnte man niemanden vermissen, der tot war. Manchmal saß sie da und vermisste ihren Vater, der ihre Hand hielt. Oder sie lag im Bett und erwachte in einen dämmrigen halbschlaf, der von Klarheit kaum mehr hatte als tanzendes zerfallendes Kurzschlusslicht. Und dann griff sie auf die andere Seite ihres Bettes und suchte nach Tom. Doch Tom war wieder auf der Couch im Nebenzimmer eingeschlafen, beim Football schauen, und dann vermisste Eva ihn so schrecklich, dass sie am liebsten geweint hätte, doch bevor es soweit kam, schlief sie schon wieder. Ihre Mutter vermisste sie nicht. Ihre Mutter war in ihrer Erinnerung. Sie trug sie vor sich her, um sich herum, mit sich mit. Es gab nichtmal etwas, dass Eva sie gerne noch gefragt hätte. An dem Tag als sie gestorben war, konnte sie gehen, in dem Wissen, dass sie und ihre Tochter nie eine Frage unausgesprochen gelassen hatten. Das letzte was Eva von ihr gehört hatte, war “Mach’s gut”. Nichts anderes hatte Eva vor.

Es hatte also nie Sinn ergeben, darüber nachzudenken.
“Siehst du, jetzt denkst du doch darüber nach”, sagte Chris. Er rührte seinen Cocktail, dass sich gelb und rot darin miteinander verbanden und langsam zur Farbe der Innenraumbeleuchtung wurden. Wenn das Licht Orange ist, gibt es im Raum nicht mehr viel, was nicht Orange wäre.
Eva lächelte. Im Diner sind alle Katzen Orange.
“Du Chris”, sagte sie, “ich bin glücklich.”
“Ach Eva”, sagte er, “darum geht’s doch gar nicht.”
Eva hatte sofort den Impuls zu widersprechen. Sie wusste, wie Chris es meinte, sie wusste was er sagen wollte, aber ihre Finger schlangen sich fest um den Griff ihres Glases und ihre Oberschenkel hätten sie beinahe aus dem roten Kunstleder katapultiert, denn nach allem, was man ihr beigebracht hatte, ging es genau darum.
“Du kennst doch deine Familiengeschichte.”
Als Eva geboren wurde, war es Winter. Großmutter war schon immer alleine. Ein paar Wochen nach der Einschulung hatte Eva ein riesiges Eis bekommen. Und ihre Mutter hatte sie gefragt, ob sie böse wäre, wenn Mama für eine lange Zeit fort müsste. Mit zehn war Mama mit ihr in Italien allein Mädelsurlaub. Eva lächelte. “Mama” ein komisches Wort, es klang ein bisschen wie Essen. Mit Zwölf hatte ihr ihr Vater endlich Schwimmen beigebracht. Wann hatte sie die ganzen Visitenkarten ins Portmonnaie bekommen? Eva wusste das nicht mehr. Mit vierzehn hatten alle Freundinnen mit ihren Eltern gestritten. Eva war das zu blöd gewesen, worüber hätte sie auch streiten sollen? Mit fünfzehn hatte sie zum ersten mal Sex. Mit achtzehn waren sie alle in Holland. Das war furchtbar langweilig. Mit zwanzig musste ihre Mutter für längere Zeit fort. Seitdem machte es Eva gut. Sie hatte ihren Vater und Tom und Oma und die Winterscheid Großeltern.
“Eva”, sagte Chris, Eva wusste wie sie hieß, “Du musst wenigstens drüber reden mit ihm. Du kannst nicht tun als wäre nichts.”
“Aber ich sehe nichts.” Sie erschrak etwas vor ihrer eigenen Lautstärke. “Ich weiß, dass es etwas gibt und dass es für alle ein Thema ist. Aber ich bin doch hier. Da draußen fahren Autos, Menschen essen Pommes, Ferienwohnungen haben Gasherde. Manchmal wenn ich ganz verrückt bin, da nehme ich sogar zwei Treppenstufen auf einmal.” Sie wartete.
Chris hatte wohl mit einer längeren Ausführung gerechnet. Sein Zähne steckten in einem von diesen Chicken Wings mit den zwei Knochen drin, die kein Mensch schnell und sauber essen konnte. “Irene”, bemühte er sich zu sagen, dann entfloh ihm ein leises gnaaahf fuck, er fetzte das Fleisch von den Knochen und besah seine Hände und den Tisch und ließ sich in den Stuhl fallen wie ein resignierter Pinguin.
“Hände übern Tisch”, sagte Eva, reichte ihm eine Serviette.
