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Lesebühne: Experten des Alltags XXIII

Robert, per Anhalter zurück

von Matthias Heine, Kultur

Robert hebt das Fahrrad auf und biegt das Vorderrad, so gut es geht, zurecht. Er schlägt den Dreck von den Sachen, von der Hose, der Jacke. Ein bisschen brummt ihm der Kopf, vom Suff, aber er ist bis auf die komplizierte Herzfraktur heil geblieben. Try to break a broken heart... geht halt nicht. Etwas angeschmutzt schiebt er das Rad an den Rand der Bundesstraße. An Fahren ist nicht zu denken. Nur an Schieben. Das Vorderrad bewegt sich keinen Zentimeter. Es muss angehoben werden. Müßig ist das und früher Morgen. Autos fahren dicht an ihm vorüber und bringen einige Menschen in Büros, andere hin zu Werkzeugen und alle an die Kaffeemaschinen.

Ein roter VW Caddy überholt ihn. Robert kommt kurz ins Stocken. Er weiß genau, wer das ist. Das Auto wird langsamer. Er ist gesehen. Die Warnblinkanlage geht an. Es gibt kein Zurück. Das Auto kommt dicht am Waldrand zum Stehen. Kein Wegrennen. Aniko steigt aus. Sie sieht streng in seine Richtung. Sie zeigt ihre Handflächen, breitet die Arme aus, zieht die Schultern hoch, lässt die Arme an ihre Flanken krachen, schüttelt den Kopf, stützt die Hände wartend in den Hüften ab.
„Was soll das? Was machst du hier, du Irrer? Stalkst du mich, oder was? Lass mich bloß in Ruhe, Mensch.“

Robert kann deutlich hören, was nicht gesagt wird. Jetzt sind es etwa noch hundert Meter. Sein rechter Arm, der das Vorderrad halten muss, wird ihm langsam schwer. „Jetzt nicht stehenbleiben oder abstützen oder anders Schwäche zeigen... Schön locker auf sie zu. Vielleicht noch eine Hand in die Hosentasche stecken...“
Robert nickt ihr lässig zu, stößt gegen eine Pedale und stolpert fast...
„Aha, ok, ok... nicht nicken, keinen Scheiß machen, einfach laufen, geradeaus laufen, zufällig, zufällig da sein. So eine Überraschung... Na Mensch...“
Mit jedem Schritt wird Aniko etwas größer und wirklicher. Robert verstolpert sich erneut. Diesmal nicht in den Pedalen, sondern in seinen Erinnerungen.

Ich weiß noch, wie ich die ersten Male die Treppe hochkam zu deiner Wohnung. In die WG. Wie fremd mir die Treppen waren und auch das Treppenhaus. Da hab ich Treppensteigen nochmal neu gelernt, so wie jetzt Geradeauslaufen etwa. Dein Mitbewohner Holger, nicht gerade ein Architekturstudent auf der Überholspur, hatte die Trinkgläser als Aschenbecher benutzt und du hast ihn voll angeschnauzt.
Vor allen Leuten. „Du bist hier nicht auf Klassenfahrt oder im Ferienlager, Holger.“

Das hat mir Eindruck gemacht. Wie wenig dich das geschert hat. Was die Andern denken. Ich hab erst später mitgekriegt, dass du ein Empathieproblem hast.
Wie der ausgesehen hat in dem Moment... Wie der sofort ne knallrote Rübe gekriegt hat. Wie alle sofort die Ohren angelegt haben. Ich auch. Ich sowieso... Svantje hat schnell noch den benutzten Teller mit dem Fuß unter die Couch geschoben. Die Anderen haben nervös umhergeschaut. Mache haben an ihren Sachen gezupft.
Die hatten alle mächtig Dampf vor dir. Ich dachte noch: Die sind gar nicht von zu Hause ausgezogen. Die haben sich nur einem neuen Regime unterworfen. Deinem. Und da wollte ich auch sofort drunter. Ich sehnte mich nach nichts anderem. Vor den Leuten hab ich den großen Bezwinger raushängen lassen. Hab versucht, ein bisschen Abglanz zu erhaschen.
„Tach zusammen. Robert. Alles Roger in Kambodscha?“

Da hast du mich aber angeblitzt mit deinen Scheinwerferaugen. Bin ich gleich mal ab in die Küche und hab dich in Ruhe herrschen lassen.

Am Küchentürrahmen hatten sich alle Leute verewigt, die über die Zeit in der WG gewohnt hatten. So wie wir das früher in den P2 Wohnungen gemacht haben, an der Kinderzimmertür. Außer, dass an der Kinderzimmertür nur die Größen von meinem Bruder und mir angezeichnet waren.

