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Wie ich an GUNDERMANN geriet

Hier bin ich gebor’n, wo…

von Gitte Quelb, Film

Ich wurde Anfang April 1984 in der damaligen Wilhelm-Pieck-Stadt Guben geboren. Das kam recht überraschend für meine Eltern, da sie erwarteten, mich in der Bezirkshaupt- und ihrer Heimatstadt Cottbus das allererste Mal in Händen zu halten. Störungen im Betriebsablauf der Kreißsäle beziehungsweise Wöchnerinnenstation verhinderten dies erfolgreich. So kam es zur Überführung meiner wehen-geplagten Mama in Richtung polnische Grenze. In die Stadt, in der eben auch schon der große F. Wilhelm. R. Pieck das Licht der Welt erblickte. Entgegen ihrer beider klitzekleinen Hoffnung, stand außerdem der Umstand, dass ich ein Mädchen war. Nach der erstgeborenen Tochter ersehnte man sich so ein bisschen einen Manu- oder Michael, der irgendwann Fußball spielen würde. Pustekuchen. Kerngesund, rotbäckig und ohne kleinen Zipfel der den großen Unterschied ausmacht, erfreute ich trotzdem meine Umwelt mit meiner Anwesenheit. Klar hatte ich noch nicht die geringste Vorstellung, von dem, was ich einmal mein Leben nennen würde. Vielleicht eine Ahnung, ein Bauchgefühl, aber keine Vorstellung.
Ja, und irgendwie war das nach 13 Jahren Schule nicht wirklich anders. Orientierungslos verschlug es mich zunächst dorthin, wo ich anfangs herkam. An die polnische Grenze. Diesmal auf die polnische Seite. Ein ganzes halbes Jahr verbrachte ich auf einem Gelände, das zugleich Reiterhof, Hotel mit Restaurant und Flugplatz beherbergte. Ich lernte so einiges Einiges, ja, definitiv.
Zurück in Cottbus und meinem Elternhaus tat es sich dann wieder vor meinem Geiste auf, das große Fragezeichen. Nach vielen Wochen und dem Sommer 2004 ging ich schlussendlich nach Leipzig, um dort den Versuch zu wagen, das Hochschulfachgebiet der Geografie zu durchwandern.

„Bin zwar’n grünes, doch’n kleines Licht…“
Es könnte anno 2005 oder 6 gewesen sein, auf keinen Fall 4 oder 7, dessen bin ich fast absolut sicher. Da ich Mauerblümchen noch immer nicht bestäubt war, geisterten mir außer des zu erlernenden Stoffes, vor allem auch einige Kommilitonen im Kopfe herum. Aber das nur nebenbei. Obwohl es schon auch irgendwie mit all dem zu tun gehabt haben könnte. Denn was ich auf jeden Fall war: linksalternativ, öko, vegetarisch. Lustig aber uncool. Große Möppies aber unsexy. Schlagfertig aber unsicher. Gut, das soll reichen. Jedenfalls war es so, dass ich zwischendurch immer mal wieder in CB herumstromerte und da auch immer noch einen Bibliotheksausweis für die Stadtbibliothek hatte. Einmal war mir danach, gute Musike für Leipzig zu finden, um sie dort allein in meinem klitzekleinen WG-Zimmerchen zu hören, wenn ich eben mal wieder gute Musik brauchte. Und wie ich so die vielen Reihen der CD-Plastehüllen „umblätterte“, griffen meine Finger plötzlich etwas anderes. Zeitgleich erblickten meine öko-versierten Augen ein recyclebares Material in angenehmem Braunton aus einem nachwachsenden Rohstoff. Naja, Pappe halt. Augenblicklich fühlte ich mich mehr als angesprochen. ‚Diese Produktionsfirma hat Werte, klein aber fein‘, könnte ich gedacht haben. Denn schon lange war mir intuitiv völlig klar, dass all der Plastesch… nicht gut sein kann für Mutter Natur. Und das noch bevor es Filme wie „Plastic Planet“ oder diverse andere Berichte über den pazifischen Plastikmüllteppich, die Schädlichkeit von Weichmachern und die Gefahr etwaiger krebserregender Kunststoffe gab. Vielleicht sogar schon seitdem ich als fröhlich glucksendes ‚0-Jähriges‘ in meiner oralen Phase die verschiedensten Dinge zunächst „begriff“ und bestaunte, um sie anschließend neugierig an- und abzuschlabbern. Ja, schon damals, ganz am Anfang meiner Karriere als homo sapiens, muss mir das Material Holz um ein Vielfaches netter erschienen sein, als all das Zeuch aus weichem oder hartem Kunststoff. Lange Rede, kurzer Sinn. Ich komme nun zum Punkt, zum Kern des Ganzen. Auf diesem umweltfreundlichen CD-Cover stand oben Gundermann und unten Krams – Das letzte Konzert. Dazwischen eine Schwarz/Weiß-Profibildaufnahme von ´nem Mann mit Gitarre, dünnem Haar und großer Brille. Was andere getrost liegen gelassen hätten, nahm ich beglückt und erwartungsvoll mit auf die weitere Reise. Sie sollte von nun an nicht mehr ohne diesen zweifelsfrei schrägen, jedoch auf seine Art unvergleichlichen (ost)deutschen Liedermacher verlaufen. Aber das wusste ich zu dem Zeitpunkt natürlich noch nicht. Beim anfänglichen Hören stellte sich noch nicht die Zuneigung ein, die sich erst im Laufe der folgenden Zeit zunächst zart, dann immer mächtiger entwickelte. Klar, dass ich auch die Texte im beiliegenden Heftchen durch- und mitlas. Ich war tief berührt und fand es schade, zu lesen, dass dieser Gundermann schon seit geraumer Zeit tot war. An den Zeilen darüber, dass er genau sieben Tage nach Aufnahme dieses Konzerts, das in meine Ohren drang, an einem Hirnschlag starb, blieben meine Augen lange kleben und ich fühlte mich ein wenig paralysiert.
Doch er sollte weiterleben. Beim darauffolgenden Bibliotheksbesuch lieh ich mir ‚Männer, Frauen und Maschinen‘ aus. Sehr schnell mochte ich dieses allererste Studioalbum und konnte bald alle Texte mitschmettern. Sie trafen absolut meinen Nerv – Gundi war die Entdeckung schlechthin für mich. Ich wollte die Alben nicht mehr nur leihen, ich wollte sie haben.
Auch wenn er zwischenzeitlich nicht präsent war, verloren gegangen ist er mir nie. Die Alben haben bisher drei Umzüge mitgemacht.
Und nun, genau 20 Jahre nach seinem Tod kommt also ein Spielfilm über ihn ins Kino. Mmh. Ich werde ihn mir ansehen und ihm damit eine Chance geben. Auf jeden Fall hat Gerhard Gundermann es allemal verdient, weit über seine Heimatgrenzen hinaus bekannt zu werden, auch wenn er selbst nix mehr davon hat. Die größten Genies wurden in ihrer Gänze erst posthum begriffen.

„Geister aus der Vergangenheit, die hier [seltsamer-]weise durchs Smartphone klingen und irgendwie in die Zukunft fingern... Zukunft? Irgendwie auch zuhause…“ (zitiert nach einem youtube-Kommentar zum Reupload des Krams-Konzertes)

pictures/artikel/IMG_38387934.jpgFoto: Alexander Scheer als Gerhard Gundermann © Peter Hartwig / Pandora Film
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