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Gesehen: „Rosa – trotz alledem“

21.09.2017, 19:30 Uhr, DKW Cottbus

von Michael Becker, Kultur

Warnung! Geschichte kann zu Einsichten führen und verursacht Bewusstsein
Also ich muss schon sagen, das war ein starkes Stück, was sich da am Donnerstagabend im Dieselkraftwerk geleistet wurde. Agit-Prop wie in den zwanziger, dreißiger Jahren, als Barrikaden-Tauber Ernst Busch und Genossen gegen Krieg und aufkommenden Faschismus zu den Menschen auf die Straßen gingen? – Es kam schlimmer! Ein richtiger Theaterabend bezog eindeutig Haltung. In Cottbus und noch dazu drei Tage vor der Bundestagswahl. Unverhohlen nahm die vierköpfige Theatertruppe, angestiftet von Theaterregisseurin Anja Panse, die den Abend auch entworfen hatte, Partei für das Einfache, das so schwer zu machen ist, die kommunistische Idee. Man muss es subversiv in eklatantester Art und Weise nennen, was sich da an diesem Herbstabend in der Cottbuser Kunstsammlung abspielte. Diese linke Truppe setzte einer der bedeutendsten Frauen der Weltgeschichte ein würdiges, verdientes Denkmal vom Feinsten. Der großartigen Rosa Luxemburg wurde kein Kranz aufs Grab gelegt, nein, sie wurde mit Hirn und Herz, mit theatralischen Mitteln als die auf die Bühne gespielt, die sie war: ein überaus kluger Mensch, eine überzeugte Feministin, eine besessene Linke, eine sensible, sinnliche Frau, eine weitsichtige Ökologin, eine unbeirrbare Kämpferin für den Fortbestand der Menschheit. Dieser Abend war eine mutige Aufforderung nach Alternativen zum Kapitalismus zu suchen, ihn zu durchschauen und folgerichtig zu bekämpfen. Die Zuschauer werden ermutigt, vernünftigen Idealen zu verfallen und daraus rückwirkend aktiv zu werden, sich nicht zu ergeben, trotz alledem. So ehrten die Theaterleute Rosa Luxemburg indem sie sich und uns nützten, wie es die Teppichweber von Kujan Bulak bei Brecht taten. Das war Theater, nicht als Bebilderung von Geschichte, sondern als Aufforderung, sich einzumischen in Geschichte, zum Selbstgestalten seiner Geschichte, zum Verändern von Geschichte an sich. Die „Rosa“ ist dringend empfehlenswert, birgt sie doch die Gefahr hoher Erkenntniserlangung. –Geschichte kann zu Einsichten führen und Bewusstsein verursachen.


Woran erinnere ich mich?

Ich sah eine Darstellerin mit scharfem Blick aus wunderschönen Augen. Sie konnte sich mit ihrem sinnlichen Körper gut bewegen. Sie tanzte schön. Eine Puppe war unendlich traurig. Sie schubste die Darstellerin mehrmals, schien sie vor etwas warnen zu wollen. In einer Szene im Gefängnis kommunizieren zwei Frauen ausschließlich per Vogelgezwitscher – eine zauberhafte Stelle! Aus Bilderrahmen herausschauend agitierten und schimpften Stalin, Lenin, Luxemburg und Trotzki wie die Rohrspatzen – eine tolle Idee. Herrlich komisch, wie Rosa ihren Marx dekliniert. Es wurde auf dem Klavier, mit der Klarinette und auf der Geige musiziert, es wurde gut gesungen. Durch chorisches Sprechen erschlossen sich viele Denkräume. Ein Zuviel an Kleinrequisiten lenkte mich gelegentlich unnötig ab – Reduktion wäre anzuraten. Das Spiel mit Puppen bereicherte meine sinnliche Aufnahmefähigkeit, setzte Phantasien frei - eine gute Entscheidung. Präziseres Sprechen würde den Glanz der Darstellung hier und da vergrößern. Der Faden aus dem Bart von Marx wurde „weitergesponnen“ – ein schönes Bild. Das TV-Gerät wäre vielleicht durch einfache Toneinspielung verzichtbar gewesen. Weniger grobe Darstellung der „Bösen“ wäre anzuraten. Der Mensch hinter dem Wärter war eine schöne zarte Studie. Gelegentliche Pausen, Stille, die am Boden liegende Puppe - starke Momente. Die Gasmaskenszene berührte mich. Wieder und wieder war ich fasziniert von den stechenden Augen der Rosa Darstellerin, von ihrer starken Aura. Nach gefühlt kurzer Zeit endete der Abend etwas unentschieden. Dann kam verdienter, achtungsvoller Applaus von an die dreißig Zuschauern. Ich beglückwünschte meine Kollegen kurz nach der Aufführung herzlich. Danke, ihr Künstler, allen Dank und Gratulation. Ihr habt Mut bewiesen und Haltung. Ein seltener Abend. Hochachtung! Auch der Leitung des Kunstmuseums sei an der Stelle gedankt. Eine solche Produktion im eigenen Haus stattfinden zu lassen ist nichts Selbstverständliches, Respekt! Der „Rosa“ mögen viele junge Menschen begegnen, auch viele nicht junge, die sich Mut und Lust holen wollen für die erhabenste Sache, die Gestaltung und Erhaltung einer menschenfreundlicheren Welt.

pictures/artikel/IMG_09901173.jpgBild: Plakatmotiv für „Rosa – Trotz alledem“ (Grafikdesign : buerominimal)


„Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler“ ( Ingeborg Bachmann )


Interview mit der Regisseurin, Schauspielerin und Autorin Anja Panse
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