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Hände hoch

das war das 19. - auf zum 20.

von Angelika Koch, Kultur

Ein Verein stellt in Cottbus seit 19 Jahren ein Festival der besonderen Art auf die Beine.

„Wir sind der erste eingetragene Verein in Cottbus, der im Mai 1990 gegründet und registriert wurde- der Verein der Freunde und Förderer des Puppenspiels e.V.“

Die das mit Stolz sagt, ist die Mitgründerin des Vereins, Martina Kohlschmidt. Der harte Kern der momentan aus 40 Menschen bestehenden Interessengemeinschaft trifft sich am letzten Tag des diesjährigen Festivals während der Mittagspause in der Wohnung von Ramona Pohl und Werner Bauer zu Kürbissuppe, Pellkartoffeln mit Quark und Tiramisu und lässt das 19. Festival Revue passieren. Am Nachmittag findet noch eine Kindervorstellung statt, und dann geht es ans Aufräumen im Piccolotheater.

Um so ein Festival auf die Beine zu stellen, braucht es einen langen Atem, verlässliche Partner und viel ehrenamtliches Engagement, denn es gilt, spätestens 1 ½ Jahre vorher mit der Planung und der Einladung der verschiedenen Puppenspieler zu beginnen, die Unterkünfte für die Künstler zu organisieren, sie während des Festivals zu betreuen, für ihr leibliches Wohl und das der großen und kleinen Besucher zu sorgen… Aufgaben gibt es genügend und helfende Hände kann es nie genug geben.

Was treibt diese Enthusiasten an, sich so für eine Kunstform einzusetzen, die in vielen Gegenden Deutschlands immer noch ein Nischendasein fristet und oft nur mit dem Kasperletheater früherer Zeiten in Verbindung gebracht wird? Genau diese Situation, denn der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, das Puppenspiel als spezielle Kunstform in Cottbus zu fördern.

Für Werner Bauer, Schauspieler und seit etlichen Jahren auch Puppenspieler am Piccolotheater, ist Puppenspiel die hohe Kunst, Erwachsene und Kinder gleichermaßen zu interessieren und zu faszinieren. Er erzählt mir u.a., dass inzwischen, wenn er bei der Erarbeitung eines Stückes die Puppe in die Hand nimmt, die passende Stimme für sie in ihm von ganz alleine kommt und das Eigenleben der Puppe beginnt.

Für Kerstin König, bis 2014 für einige Jahre ebenfalls im Vorsitz des Vereins, ist Puppentheater zu erleben, jedes Mal wieder Kind zu sein und komplett in eine andere Welt einzutauchen. Das schafft bei ihr keine andere Kunstform.

Die momentane 1. Vorsitzende, Verena Klatt, hat, so wie auch andere Mitglieder des Vereins, früher selber Puppentheater gespielt. Sie war seit 1974 in der Amateurpuppenbühne, die im Haus der Lehrer Cottbus in der Bahnhofstraße beheimatet war, aktiv. Die Wende veränderte, wie in vielen anderen Bereichen, auch im kulturellen Bereich das Leben rasant. Die Amateurpuppenspielerinnen mussten mit der neuen Arbeitswelt zurechtkommen und hatten andere Sorgen. So unterstützten die verbliebenen Mitglieder die Puppenbühne „Regenbogen“ und gründeten 1990, na, was meinen Sie? Genau, einen Förderverein.

Zum 35. Geburtstag der Puppenbühne im Jahre 2000 machte der Verein sich und den CottbuserInnen ein besonderes Geschenk, das 1. Puppentheaterfestival „Hände hoch“. Die stetig anwachsende Fangemeinde des Festivals bestätigt Werner Bauers Erfahrung: „Wer einmal professionelles Puppentheater gesehen hat, kommt immer wieder.“ Auch die Vorstellungen zum diesjährigen „Hände hoch“-Festival waren meist lange im Vorfeld ausverkauft und man traf viele „Wiederholungstäter“.

