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Gesehen: MENSCHENSKINDER

Premiere 16. September 2017, Staatstheater Cottbus

von Jens Pittasch, Kultur

pictures/artikel/IMG_06932164.jpgZwanzig Jahre hielt das Staatstheater nicht nur an seinen vier Sternen im Logo fest, die stellvertretend für vier Sparten des Hauses gesehen werden, sondern gab auch dem Ballett - der 1997 offiziell geschlossenen, vierten Sparte - stetig und großzügig Mittel und Raum für eine eigenständige Arbeit und Entwicklung. Eine Chance, die Ballettmeister Dirk Neumann und seine Compagnie nutzten, um sich mit herausragenden Leistungen weit über Cottbuser hinaus einen ausgezeichneten Namen zu machen. Zur Eröffnung des neuen Ballettstudios, kam nun zur Sprache, dass die Rückeroberung des Spartenstatus möglicherweise bevorsteht.
Eine Anerkennung, die mehr als verdient wäre, wie sich an diesem Abend erneut zeigte.
Jubelstürme, wie man sie hier erlebte, sind in dieser Intensität nur bei den Tanzpremieren zu hören. Und jedes Stück der Begeisterung ist gerechtfertigt.
Das Cottbuser Tanzensemble umfasst lediglich vier Tanzpaare, zur Premiere waren es - verletzungsbedingt - gar nur drei. Und trotzdem standen im dreiteiligen Abend, mit dem die neue Spielzeit des Staatstheaters eröffnet wurde, insgesamt 14 Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne. Diese Aufstockung durch Gäste möglich zu machen und damit dem Ensemble zusätzliche Motivation und den Cottbusern außergewöhnliche Erlebnisse zu geben, ist wesentlicher Teil der eingangs angesprochenen theaterinternen Förderung.
Selbstbewusst haben Dirk Neumann und seine erweiterte Crew unter dem Titel „Menschenskinder“ drei Meisterchoreografien zusammengefasst, die von weltweit geschätzten Choreografen für international hochklassigste Tanzkompanien entwickelt wurden. Es ist eben diese Kategorie, in der das Cottbuser Ballett inzwischen tanzt.
Von Birgit Scherzer stammen Choreografie, Bühne und Kostüme des Auftaktstückes „Anywhereme“, einer Auskopplung Ihres Balletts „Frauen, Männer, Paare“ aus 1991. Noch weiter zurück reicht die Geschichte von „Keith“, der zweiten Choreografie von Birgit Scherzer. „The Köln Concert“, eine Doppel-LP des legendären Improvisationskonzertes von Keith Jarrett, aufgeführt 1975, steht auch nebenan im Schrank. Die Platte war Kult in Ost und West und wurde Vorlage für Birgit Scherzers Tanzfassung 1988 an der Komischen Oper. Beide Neueinstudierungen und Aktualisierungen in Cottbus leitete sie selbst.
Tanz nach improvisierter Jazz-Musik, auch heute noch ungewöhnlich, zumindest in dieser Ausdrucksweise unerwartet - zudem von klassischen Ballettensembles. Birgit Scherzer steht für eine Befreiung von Ballettkonventionen, ohne die klassischen Wurzeln dieses Tanzes zu verleugnen. Und ist damit in Cottbus genau an der richtigen Adresse. Es ist einfach faszinierend, wie sich eine geradezu athletische Ästhetik mit Feinheit und Freiheit mit Präzision verbindet. Wir erleben eine anspruchsvoll-spannende Definition von Ballett heute.
Die sich dann nach der Pause in einen wahren Tanzrausch steigert, mit „Cantus“, einer der jüngsten Arbeiten von Nils Christe und in Cottbus als deutsche Erstaufführung zu sehen. Niels Christe und seine Frau Annegien Sneep studierten das 2015 für die niederländische Komagnie Introdans entstandene Werk in Cottbus persönlich ein. Geschwindigkeit und tänzerischer Anspruch sind außerordentlich hoch und springen mit höchster Intensität auf das Publikum über, was zum zuvor beschriebenen Jubel führt.
Drei großartige Arbeiten, Meisterchoreografien - einstudiert und getanzt von Meistern.


Ensemble: Inmaculada Marín López, Andrea Masotti, Lindy Bremer, Romy Avemarg, Venira Welijan, Mikhael Champs, René Klötzer, Stefan Kulhawec, Alexander Teutscher, Oliver Preiß, Juan Bockamp, Jhonatan Arias Gomez, Gemma Pearce, Ramon Sanchez

Foto: Marlies Kross

MENSCHENSKINDER
Meisterchoreografien von Birgit Scherzer und Nils Christe
zu Musik von Portishead, Toni Gatlif, Carlo Farina, Keith Jarrett und Arvo Pärt
Choreografie ANYWHEREME und KEITH Birgit Scherzer
Bühne/ Kostüme ANYWHEREME Birgit Scherzer
Bühne KEITH Hans-Holger Schmidt
Kostüme KEITH Birgit Scherzer
Choreografie CANTUS Nils Christe
Bühne CANTUS Thomas Rupert
Kostüme CANTUS Annegien Sneep
Einstudierung CANTUS
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