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Es gibt kein unpolitisches Theater

Ein Gespräch mit dem Leiter des Piccolo-Theater Reinhard Drogla

von Bernd Müller, Kultur

Herr Drogla, die AfD-Fraktion im Landtag hat eine Kleinen Anfrage gestellt. Darin wird gefragt, weshalb das Land Brandenburg das Piccolo-Theater mit 1,8 Millionen Euro in den nächsten zwei Jahren fördert. Wie werten Sie als Leiter des Theaters diese Frage? Kann man darin schon einen Angriff auf Ihre Kulturstätte sehen?

In der Frage der AfD-Fraktion sehe ich erstmal keinen Angriff auf das Theater, es ist eine berechtigte Frage, die Jeder, der im Landtag Sitz und Stimme hat, stellen darf. Es ist ja auch nicht die einzige Anfrage zu Kultureinrichtungen, die von der AfD-Fraktion gestellt worden ist. Dass die Frage etwas tendenziell gestellt ist und nach der Berechtigung der Förderung fragt, das ist Sache der AfD. Einen Angriff auf das Theater möchte ich da nicht hineininterpretieren.

Herr Kalbitz, Fraktionschef der AfD im Landtag, meint, in Brandenburg würden vor allem linke Kulturprojekte gefördert. Hat er damit recht, besonders wenn er in diesem Zusammenhang auch das Piccolo-Theater nennt?

Ich kann das gar nicht beurteilen, ob im Land Brandenburg vor allem linke Kulturprojekte gefördert werden, weil ich gar nicht alle kenne. Wenn Herr Kalbitz das aber meint, wird er sie ja vielleicht alle kennen und einen riesen Überblick haben. Es wäre sicherlich auch ideal, wenn er sie alle gut kennt und auch besucht hat, denn es ist immer gut, wenn sich Politiker mit dem beschäftigen, worüber sie auch abstimmen.
Das Piccolo ist kein linkes Theater. Hier werden humanistische und demokratische Werte vermittelt. Das machen wir vom ersten Tage an, und das werden wir auch immer weiter so machen. Jedes Theater beschäftigt sich generell mit gesellschaftlichen Themen, ganz besonders die Kinder- und Jugendtheater. Wir beschäftigen uns mit Kindern und Jugendlichen, welche Stellung sie in der Gesellschaft haben, wie sie ihren Platz finden und welche humanistischen Werte ihnen vermittelt werden. Das ist unsere Aufgabe.
Es ist eine unangenehme Situation, wenn jemand über unsere Arbeit spricht, ohne sie zu kennen. Und das halte ich für unglücklich. Es ist eine unangenehme Vorstellung, dass es künftig zunehmen könnte, dass über etwas gesprochen wird, von dem man nichts weiß. Ich kann deshalb immer wieder nur sagen: Wer Fragen zu unserer Arbeit hat, ist eingeladen. Es ist ja nicht so, dass wir an die AfD keine Einladung geschickt hätten. Zu allen Premieren bekommen sie eine Einladung. Wir haben jetzt auch nochmal an alle Mitglieder des Landtages, nicht nur an die Mitglieder der AfD-Fraktion, das Spielzeitheft geschickt und alle nochmal recht herzlich zu den beiden Weihnachtspremieren eingeladen.

Die AfD fragt, wie viele „Stücke mit dezidiert aktuellem gesellschaftlichen und/oder politischem Bezug“ in den letzten Jahren im Piccolo aufgeführt wurden. Wir von der „Blicklicht“ meinen, dass sich Theater seit jeher mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen beschäftigt hat. Wie sehen Sie das?

Ich könnte sagen, das Piccolo macht gar keine politischen Stücke. Oder alle Stücke sind politisch. Denn alle Stücke beschäftigen sich mit dem Hauptgegenstand des Theaters, mit dem Leben selbst. Insofern beschäftigen sie sich immer mit individuellen Schicksalen, wie sie in der Gesellschaft stattfinden. Wie und ob das jemand für sich politisch einnordet, hängt ja auch immer mit der eigenen Position zusammen.

Geht es denn, dass Theater unpolitisch ist?

Natürlich ist Theater immer politisch. Und jedes Theater ist immer progressiv politisch, ansonsten ist es schlechtes Theater. Ich kann es nochmal sagen: Im Theater wird immer Humanismus, Demokratie und Fortschritt verhandelt. Und das ist natürlich politisch. Es gibt also kein unpolitisches Theater. Nur in welche Himmelsrichtung man das Theater einordnet, hängt immer vom eigenen Standpunkt ab.
Ich sehe uns jedenfalls in keine politische Richtung eingeordnet. Das wäre auch nicht gut. Wir machen Theater, das gesellschaftlichen Fortschritt und Zusammenhalt will; das demokratische Werte vermitteln will.
Wenn Herr Kalbitz fragt, wie viele Stücke mit dezidiert aktuellem gesellschaftlichen und/oder politischen Inhalt aufgeführt worden sind, wie soll ich das beantworten? Von den letzten Jahren habe ich eine Liste von allen Stücken, die wir gespielt haben geschickt, weil ich das nicht abgrenzen kann. Wenn ich ein Entwicklungsstück wie die Schneekönigin auf die Bühne bringe, weiß ich nicht, ob das ein unpolitisches Stück ist. Ich glaube es nicht. Ich glaube, es ist durchaus politisch, fortschrittlich zu sehen, wenn Kinder Entwicklungsschritte machen; wenn sie sich emanzipieren; wenn sie in eine Gesellschaft hineinwachsen; wenn aus ihnen gute Humanisten werden, dann ist das natürlich politisch.

