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Jeder Fan kann sich seinen Lieblingscharakter herauspicken

Ein Gespräch mit Wrestler Robert Kaiser

von Bernd Müller, Kultur

Wann kamen Sie zum Wrestling und was begeistert Sie daran?

Ich glaube, wer einmal Wrestling beim Zappen im TV gesehen hat, der ist definitiv einmal kurz drangeblieben, egal, ob er das Gezeigte gut oder doof fand. Denn Wrestling bedeutet knallharte Action mit einer Geschichte drum herum. Das begeistert jeden kleinen Jungen. In meiner Jugend habe ich die Hochzeit des Wrestlings direkt miterlebt. Schließlich gab es in den 90igern in jedem Kiosk Wrestlingzeitschriften, auf dem Schulhof tauschte man Klebebilder und Sammelkarten vom Undertaker, Hulk Hogan und Co. und im Fernsehen lief Wrestling auf mehreren Sendern hoch und runter. Gegenüber meinem Elternhaus findet immer das Dorffest im beschaulichen Maust (bei Cottbus) statt, und da baute ein Händler seine Schaubude mit alten Videokassetten auf und ließ parallel auf dem Fernseher in der Bude eine Wrestlingshow laufen. Da schaute damals die ganze Dorfjugend zu. Und wie es der Zufall so wollte, erwischte man wenige Tage später auch eine Wrestlingshow im Fernsehen. Und da ist man als kleiner Dreikäsehoch natürlich Feuer und Flamme. Dort sah man halt bunte, schillernde Actionhelden und die damals eher stupiden Geschichten fesselten den kleinen Jungen.

Sprung in die Zukunft: Auch wenn ich Wrestling nach der Uni nur noch sporadisch verfolgte, fiel mir in Berlin, wo ich nach der Uni lebte, ein Plakat in die Augen: „Wrestling vor der Haustür“, und zufällig war auch einer der Kindheitshelden bei diesem Event dabei. Also bin ich an jenem Samstagabend einfach mal ins „Huxley’s“ zu dieser Veranstaltung gegangen. Dort erfuhr ich dann, dass es in Berlin tatsächlich auch eine renommierte Wrestlingschule gab. Dass es sowohl Events, als auch eine echte Schule auch in Deutschland gibt, hatte ich mir ja bis dahin gar nicht ausgemalt. Nun konnte aus dem Jungentraum, ein echter „Action-Star“ mit Rockstar-Life zu werden, also tatsächlich Realität werden.

Ein Jahr später stand man dann erstmalig im Ring. Die Szene in Deutschland wurde zu jener Zeit auch dank des Internets immer größer. Mit „Next Step Wrestling“ etablierte sich eine weitere Wrestlingschule in Dresden. Mittlerweile habe ich schon viele Siege und Titel errungen, viele Städte im In- und Ausland bereist und dabei auch gelernt, dass das Leben eines „Rockstars“ auch mit langen Reisen in zu engen Autos, der Übernachtung in schmuddeligen Hotels, zerbrochenen Beziehungen und dem Wunsch, die nächsten 3 Tage nach einem Event einfach mal durchzuschlafen, zu tun hat! Da ist man echt froh, dass man am 1. Dezember ein Event im heimatnahen Hörlitz bei Senftenberg hat. Da ist die Anreise kurz, man übernachtet nicht im fremden Hotel, sondern im eigenen Bett und kann dann früh morgens mit der kleinen Tochter kuscheln!

pictures/artikel/IMG_42204370.jpg Foto: Ilja Dragunov (oben), Marius Al-Ani (Mitte) und Ivan Kiew (unten) © Linda Scholz

Wrestling hat seine Wurzeln im Ringen, steht aber eher im Ruf, eine Show zu sein. Es heißt, im Wrestling steht der Sieger schon vor dem Showkampf fest, und die Abläufe erzählen quasi eine Geschichte von Gut und Böse. Wie schätzen Sie das ein?

Klar, wenn man an Wrestling denkt, dann denkt man zuerst immer daran, dass sich halbnackte Männer eingeölt im Ring umherschubsen. Aber dieses Bild kann nur von Personen kommen, die noch nie bei einer professionellen Wrestlingshow waren. Sicher gibt es auch das Bild, dass alles „Fake“ sei. Wir sagen dazu ganz klar: Ja, der Sieger steht oft schon im Vorfeld fest. Man braucht die Zuschauer ja nicht verarschen und ich schätze die Fans rund um den Ring auch so intelligent ein, dass sie wissen, dass Kampfausgänge oder bestimmte Sequenzen im Vorfeld schon feststehen.

