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Gesehen: Momo

Vorsicht! Zeitdiebe, Staatstheater Cottbus

von Bernd Müller, Kultur

Zeit ist das Wertvollste, was wir haben. Kein Geld kann uns je verloren gegangene Lebenszeit ersetzen. Nichts kann sie zurückholen. Zeit ist neben Geld das, was die meisten in unserer Gesellschaft zu knapp haben. Wieviel Zeit verbringen wir mit unseren Freunden? Sicherlich viel zu wenig. Wieviel Zeit schenken wir unseren Kindern? Wenn sie groß sind, wird so manchem schmerzlich bewusst, dass es wohl auch zu wenig war.
Zeit ist das Thema des Schauspiel-Märchens „MOMO“ nach dem Roman von Michael Ende, das in einer Fassung von Jörg Steinberg Ende November 2017 im Staatstheater Premiere feierte. Momo (Ariadne Pabst) ist ein Mädchen, von dem niemand weiß, woher es kommt oder wie alt es ist. Sie wohnt in einem umgekippten Schrank. Sie ist nett, und sie wird sehr gemocht, weil sie anderen zuhört und sich Zeit für jeden nimmt. Es ist eine glückliche Gesellschaft, die auf der Bühne dargestellt wird.
Doch das Glück währt nicht ewig. In Grau gekleidete Herren schleichen in der Stadt herum und überreden die Leute, Zeit zu sparen, um irgendwann ein „richtiges Leben“ zu führen. Die Mitarbeiter der Zeit-Sparkasse haben Erfolg, die Leute legen ihre Zeit bei ihnen an. Freunde? Zeitverschwendung! Gespräche? Nichts ist mehr möglich. Stattdessen hat sich die einst glückliche Gesellschaft in hektischer Betriebsamkeit aufgelöst. Geduld macht Ungeduld Platz, Freundschaften dem Eigennutz.
Momo ist die Einzige, die sich den grauen Herren noch nicht zugewandt hat. Doch die wollen die Zeit von allen. Die Puppe Bibigirl (Maja Lehrer) ist das Geschenk, das dem Missstand abhelfen soll. Doch Momo lässt sich nicht von dem pinken, oberflächlichen Glanz des Spielzeugs täuschen. Bibigirl ist langweilig, auch wenn sie so fein herausgeputzt ist und ihr der Schein des Schönen anhaftet. Momo mag andere Menschen lieber.
Durch einen Zufall kommt Momo hinter das Geheimnis der grauen Herren, und seitdem ist sie in Gefahr. Da kommt zum Glück die Schildkröte Kassiopeia (David Kramer), die sie zu Meister Hora (Susann Thiede) bringt. Gemeinsam gelingt es ihnen, die grauen Herren zu besiegen und die im Tresor gebunkerte Zeit zu befreien.
Regisseur Jörg Steinbach hat mit seiner hervorragenden Momo-Inszenierung ein Thema auf die Bühne gebracht, das aktueller nicht sein könnte. Der Neoliberalismus zwingt uns zu persönlicher Selbstoptimierung, permanenter Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt und setzt uns ständig der Burnout-Gefahr aus.
Zu sehen an Figuren wie dem Straßenkehrer Beppo. Weil er dem Druck und der Arbeitshetze nicht standhält, greift er zum Alkohol. Oder Fremdenführer Gigi: Als unbekannter Straßenmusiker träumt er davon eines Tages berühmt zu sein. Doch seine Leidenschaft verwandelt sich mit seiner Berühmtheit in einen Käfig. Die Nebenwirkung seines Erfolgs ist, dass er sämtlicher Freiheiten beraubt und deshalb todunglücklich ist.
Das Tragische an dem Stück ist das Ende, wenn der absolut verdiente Applaus vorüber ist. MOMO hält dem Publikum einen Spiegel seiner eigenen Lebens-umstände vor, doch wenn es wieder zuhause ist, ist es immer noch gefangen in den Umständen, die ihm täglich die Lebenszeit rauben. Nur dass es keine Momo, keinen Meister Hora und keine Schildkröte Kassiopeia gibt, welche die Zeitdiebe bekämpfen.
Im wahren Leben hängen Zeit und Geld untrennbar zusammen. Um Geld zu bekommen, müssen wir arbeiten, müssen wir unsere Arbeitskraft eine Zeitlang verkaufen. Und unsere Wirtschaft lebt davon, uns Dinge zu verkaufen, derer wir im Grunde nicht bedürfen. Bibigirl ist das Symbol für die vielen schönen Dinge, die uns angeboten werden und für die wir arbeiten gehen: der riesige Fernseher, das teure Smartphone, das luxuriöse Auto, das Wellness-Wochenende. Und um uns von der Arbeit zu erholen, schlagen wir unsere verbliebene Zeit vor dem Fernseher oder mit einem Computerspiel tot. Unsere Aufmerksamkeit reicht – wenn überhaupt – höchstens noch für unsere Familien. Und diese reduziert sich viel zu oft auf materielle Dinge. Rainald Grebe hat das in „Captain Krümel“ besungen, Gerhard Schöne in „Schmusen muss sein“.
Alle Deutschen zusammen haben im letzten Jahr rund 1,7 Milliarden Überstunden gemacht, 782 Millionen bezahlt und 947 Millionen unbezahlt. Das ist Zeit, die wir zusätzlich auf der Arbeit und nicht mit Freunden oder der Familie verbracht haben. Das ist Zeit, welche die Tresore von Anderen füllt. Die Zeitdiebe haben uns offenbar fest im Griff.

pictures/artikel/IMG_15764979.jpgFoto: MOMO, Szenenfoto mit (v.l.n.r.): Ariadne Pabst (Momo), Susann Thiede (Meister Hora) und David Kramer (Schildkröte Kassiopeia), © Marlies Kross
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