Chris nickte. “Du bist eine richtige erwachsene Frau.” Er wischte sich das Fett von den Händen und hielt das Lächeln noch eine Weile aus. “Irene 42, Herrmann 39, Ingrid und Peter 46, Johannes 40.”
Es geht um den Schaum, dachte Eva, als sie die Reste eines Schlucke Bier von der Oberlippe wischte. Man trinkt alkoholfreies Bier wegen des Schaums. “Jürgen”, sagte sie, “72, Anne 68, Liese 57, Siggi 70, ich kann das auch, was soll das?”
Chris lächelte. “Liese 57. Ich hatte überlegt, ob ich die bei mir mit aufzähle, mir wars dann aber zu billig. 57, wir sind ein voll entwickeltes Industrieland, also bitte.”
“15 Jahre sind 15 Jahre haben oder nicht haben… Tschuldige.”
“Schon okay”, sagte Chris. “Bei mir musst du dich nicht entschuldigen. Ich will nur dass du mal darüber nachdenkst.”
Das konnte Eva nicht. Die Leute sagten ich kann nicht heißt ich will nicht. Aber wenn das tatsächlich einen Unterschied machen sollte, dann konnte Eva nicht. Der Gedanke erschloss sich ihr nicht. Es war als versuche sie einen Satz in einer fremden Sprache zu lesen. Das konnte sie wollen, wie sie wollte.
“Ich hätte wirklich gerne Kinder”, sagte sie. “Das ist eine gute Zeit, ich bin sechsundzwanzig, ich bin gut ausgebildet, seit vier Jahren mit Tom zusammen und hey wir können uns schon ziemlich gut leiden. Wir haben ein paar Rücklagen, guck raus, sogar die Sonne scheint. Ist doch alles gut.”
“Nur weil du glücklich bist, ist nicht automatisch alles gut.” Seine Stimme war weich, frei von Vorwurf frei von Mitleid und frei von Verständnis, wie ein freundschaftlicher Kuss auf die Stirn, zu dem man Danke denken wollte, aber doch nichts recht damit anzufangen wusste. “Vielleicht wirst du nicht mehr als vierzig.”
“Vielleicht komme ich gar nicht erst zu Hause an.” Kein Mensch konnte wirklich alkoholfreies Bier mögen. Man trank es für das Gefühl und um ich sich etwas einzubilden. “Entschuldige. Ich weiß du machst dir Sorgen. Aber was soll das bringen? Nehmen wir an. Ich werde so alt wie Mama.” Mama lächelte Eva. Ein komisches Wort, es klang ein bisschen wie etwas zu essen. “Dann habe ich fünfzehn Jahre. Vielleicht dreizehn, vierzehn mit meinem Kind. Und wenns gut läuft, dann mit meinem Kind und Tom. Noch geht’s mir gut. Noch hab ich gar nichts. Soll ich keine Kinder bekommen, weil ich vielleicht nicht den Bundesdurchschnitt erreiche?”
Chris hob die Schultern. “Wenn die toten tot sind, haben nur noch die Lebenden damit Probleme.”
“Ich hatte nie Probleme damit, dass Mama tot war.”
“Nein,” Chris schüttelte den Kopf; “du denkst viel zu wenig nach, du bist stur, stark und kannst nicht nach links und rechts gucken.”
Eva stand auf. Ihr Glas war halb voll, die Stunde halb voll und Chris Teller auch. Sie trat hinter seinen Stuhl legte die Arme um ihn, sich auf ihn. “Ich muss los.”
Chris hielt ihre Hände. Das hatte Eva vermisst. Obwohl sie sich nur kaum eine Woche nicht gesehen hatten. Da war das Abendessen am Mittwoch nur einmal ausgefallen und sie hatte ihn schon vermisst. Richtige Tischlerhände hatte er. Rau, zerschnitten und heiß. “Hast du mit Mama darüber gesprochen.”
Er schüttelte den Kopf.
“Stell dir mal vor ihr hättet euch dagegen entschieden, um wen würdest du dir jetzt Sorgen machen?”
Er drückte ihre Hände ganz fest, bei jedem anderen hätte es ihr weh getan. “Ich mache mir nur Sorgen um Tom, ich mag den Kerl”, sagte er.
Eva legte ihm einen Kuss auf das lichter werdende Haar. “Ich hab dich lieb Papa, grüß Carmen.”
“Ich dich auch Schatz, grüß Tom.”
“Mach’s gut”, sagte Eva.
Chris bestellte noch ein alkoholisches Bier.
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