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Kinder ohne Zukunft

Michael Klundt: Gestohlenes Leben. Kinderarmut in Deutschland

von Bernd Müller, Buch

Armut ist ein Phänomen, das aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken ist. Sozialverbände machen immer wieder darauf aufmerksam, Studien belegen es. Und ein Blick auf die langen Schlangen vor den Essensausgaben der Tafeln dürfte ausreichen, um dem zustimmen zu können.
Michael Klundt, Professor für Kinderpolitik an der Hochschule Magdeburg-Stendal, hat ein Buch vorgelegt, in dem er sich mit einer besonderen Erscheinungsform der Armut auseinandersetzt: der Kinderarmut. In dem Titel „Gestohlenes Leben“ wird zusammengefasst, was Kinderarmut im Grunde bedeutet.
Gleich am Anfang des Buches räumt er mit einem weitverbreiteten Vorurteil auf. Natürlich sieht heute Armut anders aus als noch vor 70, 100 oder 200 Jahren. Zwar dürfe nicht vergessen werden, meint er, „wie viele hunderttausende Menschen inzwischen wieder in Deutschland auf der Straße leben (viele tausende Jugendliche darunter) und wie viele Menschen vom Flaschen-Sammeln, Betteln oder von Tafeln leben müssen“, aber in der Regel gehe es in Deutschland weniger um absolutes Elend und Verhungern. Stattdessen gehe es „mehr um Entbehrungen, Ausgrenzungen und Benachteiligungen im Verhältnis zum allgemeinen gesellschaftlichen Lebensstandard“.
Wenn beispielsweise fast alle über einen Kühlschrank verfügen, über diverses Spielzeug, Malstifte oder Schulranzen, dann sei es ungerecht, wenn einige davon ausgeschlossen seien. Und noch schmerzhafter als diese materielle Benachteiligung könnten sich Diffamierungen und Stigmatisierungen auswirken.
Ein weiteres Problem sei die öffentliche Thematisierung von Armut. Besonders bedenklich seien die Debatten, „in denen die betroffenen Kinder und Familien mit Etiketten ‚selbst schuld‘ oder ‚asozial‘ rhetorisch bedacht werden, denn dann steht statt der Bekämpfung von Armut eher die Herabwürdigung und letztlich Bekämpfung der Armen im Vordergrund“.
Nach einer Definition der Europäischen Union gilt als armutsgefährdet, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. Vor zwei Jahren lag dieser Grenzwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 1.096 Euro im Monat, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2.302 Euro im Monat. Auf dieser Grundlage stellte das Statische Bundesamt 2018 fest: „In Deutschland waren im Jahr 2017 rund 15,5 Millionen Menschen von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht und damit 19% der Bevölkerung“.
In seinem Armutsbericht vom Dezember 2018 zeigt der Paritätische Wohlfahrtsverband das erschreckende Ausmaß, das die Kinderarmut angenommen hat. Nicht nur jedes fünfte Kind in Deutschland lebt in Armut, sondern auch jeder fünfte arme Mensch in Deutschland ist ein Kind.
Eine Untersuchung des Deutschen Kinderschutzbundes kommt noch zu wesentlich höheren Zahlen. Einmal sind es die rund drei Millionen Minderjährige, die existenzsichernde Sozialleistungen wie Hartz IV, Kinderzuschlag und Wohngeld beziehen. Dann müssen noch rund 1,4 Millionen Kinder hinzugezählt werden. Sie leben in Familien, die zwar Anspruch auf Sozialleistungen haben, diese aber nicht beantragen. Sei es aus Scham oder aus Angst vor der Bürokratie. Die Zahl von 4,4 Millionen Kindern, die der Deutsche Kinderschutzbund präsentiert, bedeutet: Jedes dritte Kind in Deutschland ist arm.
Armut im Allgemeinen, Kinderarmut im Speziellen bedeutet, dass der Familie oder dem Haushalt zu wenig Geld zur Verfügung stehen. Die Studie der „Armutsmuster in Kindheit und Jugend“ der Bertelsmann Stiftung von 2017 hatte belegt, dass Kinder alleinerziehender Eltern, Kindern mit mindestens zwei Geschwistern und Kinder geringqualifizierter Eltern besonders von Armut bedroht sind.
In der Praxis bedeutet das: Viele Kinder verursachen viele Kosten. Alleinerziehende Elternteile können entweder nicht genug Geld verdienen, weil sie ihre Kinder betreuen, oder die Kinder werden vernachlässigt, weil ihre Eltern viel arbeiten.
Zusätzlich zur materiellen Armut gibt es Eltern, die aus mangelndem Verantwortungsbewusstsein, Unwissenheit oder wegen persönlicher Probleme ihre Kinder vernachlässigen und nicht genug fördern können. Hier sind die Kinder nicht nur finanziell, sondern auch emotional benachteiligt. Die Eltern sind überfordert und können ihre Kinder nicht mit der notwendigen Wertschätzung begegnen.
Doch oft ist die Armut von den Eltern nicht selbst verschuldet worden und die meisten tun alles, damit ihr Nachwuchs so wenig wie möglich von den finanziellen Sorgen spürt.
Medien und Politik versuchten trotz verheerender Armutsfolgen, das Problem zu verharmlosen, kritisiert Klundt. Besonders konservative Politiker taten sich demnach bei der Verharmlosung hervor. So meinte zum Beispiel der CDU-Politiker Armin Laschet, die Tafeln seien kein Beweis für zunehmende Armut im Land. Und Gesundheitsminister Jens Spahn (ebenfalls CDU) meinte einmal, jeder habe, was er zum Leben brauche.
Es muss gehandelt werden, denn wer nichts gegen Kinderarmut unternimmt, beraubt die Kinder ihrer Lebensperspektive und ihrer Entwicklungspotenziale. Klundt meint, Kinderarmut gefährde sogar „die Entwicklung und Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ und behindere die individuelle und soziale Entwicklung junger Menschen.
Die Politik setzt aber immer noch die Weichen falsch: Die Journalistin Julia Friedrichs hatte vor zwei Jahren in einem Beitrag für Die Zeit festgestellt: 13 Prozent der staatlichen Fördersumme im Bereich der Familienleistungen landen bei den reichsten zehn Prozent der Familien, dagegen nur sieben Prozent bei den ärmsten zehn Prozent. „Anders ausgedrückt: Ein armes Kind ist dem Staat monatlich im Schnitt 107 Euro wert, ein reiches aber 199 Euro.“
Michael Klundt (2019): Gestohlenes Leben. Kinderarmut in Deutschland
Köln: PapyRossa Verlag, 197 Seiten
Preis: 14,90 €
ISBN: 978-3-89438-696-2
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