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Mythos Gewaltlosigkeit

Gewaltlosigkeit. Eine Gegengeschichte

von bc, Buch

Gewalt ist in unserer Gesellschaft verpönt. Wer sich dennoch ihrer bedient, auf den warten der Staatsanwalt und die soziale Ächtung. Im politischen Kontext darf nur von einer Seite Gewalt ausgehen – vom Staat.
Politischer Protest der Bevölkerung soll in unserer Gesellschaft friedlich vorgetragen werden, so das Dogma. Als politische Vorbilder werden in diesem Zusammenhang gern Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder gar der Dalai Lama genannt. Gandhi hat als Vertreter des „gewaltlosen Widerstands“ Indien vom Joch der Briten befreit; King mit seinem „gewaltlosen Widerstand“ einen entscheidenden Beitrag dafür geleistet, dass in den USA die Bürgerrechte auch für Afroamerikaner gelten.
Der italienische Philosoph und Historiker Domenico Losurdo beschäftigt sich in seinem Buch „Gewaltlosigkeit. Eine Gegengeschichte“ mit der seit Jahrzehnten populär gemachten Großerzählung der Gewaltlosigkeit als Bewegungsform großer gesellschaftlicher Veränderungen. Sie entpuppt sich zu erheblichen Teilen als grobgestrickte Ideologie. Intelligent weist Losurdo nach, dass sämtliche Vertreter des „gewaltlosen Widerstands“ in bestimmten Situationen Gewalt als politisches Mittel nicht ausschlossen oder wie im Fall von Gandhi, diese sogar propagierten und politisch in Kauf nahmen.
Schon die Gegner der Sklaverei in den USA, die auch als Erfinder der modernen pazifistischen Bewegung gelten, standen bei Ausbruch des Bürgerkriegs vor einem Dilemma: Entweder sie akzeptieren die strukturelle Gewalt gegenüber der schwarzen Bevölkerung oder sie akzeptieren den Krieg gegen die Südstaaten. Ihrem Credo konnten sie nur mit einer ideologischen Hilfskonstruktion treu bleiben. Sie sahen die Verfechter der Sklaverei nicht mehr als „Menschen“ an, sondern als „Bestien“, die nur mit Gewalt bezwingbar seien.
Von den meisten Widersprüchen ist Gandhi geprägt, die von der bürgerlichen Geschichtsschreibung gern ausgespart werden. Im Ersten Weltkrieg, als sein Konzept des gewaltfreien antikolonialen Widerstands reifte, bot er sich den Briten als „Hauptrekrutierer“ indischer Freiwilliger an. Dadurch wollte er – ganz im Sinne des damals weit verbreiteten Rassismus – die Inder aufwerten. Dasselbe im Zweiten Weltkrieg.
Die von Gandhi propagierte Kampfmethode führte nach Losurdo nur zu einer Verschiebung der Gewalt, nämlich zu einer Selbstauslieferung seiner Anhänger an die Gewalt der kolonialen Ordnungskräfte. Die Menschen ließen sich nicht nur widerstandslos schlagen, verstümmeln und töten. Manche streckten den prügelnden Polizisten sogar ihre Kleinkinder entgegen und nahmen deren Opferung in Kauf.
Pazifismus ist eine Illusion; in der Geschichte ist er immer wieder an vorhandener struktureller Gewalt gescheitert, sei es Form der Sklaverei, des Kolonialismus oder des Imperialismus. Losurdos Buch hilft, sich von bürgerlichen Mythen zu befreien.
Zum Buch
Domenico Losurdo (2015): „Gewaltlosigkeit. Eine Gegengeschichte“, Hamburg,
Argument Verlag mit Ariadne, 272 Seiten
ISBN: 978-3-86754-105-3

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