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Claudius Pläging

Häkchen-Harakiri - Die To-Do-Liste des Konrad Roth

von Simon Winterhalder, Buch

Konrad Roth ist ein seltsamer Mensch. Er sitzt am liebsten in seinem Zimmer auf seinem Sessel und beobachtet die Bewohner des gegenüberliegenden Gebäudes: Die ältliche Rentnerin, die oberkörperfrei in ihrem Toaster stochert, der pornoguckende Student und das ewig zur selben Zeit fernsehende Paar bilden sein Aquarium. Seiner Freundin erzählt er, dass er ein Buch schreibe. Sein Geld verdient er als Texter in der Presseabteilung einer Firma für Gartengeräte. Beim Einkaufen plagen ihn Ängste, dass er als Ladendieb verhaftet werden könnte und trifft deswegen abstruseste Vorsichtsmaßnahmen. Wie gesagt, Konrad Roth ist ein seltsamer Mensch der irgendwo zwischen den in seinem Leben aufgebauten Verklemmungen und seinem revolutionären Potential pendelt. Denn als ihn seine Freundin verlässt, schmeißt er seinen Job und schreibt sich eine To-Do-Liste mit 10 Dingen, die er schon immer einmal tun wollte oder sollte. Das darunter auch so seltsam anmutende Dinge sind wie im Laden klauen oder mit einer Prostituierten schlafen, liegt in der Natur der Sache, denn wie gesagt, Konrad Roth ist ein seltsamer Mensch. Und weil er so seltsam ist zieht er sein To-Do-Liste auch gnadenlos durch. Entgegen aller Vernunft und entgegen aller Ängste lässt er sich von nichts und niemanden davon abbringen, auch nicht von seinem größten Feind: vom seltsamen Konrad Roth. Das bringt ihn natürlich immer wieder in Situationen, die nicht besonders alltäglich sind und die mal mehr, mal weniger komisch, mal mehr oder weniger tragisch sind – aber irgendwie unterhaltsam, zumindest für den Leser. Denn für Konrad bedeuten sie in den meisten Fällen mehr Stress als alles andere, vor allen Dingen Stress mit sich selbst. Umso stärker ist es, dass er seine sich selbst gestellte Aufgaben ausführt, und deswegen ist Konrad nicht nur ein seltsamer, sondern auch ein höchst bewundernswerter Charakter, der seine einmal gefassten Entschlüsse durchsetzt. Wer kann denn schon für sich behaupten, entgegen aller Widrigkeiten, einen bei Licht betrachtet blödsinnigen Entschluss für sich selbst umgesetzt zu haben? Sich gegen alle Welt, die auf das Individuum Konrad Roth nur von oben herabsieht, durchzusetzen, das macht Konrad in seinem ganz persönlichen Amoklauf. Gegen die Ex-Freundin, gegen die Eltern, gegen alle, die wissen, wie es richtig ist, das Leben und wie der Einzelne sich einzupassen hat. Es ist Konrads persönlicher Befreiungsschlag in dessen Umfeld allerdings jene, die eben immer alles ganz genau gewusst haben, plötzlich skurril, lachhaft und seltsam aussehen – nun aber nicht mehr Konrad. Eben weil Konrads Aktionen so sympathisch-irre sind, spiegelt sich in ihnen die ganze Heuchelei und Überheblichkeit der Umwelt, und Konrad wandelt sich vom belächelten Freak zum sympathischen Individuum. Konrad bleibt zwar ein seltsamer Mensch – aber einer der es drauf hat, sein Leben zu revolutionieren und nicht nur darüber zu reden. Einer der wenig spricht, aber dafür handelt.
Das Thema des Einzelnen gegen das Establishment ist natürlich seit jeher ein großes Thema gewesen, welches schon zahlreiche Autoren beschäftigt hat. Das es aber noch nicht ausgelutscht ist und immer noch zu lesenswerter Literatur führt, beweist der Autor Claudius Pläging mit seinem Helden Konrad Roth, der ähnlich wie Kevin Spacy in „American Beauty“ zu einem irren Selbstfindungstrip aufbricht. Allerdings stirbt Konrad nicht am Ende, soviel sei verraten, mit dem letzten Punkt seiner To-Do-Liste startet er das, was er eigentlich schon immer tun wollte.
Häkchen-Harakiri ist ein sehr tiefsinniges Buch mit Unterhaltungswert. Aber leider werden gerade die skurrilsten Situationen, da wo es peinlich wird, nicht voll ausgekostet, sondern schnell mit wenigen Sätzen abgehandelt, obwohl Pläging auf eben jene Situationen wortreich hinarbeitet, und sie sorgfältig aufgebaut wurden. Hätte er das auch vollendet, dann wäre „Häkchen-Harakiri“ eine runde Sache, ein unterhaltsames Buch, das mit tiefsinnigem Humor zum Lachen reizt. So gibt es leider diesen Wehrmutstropfen auf ein ansonsten lesenswertes Buch, denn der seltsame Freak Konrad Roth wird dem Leser bestimmt nicht so schnell aus dem Kopf gehen.
„Häkchen – Harakiri. Die To-Do-Liste des Konrad Roth“
erschienen bei Periplaneta, 12 €
ISBN: 978-3-940767-66-0

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