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Das (fast) unendliche Leben der Ohrwürmer

Frau Luna im Staatstheater Cottbus, gesehen am 27.2.2019

von Angelika Koch, Kultur

Es ist Faschingszeit. Das Staatstheater hat sich wieder darauf eingestellt und bringt diesmal Paul Linckes erfolgreichste Operette auf die Bühne, und wahrscheinlich wird man sie im nächsten Jahr in der „fünften Jahreszeit“ wieder sehen können.
Vor über 100 Jahren war die Operette das, was heute Kino, Fernsehen und Popmusik-Shows zusammen ausmachen. Sie war das Unterhaltungsmedium schlechthin, das die Illusion einer von Wünschen und Träumen geprägten Parallelwelt schuf und dankbar angenommen wurde. Allerdings betrug die Lebensdauer der Operette nur ungefähr 60 Jahre, und es mag erstaunen, dass sie nach wie vor so häufig auf den Spielplänen der Theater zu finden ist.
Amerikanische Wissenschaftler haben jetzt eine Formel entwickelt, mit der sich das Suchtpotential eines Musiktitels bestimmen lässt:
Aufnahmefähigkeit + (Vorhersehbarkeit - Überraschung) + (melodisches Potential) + (rhythmische Wiederholung x 1,5) = Ohrwurm
Operettenkomponisten haben ganz ohne diese Formel viele Melodien komponiert, die sich, einmal gehört, im Ohr einnisten und zu dieser Spezies mutieren. Sie sind es auch, die, neben den leicht zu konsumierenden Geschichten, den immer noch anhaltenden Erfolg des Genres Operette mit bestimmen. Allerdings muss man ehrlicher Weise dazusagen, dass das Publikum bei diesem Operettenbesuch im Staatstheater in der Mehrzahl Ü60 war und wahrscheinlich mehrheitlich auch zufrieden damit, dass man eine „Frau Luna“ auf der Bühne erlebt, so wie sie möglicherweise schon zur Uraufführung zu sehen war.
Das Bühnenbild stimmt mit den alten Postkarten, die vor Beginn auf dem Vorhang zu sehen sind und die dann auch zu Hauf den Bühnenhimmel bedecken, schon darauf ein. Die Berliner Straße, vielleicht hinterm Alexanderplatz, in der Mechaniker Fritz Steppke, dessen Freunde und seine Verlobte Marie sowie deren Tante Pusebach und all die anderen kleinen Leute leben, die in der Geschichte eine Rolle spielen, wird mit einem Hintergrundfoto angedeutet. Fritzes Zimmer ist dann sehr realistisch ausgestattet. Auch ein Automobil und die Mondschaukel der Frau Luna dürfen natürlich nicht fehlen. Bei den Kostümen hat Ausstatter Mike Hahne vor allem bei den Mondbewohnern, die vom Opernchor verkörpert werden, seiner Phantasie freien Lauf gelassen. Was er allerdings Frau Luna anziehen ließ, ist, gelinde gesagt, für die Darstellerin äußerst unvorteilhaft und dadurch auch nicht gerade nett anzuschauen.
Dem Regisseur Steffen Piontek ist leider auch nicht viel Neues eingefallen, und so muss er in den Spielszenen immer mal wieder zu kleinen geschmacklosen Andeutungen greifen, um sich die Lacher aus dem willigen Publikum zu holen. Die Dialoge schleppen sich anfangs doch ziemlich zäh dahin, erst Heiko Walter als Schutzmann Theophil macht der Operette Beine. Die übrigen Solisten bemühen sich nach Kräften, chargieren z.T. schamlos, berlinern sich mehr oder weniger gekonnt durch die Geschichte von Fritz Steppke, außer Schneider Lämmermeier alias Christian Henneberg, der darf sächseln. Auch vor 100 Jahren gab es eben schon Wahlberliner. Gevorg Aperánts in der Rolle des Fritz Steppke ist gebürtiger Armenier und überzeugt sowohl stimmlich als auch körperlich. Trotzdem ist die Besetzung der Rolle durch ihn nicht nachvollziehbar, denn Fritz Steppke muss im Text behaupten, dass er Urberliner ist. Man hätte sich Hardy Brachmann in dieser Rolle gewünscht.
Die Geschichte ist schlicht. Der Mechaniker Fritz Steppke möchte gerne einmal im Leben mit einem Luftschiff auf den Mond, im Traum fliegt er mit seinen Freunden auch dorthin und als er wieder aufwacht, hat ihm seine Verlobte Marie inzwischen eine Anstellung bei Herrn Zeppelin in Friedrichshafen per Brief erwirkt. Herz, wat willste mehr.
Dass Paul Lincke militärmusikbegeistert war, ist nicht zu überhören. Ein flotter Marsch folgt dem anderen und scheint dem breiten deutschen Musikgeschmack immer noch zu liegen, weil´s doch hin und wieder in den Füßen zuckt und man auch so gerne im Takt mitklatschen mag. Dirigent Christian Möbius bemühte sich, gegen den militärischen Charakter der Musik anzugehen. Es gelang ihm zusammen mit dem Orchester erfreulicherweise, eine gewisse temporeiche Leichtigkeit in den Orchesterklang zu bringen, wenn auch manchmal die Gesangsstimmen der jungen Solistinnen etwas übertönt wurden. Gast Lena Kutzner gab stimmlich und darstellerisch eine beachtenswerte Frau Luna bzw. Chansonette Flora Huschke, das Ensemble bemühte sich nach Kräften, gute Laune zu verbreiten, und das Ballett war ebenfalls mit von der Partie, auch wenn die Choreografien, für die Winfried Schneider verantwortlich zeichnete, ebenfalls nicht sonderlich einfallsreich sind.
Und trotz allem geht man nach der Vorstellung aus dem Theater und hat noch tagelang „Schlösser, die im Monde liegen“ und „Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft“ im Ohr, denn Ohrwürmer sind hartnäckig und lassen sich, haben sie sich erst einmal festgesetzt, nicht so leicht vertreiben.

Foto:FRAU LUNA, Szenenfoto mit Lena Kutzner (Frau Luna) © Marlies Kross
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