Mein Bruder Maik 1977 und dann bald irgendwo ich, Robert 1983. Irgendwo unten. Und wie wir um die Wette wuchsen und verblassten und wuchsen und verblassten. Genug getrockneten Schorf von den Knien und Ellbogen gefressen hatten, um endlich groß zu sein. Mein Bruder Maik 1996, der letzte Strich, da war er schon kein Nazi mehr. Komische Zeit war das. Beinahe alternativlos. Irgendwann hatte er die wunderbaren Madonna-Plakate mit den spitzen Eistüten-BHs abgenommen und war ausgezogen. Jetzt interessiert er sich nur noch für Riesenschlangen. Tigerphyton und so. Er hat eine in seiner Wohnung, die heißt Katrin. Komisch, dass er sie nicht Madonna genannt hat. Das passt viel besser.
Überhaupt hatte ich zuerst in meinem Leben Madonna geliebt. Heilige Madonna, Mutter Gottes...

like a prayer, like a virgin, a material girl...
justify my love auf der la isla bonita chiquita...
beautiful stranger... ich liebe dich so... take a bow...
cherish my love... lucky star... Marilyn Monroe...
na die auch…

Nein, das stimmt gar nicht. Zuerst hatte ich Liesbeth geliebt. Wie ihre Augen flimmerten, bevor der Kohlenmunk Peter sie niedergeschlagen hatte mit seinem kalten Herz. Und dann starb sie. So flimmerten später nur noch die Augen von Mila Superstar kurz bevor sie an der Netzkante den Volleyball in das gegnerische Feld schmetterte. Die hab ich auch geliebt.

Bei dir in der WG standen viele Namen auf dem Holz. Über dreißig waren es bestimmt und wenig kleine Menschen. Keine Kinder. Zwischen 1,60 m und 1,90 m waren die Namen etwas durcheinander an den Rahmen geschmiert.
Ob ich dich finden kann? Deinen Namen? Hast du gefragt, als du in die Küche gekommen bist und mich angesehen mit deinen Scheinwerferaugen. Deine Stimme tanzte jetzt wieder einen lieblichen dreiviertel Takt. Das fühlte sich an wie beim Röntgen. Oder Rönchen, wie man sagt, wo ich herkomme. Da hatte ich gleich vergessen, was du gefragt hast. Das ist sowieso deine Superkraft. Der Zauber des Vergessens, den du über alles und jeden legen kannst. Der wohnt in deinen Augen.

wie wir uns ansehen seh’n wir in abgründe
wenn wir uns ausziehen geht das zu schnell
die suche nach dir ergibt, dass ich mich finde
finstere orte sind scheinwerferhell

ich falle in rapsgelbes kornblumenblau
und wo wir nachts tanzen liegt ganzjährig schnee
du machst mich zur schnecke, ich mach dich zur sau
du tust mir so gut, du tust mir so weh


„Stopp!!! Sag mal, spinnst du oder was? Träumst du?“

Robert knallt mit dem Vorderrad an Anikos Auto. Aniko hält ihn mit beiden Händen an den Schultern fest. Das Vorderrad steht zwischen ihren Beinen. Sie stehen sich Nase an Nase gegenüber. Das war früher ein Spiel zwischen ihnen gewesen. Nase an Nase... Jetzt macht es Aniko etwas verlegen.
„Hattest du einen Unfall? Geht’s dir gut?“ Sie nimmt eine angemessene Distanz ein.

Robert kann in ihren Scheinwerfern sehen, dass sie seine Fahne riecht. Aniko meint wohl, dass er vielleicht verletzt ist, also redet sie mit ihm, wie mit einem kranken Pferd. „Robert... Geht es dir gut? Hast du dich verletzt? Robert? Wie viele Finger zeige ich?“
„Vier, Drei… Nein. Ja... ich bin mit dem Rad gestürzt.“

Aniko macht Anstalten, Robert zu helfen. Gemeinsam wuchten sie das Rad in das Auto. „Gut, dass du auf mich gehört hast“, sagt Robert als Aniko die Kofferraumklappe zuknallt.
„Wie bitte?“
„Gut dass wir uns für den Caddy entschieden haben. Damals.“
„Pff...“

Sie steigen in das Auto. Aniko sitzt neben Robert. Robert fühlt sich warm und leicht. Wie ein frischer Zitronenkuchen. Ein Zitronenkuchen mit leichten Rumnote freilich. Er überlegt, ob er seine Hand auf ihre legen soll, wenn sie den nächsten Gang schaltet. Er lässt es sein. Achtung: Zauber des Vergessens. Er darf nicht vergessen, dass sie ihm vor kurzem erst das Herz aus der Brust gerissen hatte.
Auch Aniko denkt nach. Sie denkt an ihre Faust.

Wie leicht das ging. Sie hatte einfach die Hand zur Faust geballt, Roberts Rippen durchstoßen und dann... nur noch ein beherzter Griff war das. Mehr nicht. Aniko hatte Roberts Herz über ihren Kopf gehalten. Das Ding pulsierte in ihrer Faust. Eine zweite Faust in der Faust, ohne Haut noch zuckend. Sie wusste nicht mehr, wo ihre Faust aufhörte und die andere anfing. Dann legte sie das Herz auf den Waschbeckenrand und schaute in den Spiegel. Draußen fiel die Tür ins Schloss. Robert. Das war vor drei Wochen.

Robert beißt sich auf die Zunge. Vielleicht greift er ihr auch einfach ins Lenkrad.
Ab gegen den nächsten Baum. Der nächste Schritt will jedenfalls wohl überlegt sein. Aniko sitzt neben ihm und ... ja ... sie lächelt. Ein bisschen kühl vielleicht, aber sie lächelt. Soweit das Ideal, denkt Robert.
Aber eine Hyäne, die lächelt, zeigt auch ihre Zähne.



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