Aber so ist es doch auch bei jedem Film oder jeder Serie. Nur da sagt auch keiner, dass das Ende schon vorher feststeht und alles fein säuberlich nach Drehbuch passiert. Ich habe noch niemanden im Kinosaal aufstehen gesehen, weil er meinte, das im Film sei alles gar nicht echt. Warum ich diese Analogie nutze? Weil beides Unterhaltungsformate sind. Es zählt nicht in erster Linie, wer die beste sportliche Leistung bringt, sondern wer das Publikum am besten unterhalten kann. Was kann da leichter sein, als Gut gegen Böse zu stellen? Der Bösewicht wird gnadenlos ausgebuht und der Held angefeuert. Anders als im Film, alles ohne doppelten Boden!
Und natürlich geht es beim Wrestling auch um Sport. Mehr als 10 Minuten im Ring zwischen den Seilen zu laufen, springen, treten, schlagen, etc., dabei noch auf die Aktionen des Gegners reagieren, das ist eine Leistung, wie es sie in keinem anderen Sport gibt. Wir hatten schon viele Akteure aus anderen Sportarten bei uns im Training, die nach wenigen Minuten das Handtuch warfen, obwohl sie beispielsweise regelmäßig Marathon laufen oder Bodybuilder sind!

Die nächste Komponente ist das Spiel mit den Zuschauern und den Kameras. Denn die schönste Aktion bringt nichts, wenn die Fans in der Halle oder am TV die Aktion gar nicht als das begreifen, was es eigentlich sein soll. Auch wenn die Stimmung im Kampf kippt, oder die Fans das Geschehen im Ring anders aufnehmen, als vorher gedacht, haben die Wrestler darauf zu reagieren und zu improvisieren. Im Film oder im Theater gibt es diese Ebene gar nicht. Auch beim Fußball, Boxen oder anderen Kampfsportarten gibt es die Interaktion zwischen Akteuren und Fans nicht. Denn diese Sportarten funktionieren auch, wenn keiner reagiert. Wrestling eben nicht!

Und das Wichtigste: Wrestling ist ein Vollkontakt-Kampfsport. Entgegen der landläufigen Meinung treffen Schläge und Tritte tatsächlich. Anders wäre es auch nicht möglich, denn die Fans, die direkt am Ring stehen, würden ja sehen, dass ein Schlag wie in „Bud-Spencer-Filmen“ meilenweit daneben geht. Ein Wrestlingring besteht aus massiven Holzplatten, der mit einer dünnen Matte ausgelegt ist. Und wenn man fällt, knallt man ungehindert auf den harten Boden. Und wenn der 100-Kilomann vom dritten Seil ungehindert auf einen zufliegt, dann muss man Schmerzen nicht simulieren. Was man aber machen muss, ist weiterhin eine Geschichte im Ring erzählen.

Wie sieht das wöchentliche Training eines Wrestlers aus?

„Next Step Wrestling“ bietet in der angeschlossenen Wrestlingschule in Dresden regelmäßig Training unter professionellen Bedingungen an. Oft auch mit Seminaren von nationalen und internationalen Stars der Szene. Darüber hinaus sollte jeder Akteur für sich selbst entscheiden, wie viel er neben den offiziellen Trainingszeiten und dem eigentlichen Job trainiert, sprich ins Fitnessstudio gehen oder täglich eine Runde um den Block laufen. Ebenso ist auch jeder Wrestler für die eigene Ernährung zuständig. Ob dies mit einer strengen Eiweißdiät oder auf andere Art passiert, muss man persönlich mit sich ausmachen.

Wrestling ist ja vor allem in den USA populär. Bei uns kennt man den Sport vor allem aus dem Fernsehen. In meiner Jugend stand Hulk Hogan noch im Ring. Ein anderer Star, der Undertaker, ist erst vor relativ kurzer Zeit aus dem Ring gestiegen. Gibt es auch unter den deutschen Wrestlern solche Stars?

Absolut. Hervorzuheben ist dabei mein ehemaliger Trainer und Gründer von „Next Step Wrestling“: Axel Tischer aus Dresden. Wrestlingfans kennen Axel als Alexander Wolfe aus der WWE (der größten Wrestlingpromotion der Welt). Dort ist er als Teil der Gruppierung Sanity regelmäßig im Fernsehen vor weltweit millionen Zuschauern zu sehen und erfüllt sich bald seinen Jugendtraum: Ein Kampf bei WrestleMania, der größten Wrestlingveranstaltung der Welt. Quasi Superbowl, Wimbledon und Fußball-WM kombiniert! Axel hat vor wenigen Jahren den Sprung als erster Deutscher in die WWE geschafft und lebt dort nun seinen Traum. Auch Axel Dieter Jr., Da Mack und die Wrestlerinnen Killer Kelly und Jazzy Gabert sind auf dem Weg in die WWE.

