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Geld, Geld, Geld...

oder wem gehört die Stadt?

von Conny Meißner, Cottbus

Dem studentischen Wohnprojekt „Karlstraße 29“ droht das Aus. Sollte der aktuell diskutierte Verkauf an die Berliner Lifestyle Immobilien GmbH über die Bühne gehen, wird ein weiteres historisches Altbauhaus in Cottbus „schick“ gemacht und ein paradiesisch-wilder Garten mit Parkplätzen zubetoniert. Die Mieten sollen auf das Doppelte steigen und die derzeit dreizehn Bewohner*innen plus zwei Katzen und ein Hund müssten gehen. Ist der Lauf der Dinge, könnte man meinen, wenn da nicht die andere Seite wäre...

Als man sie brauchte...

Anfang der 1990iger Jahre verfielen die Häuser auch in Cottbus. Um dem Leerstand und den daraus resultierenden Kosten etwas entgegen zu setzten, entstand dazu ein Projekt der Universität und der GWC. Im Mittelpunkt stand studentisches Leben und Wohnen, im Gegenzug pflegten die neuen Mieter*innen die Häuser und setzten sie (so weit es ging) instand. Mit dieser Idee „durchwohnten“ seither etliche Student*innen die 360 m² auf drei Etagen in der Karlstraße 29, immer solidarisch und gleichberechtigt. Zum Haus gehören ein Hinterhof, ein paar Schuppen und ein Garten, in dem sie Gemüse und Blumen pflanzen. Dreh- und Angelpunkt des Lebens ist die große WG-Küche und das gemeinsame Wohnzimmer. 1992 gründeten die ersten Bewohner*innen einen gemeinnützigen Verein, der sich neben dem alternativen Wohnen und Lernen auch der Kultur verpflichtete.

Was sie uns geben...

Das Wetter war perfekt am diesjährigen Pfingstsamstag. Viele hundert Menschen trafen sich auf dem Bonnaskenplatz zum jährlichen Karlstraßenfest. Seit 2008 wird das Kiezevent vom K29-Verein organisiert und ist schon längst zum festen Termin im Cottbuser Kulturkalender geworden. Hier begegnen sich Menschen – alte, junge, Familien, Rentner*innen, Studis, Arbeiter*innen, schräg, konservativ - eben Leute aus dem Kiez und mit verschiedensten Lebensmodellen. Die Fortführung der K29-Lebensart ins Kulturelle macht die Atmosphäre einzigartig offen und kreativ, die Angebote nachhaltig und solidarisch, die Beiträge entspannt und ohne lautes Tamtam – ein Ort für echte Gespräche und ein Gegenentwurf zur kommerzialisierten Festrauschkultur. Neben der Organisation des Festes öffnet die WG regelmäßig das Haus für Kulturabende, Brunch und Kino auf dem Hof, früher sogar für Uni-Seminare. Auf Eigeninitiative und aus eigener Tasche liefern sie mit ihrem Engagement viele Beiträge zur Lebensqualität und Diversität in der Stadt. K29 steht damit für einen modernen wie alternativen Lebensentwurf, der Freiraum zur kreativen Entfaltung bietet und Cottbus für Studierende und andere Interessierte spannend macht.

Nicht mehr gewollt...

Gehen Sie zur Seite, wir sind die Neuen! Mit Schrecken öffnen die WG-Leute die Tür und müssen Anfang des Jahres die Besichtigung durch eine Berliner Immobilienfirma über sich ergehen lassen. Dabei haben sie doch gerade beim aktuellen Eigentümer nachgefragt... es stand kein Verkauf an. Aber der Reihe nach! Rund um das Haus gibt es seit dem Einzug immer wieder Schwierigkeiten. Zu Beginn waren es Themen wie Restitutionsansprüche, daher keine Fördermöglichkeiten, später der ewige Kampf mit der GWC um das Notwendigste, wenn es wieder durch die Fenster zog. Nach der Klärung der Eigentumsverhältnisse ging das Haus gänzlich in städtischen Besitz über und wurde – wie so viele Altbauten – später verkauft. Beim derzeitigen Vermieter, der Grund-Union-Immobilien GmbH, fragten die K29-Leute regelmäßig nach: Pläne zum oder gar ein Verkauf wurden immer wieder abgestritten. Doch das ungute Gefühl blieb und so hat sich der Verein dazu entschlossen, das Haus selbst zu kaufen, Finanzierungsmodelle geprüft, gefunden und deutlich Kaufinteresse bekundet. Allein der Besitzer scheint der Berliner Firma den Zuschlag erteilen zu wollen. Leider hat der Vermieter auf die Anfragen der Blicklicht-Redaktion dazu nicht reagiert.

Wie es nun weiter geht...

Warum erhielten die Bewohner*innen der Karlstraße keine Gelegenheit ihr Vorkaufsrecht in Anspruch zu nehmen? Kann der Verkauf noch abgewendet werden bzw. ist er rechtlich in Ordnung? Ist der Werdegang und die einhergehend drohende Vernichtung Cottbuser Subkultur ein Fall für Politiker*innen der Stadt?
Die Bewohner*innen der Karlstraße geben jedenfalls ihr Zuhause nicht so schnell verloren. In einem offenen Brief baten sie sowohl den Cottbuser wie den wohl zukünftigen Eigentümer im Mai um Klarstellung und das Abwenden des Weiterverkaufs. Bisher keine Reaktion (Stand:13.06.) Cottbuser*innen können derweil auf vorgedruckten Postkarten ihre Gründe für den Erhalt an den derzeitigen Besitzer in die Waisenstraße 5 schicken. Die Karten gibt es z.B. in der Fango wie im Prima Wetter. Und ja, auch die Politik hat sich eingeschaltet. Bei einem Hausbesuch im Juni lobte Kerstin Kircheis (SPD) das Projekt, erklärte es für unbedingt erhaltenswert und will sich für die Weiterführung stark machen. Auch auf die Partei Die Linke kann sich das Projekt verlassen und auf Unterstützung zählen.

Geld, Geld, Geld...?

Wir müssen uns fragen, in welcher Stadt wir leben wollen und wem sie gehört!? Auch wenn alternative Konzepte monetär nicht sofort lukrativ erscheinen, haben sie doch eine wichtige Tiefenwirkung für das Leben in einer Stadt, wie im Fall der K29. Darum braucht die WG Unterstützung und Solidarität. Neuigkeiten, Aktivitäten und Termine gibt es auf Facebook #Karlstraßenfest-Cottbus, in der Karlstraße 29 selbst und auf www.raka-magazin.de .

Foto: Conny Meißner
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