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Gundermann

Intelligenter Film über ein bewegtes Leben

von Carlos Strattipopolus, Film

„Gundermann“ ist ein biografischer Spielfilm über ausgewählte Lebensphasen des Lausitzer Baggerfahrers und Liedermachers Gerhard „Gundi“ Gundermann. Ein gelungener und absolut sehenswerter Streifen mit einer grandiosen Leistung von Alexander Scheer, der in der Rolle voll aufgeht. Er spielt nicht nur Gundi, er wird faktisch zu ihm. Das Auftreten in Fleischerhemd, Jeans und Hornbrille, dazu das dünne halblange Haar und der unverkennbare „Singsang“ in der Stimme, wirken so überzeugend, dass der Eindruck entsteht, Gundi selbst hätte gespielt. Der Film schafft es eindrücklich, die innere Zerrissenheit eines vielschichtigen Charakters darzustellen. Auf solch ein zeitgeschichtliches Dokument mit einer Charaktertiefe und -entwicklung, die den historischen Protagonisten gerecht wird, mussten wir lange warten.

Arbeiter und Kumpel, Stasi-IM, überzeugter Kommunist und Revolutionär, Querulant und Individualist, Vater und Ehemann, Liebhaber, Sohn etc. All das war Gerhard Gundermann, was in dem Werk sehr deutlich wird. Sein starker Wille, sein Mut zur Veränderung und auch seine menschlichen Fehler kommen eindrucksvoll zur Geltung. Obwohl er manchmal unbeholfen und naiv wirkt, wird er nie der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern bleibt authentisch.

Gerade die Thematisierung der Stasi-Geschichte und des Querulanten-Daseins, sowie der des Parteimitgliedes zeichnen ein sehr gutes Bild seiner widersprüchlichen Art, ohne sich an einem Thema abzuarbeiten. Andreas Dresen schafft es, mit Kulisse und Details, eine Atmosphäre aufzubauen, die einen über den gesamten Zeitraum in ihren Bann zieht. Kleinere Filmfehler sind da auch mal zu verzeihen. Durch die typische Lausitzer Mundart und die Umsetzung der örtlichen, teils ruppigen Umgangsformen, wirken die Protagonisten verwurzelt und echt.

Die Bilder sowie die musikalische Unterlegung zeigen ein sehr authentisches Bild der Lausitz und des hiesigen Lebensgefühls. Die Auswahl der Lieder tut da ihr Übriges. Texte wie „Gras“, „Hoy Woy“, „Linda“, „Hier bin ich gebor’n“ und „Ich mache meinen Frieden“ zeigen zudem, was Gundi zu jener Zeit bewegte. Der Film transportiert die inneren Widersprüche der Menschen, die hier leb(t)en, arbeiten und sterben. Auch wenn er an vielen Stellen melancholisch wirkt, erzeugt er eine tiefe Sehnsucht nach Heimat und vernachlässigt die schönen Seiten einer Region, die oft trist wirkt, nicht. Der Streifen versucht Heimat-, Geschichts-, Liebes- und Musikfilm in einem zu sein und schafft das auch auf beeindruckende Weise. Für alle Lausitzer und jeden, der wissen will, wie sich die Lausitz „anfühlt“: ein „Must-See“ (Film, den man gesehen haben muss – Anm. d. Red.)!

Wer einen persönlichen Bezug zur Lausitz und den Menschen hier hat, wer die Tagebaue und Hoyerswerda kennt, der kann nicht nur nachfühlen, wie es gewesen sein muss, der kann den Staub, die Kohle und die Kälte im Winter riechen und schmecken. So schafft es Gundi selbst 20 Jahre nach seinem Tod mit Hilfe von Alexander Scheer und Andreas Dresen die „Stimme aus‘m Revier“ zu sein.

Gerhard Gundermann zählt sicher zu den umstrittensten Künstlern der DDR und ist heute leider ziemlich unbekannt. Das Ende des sozialistischen Ostdeutschlands und die Überzeugung „von echter Arbeit leben zu wollen“ verhinderten den kommerziellen Erfolg und seine größere Bekanntheit. Sein Leben war - wie die DDR selbst – ein ständiger Widerspruch. Künstlerisch kann man „Gundi“ getrost mit Bob Dylan oder Franz Josef Degenhardt auf eine Stufe stellen. Der Film bringt uns einen Menschen und seine Zeit näher und öffnet den Blick für den Facettenreichtum des Lebens.

Wer sich auf „Gundermann“ einlässt und ihn zulässt, kann ein Stück Geschichte, ein Menschenleben und ein Kunstwerk sehen und fühlen. Ein intelligenter Film über ein bewegtes Leben in einer bewegten Zeit.

pictures/artikel/IMG_40547929.jpgFoto: Alexander Scheer (Gerhard Gundermann) © Peter Hartwig / Pandora Film


siehe auch:
Wie ich an GUNDERMANN geriet
Regie: Andreas Dresen
Deutschland 2018
mit: Alexander Scheer, Anna Unterberger u.a.
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