Darüber hinaus ist die Wrestlingwelt gerade so schnelllebig und ausgeglichen wie nie zuvor. Heißt, neben dem Platzhirschen WWE, ist die internationale Szene gerade riesig. Man kann quasi von einem zweiten Hype sprechen. Da sind Walter und das Aushängeschild von „Next Step Wrestling“ Ilja Dragunov zu nennen, die sowohl in ganz Deutschland, als auch in England, USA und vielen anderen Ländern vor tausenden Menschen im Ring stehen und gefeiert werden. Aber diese vielen Namen zeigen ja einmal mehr, wie vielfältig das Wrestling ist. Jeder Fan kann sich bei unseren Shows so seinen eigenen Lieblingscharakter herauspicken. Egal ob den Wrestling-Waschbär (Laurance Roman), das Monster (Zeritus), den Piraten (Markus Monere), Pornostars (Rick Baxxter) oder aber auch das Großmaul. Das ist seit eh und je „Die Bulldoge aus Brandenburg“ T-Nox, der bei dem Event am 1. Dezember Heimspiel hat, denn der kommt direkt aus Senftenberg.

Sie organisieren nun seit einigen Jahren in Deutschland Wrestling-Events. Gibt es schon eine große Fangemeinde? Wer geht dorthin, und wie ist die Stimmung?

„Next Step Wrestling“ hat in der Szene den Ruf einer wahren Kultpromotion. Das haben wir besonders den vielen Fans in den Hallen zu verdanken. Die machen Stimmung, wie es anderswo seinesgleichen sucht. Die besonders treuen Fans, die so genannten „Ultras“, reisen durch halb Europa mit uns mit, basteln immer wieder Plakate und Masken um ihre Favoriten anzufeuern und denken sich kreative Gesänge aus, um den Bösewicht aus der Arena zu buhen. Keine Angst, wenn man erstmalig bei einer Veranstaltung ist, denn dank dieser Fangemeinde weiß man direkt, wen man ausbuhen, wem zujubeln soll. Schnell steckt man auch in den Geschichten drin und bekommt direkt erklärt, wieso Robert Kaiser so traurig ist, wieso es besonders geil ist, wenn bei Rick Baxxter Konfetti in Penisform fliegt, warum „Hey, wir wollen den Waschbären sehn…” eine wahre Hymne geworden ist und wie man T-Nox am besten in bester Kinski-Manier zum Ausrasten bringen kann.
Bei „Next Step Wrestling“ oder auch bei anderen Veranstaltern ist die Bude immer voll. Denn man kann beim Wrestling einen Abend einfach mal komplett vom Alltag abschalten und unter Gleichgesinnten ausrasten. Ich erinnere mich immer sehr gern an meinen ersten großen Titelgewinn in Berlin. Damals als Bösewicht, war die ganze Halle gegen mich. Aus einer dunklen Ecke rief plötzlich eine kleine, piepsige Stimme „Haltet Euer Maul, das ist mein Bruder“! Das war meine Schwester, eigentlich eine recht ruhige Person und damals im neunten Monat schwanger! Solche Szenen machen das Flair bei einer Wrestlingshow aus.

Für den 1. Dezember haben Sie in Senftenberg eine Show organisiert. Was können die Zuschauer erwarten?

„Next Step Wrestling“ bespielt am 1. Dezember das Kulturhaus Hörlitz das allererste Mal. Wir waren zwar im vergangenen Jahr für ein kleines Promotion-Event schon einmal direkt in Senftenberg, doch im Stil wie am 1. Dezember in Hörlitz noch nie!

Mit Robert Kaiser, Otto Stahl und T-Nox hat man direkt 3 Wrestler aus der unmittelbaren Umgebung im Ring. Besonders pikant: Einst waren die drei Tag-Team-Champions, doch mittlerweile bekriegen sie sich sein einem Jahr, wo immer es geht. Ein Novum: Egal wo Lokalmatador T-Nox auftritt, wird er mit seiner großen Klappe nie müde, zu betonen, dass ihm alle Menschen zuwider sind und beleidigt die Fans pausenlos. Ein echter Menschenhasser also. Interessant wird es also, ob der Senftenberger Raufbold vor Freunden und Familie handsam oder ob er auch am 1. Dezember in seinem Match wieder ausrasten wird.

Natürlich sind auch die Stars von „Next Step Wrestling“ dabei. Darunter der Shootingstar der Szene Laurance Roman, die „ostdeutsche Wrestlinglegende“ Rick Baxxter, die Catch Connection, Dynamite Dave und viele andere. Insgesamt gibt es am 1. Dezember in Hörlitz knapp drei Stunden knallharte Action innerhalb und außerhalb des Rings.

Danke für das Gespräch.

pictures/artikel/IMG_42204378.jpgFoto: T-Nox und Brent Rogers (unten) © Linda Scholz

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