Das von der AfD monierte Stück „KRG“ gibt nicht nur Stimmungen wieder, die man unter anderem bei Demonstrationen von Pegida und „Zukunft Heimat“ vorfindet. Man könnte meinen, dass es den Zuschauer auch zu einem Perspektivwechsel zwingt. Wie wichtig ist für Sie die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinversetzen zu können? Welchen Beitrag kann das Theater dazu leisten?

Bei den Jugendklubstücken ist es ja genauso, wie eben gesagt. Das sind Entwicklungsprojekte von Jugendlichen, die geleitet werden. Und im Regelfall ist es so, dass wir dort keine fertigen Stücke haben. Auch bei „KRG“ war es so. Da gab es eine Ideenvorlage eines anderen Theaterstücks, was man hier in der Nähe in einem anderen Theater sehen konnte, und die Jugendlichen haben mit diesem Stoff gearbeitet und sich nicht darauf beschränkt, sich vorzustellen, was Krieg ist. Sondern sie haben etwas Wesentliches getan: Sie haben zunächst ihren Heimatbegriff geklärt. Sie haben sich darüber verständigt, was Heimat für jeden von ihnen bedeutet, wie sie Heimat definieren, wie sie verwurzelt sind. Was löst es in mir aus, wenn ich das Wort „Heimat“ höre? Wenn man diesen Schritt gegangen ist, ist die Vorstellung, was man so klar für sich definiert hat, zu verlieren oder verlassen zu müssen, eine viel brisantere. Was die Jugendlichen da getan haben, ist ein Prozess, der über Monate geht.
Die Voraussetzung dafür, sich in andere Menschen hineinzudenken und hineinzufühlen, ist, sich seiner eigenen Positionen bewusst zu sein. Wer bin ich, wo bin ich? Das haben sie gemacht, und das ist das große Plus für mich bei der Stückentwicklung. Sie haben erstmal ihre eigene Situation, ihre eigene Befindlichkeit definiert und konnten dann gewissermaßen diesen Wechsel vornehmen. Sie waren dann viel fitter, sich in den anderen Menschen hineinzuversetzen. Wie geht es ihnen? So ähnlich, wie es mir gehen würde.
Der Perspektivwechsel ist ein übliches Theatermittel, und ich glaube, in diesem Stück ist es besonders gut gelungen. Weil man ein Thema abgehandelt hat, was quasi jeder in sich hat. Einen Heimatbegriff haben ja alle. Wir müssen uns ja innerlich irgendwo verorten, wo wir eigentlich hingehören und wo wir herkommen.

Nun ist es ja so, dass die AfD in aktuellen Umfragen bei den kommenden Landtagswahlen auf rund 30 Prozent kommt. Wie könnte es beispielsweise Ihr Theater schaffen, diese Wähler noch zu erreichen? In welcher Form könnte das Theater dazu beitragen, diese Menschen noch für andere politische Werte zu gewinnen?

Ich denke, für viele Menschen ist die AfD eine Sammelbewegung, zu der sie mit ihrem Protest hingehen können. Es wird darauf ankommen, was bis zur Wahl noch alles passieren wird, was noch an Aufklärung geschieht, welche Klarheiten sich noch in der Bevölkerung ergeben, so dass die Leute dann sehr bewusst, sehr verantwortungsvoll ihr Kreuz machen.
Das Piccolo kann jedenfalls eine ganze Menge dazu tun, die Menschen zu erreichen. Wenn Kinder bei uns im Theater waren und nach Hause gehen und den Eltern erzählen, was sie hier gesehen oder erlebt haben, dann ist das ein ganz wesentlicher Beitrag zur Aufklärung.
An den Wochenenden erlebe ich hier – und besonders in der Weihnachtszeit – Eltern und Großeltern, die zu uns ins Haus kommen. Die Vorstellungen sind ja alles Familienvorstellungen. Und wenn man in ihnen eine positive Entwicklung des Lebens beschreibt wie in der Schneekönigin, wenn Kinder über sich hinauswachsen und Schwierigkeiten meistern, ich denke, etwas Besseres kann man gar nicht machen. Und das könnte unser Beitrag sein, in der Gesellschaft aufklärend zu wirken. Wir müssen da gar nicht mit der großen Keule arbeiten. Wichtig ist, dass die Menschen mit ihren Gefühlen gut klarkommen, dann sind sie auch automatisch gute Menschen.

pictures/artikel/IMG_46423817.jpgFoto: KRG. – Eine Heimatbetrachtung des Piccolo Theaterjugendklubs © Michael Helbig
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