Festivals haben ihre eigene Dynamik und ihr eigenes Flair. Schon zur ersten Kindervorstellung am Samstagmorgen wurden die kleinen und großen BesucherInnen vor dem Piccolotheater mit Musik begrüßt. Ein echter Leierkastenmann (Manfred Schmidt, der dritte im Vereinsvorstand) ließ verschiedene Melodien erklingen, und die Großeltern und Eltern, die mit ihren Enkeln die erste Vorstellung besuchen wollten, konnten mit den staunenden Kleinen dieses merkwürdige Instrument bewundern. Der Leierkastenmann ist gewissermaßen seit 19 Jahren eines der Markenzeichen des Puppentheatertreffens.
Im Foyer des Theaters herrschte aufgeregte Stimmung, Kinderscharen wuselten ungeduldig durcheinander, Erwachsene begrüßten Freunde und Bekannte. Mitglieder des Vereins verkauften selbstgebackenen Kuchen, leckere Stullen und Kaffee. Einzelne Kinder spielten mit Handpuppen, die Vereinsmitglieder 2014 für das Festival genäht hatten.

Kurz vor 10 Uhr erschienen auf der Empore des Foyers ein Maulwurf, ein Hase und ein Schweinchen, gespielt von den Puppenspielern des Hauses, die eine kleine Einstimmung, in die auch auf kindgerechte Weise die notwendigen Verhaltensregeln während der Vorstellung verpackt waren, präsentierten.

„Das schönste Ei der Welt“ vom Theater Geist aus Berlin war dann so eine Vorstellung, die Kindern und Erwachsenen gleichermaßen Erlebnis und Zuschaugenuss brachte. Sicher erstaunten die Kinder immer mal, wenn die Erwachsenen spontan Beifall wegen der immer wieder verblüffenden Bühnenbild- und Kostümlösungen gaben, aber sie klatschten einfach mit, weil die Geschichte um die Entscheidung, wer von drei Hühnern das schönste Ei legen kann, einfach Spaß machte und auch noch eine ganz verblüffende Lösung brachte. Zu Recht wurde Annegret Geist mit sehr viel Beifall bedacht.

Am Abend gab es Puppentheater für Erwachsene vor mehr als ausverkauftem Haus. Aus Herschbach/ Rheinland- Pfalz kam das traditionsreiche Hohenloher Figurentheater. Harald und Johanna Sperlich präsentierten meisterhaft mit ihren mehr als 10 wunderschönen, 80 cm großen Marionetten Carlo Goldonis „Diener zweier Herren“ in einem perfekten perspektivischen venezianischen Bühnenbild. In einer Stunde und 20 Minuten erzählten die von den Berlinern Barbara und Günther Weinhold entworfenen und gebauten Figuren die rasante Geschichte um den Diener Trufaldino, der wegen des kargen Lohns zwei Herren gleichzeitig dienen muss. Bewundernswert, wie vor allem Harald Sperlich alle männlichen Marionetten mit jeweils unterschiedlichen Stimmen spricht, beide Puppenspieler die Figuren auch wechselseitig führen und, selbst in Kostümen des 18. Jahrhunderts, quasi mitten im und Teil des Geschehens sind.

Vor der Vorstellung und in der Pause zur Spätvorstellung zauberte Akkordeonspieler Jens Seidenfaden die besondere, gelöste, freudige Atmosphäre, die ein Festival ausmacht.

Um 22 Uhr trat dann das Weite Theater Berlin mit der Kriminalgroteske „Der weiße Hammer“ auf. Hier wurde gekonnt mit schwärzestem Humor auf die Schippe genommen, was das Zeug hält: die Russenmafia, der Gruselfilm, der deutsche Beamte in einem völlig abgefahrenen Krimi um den Raub eines Dürer-Bildes, und letztlich erkennt der verblüffte Zuschauer, dass sich das alles a´ la Dürrenmatts „Physikern“ im Irrenhaus abspielt. Das war Handpuppenspiel für Erwachsene vom Feinsten.

Martina Kohlschmidt, die für die Auswahl und Einladung der verschiedenen, auch internationalen Puppenspieler verantwortlich ist, hatte wieder ein sehr gutes Händchen bewiesen. Natürlich haben die anderen Vereinsmitglieder ein Mitspracherecht, und für das 20. Festival im nächsten Jahr hat wohl das eine oder andere Vereinsmitglied schon die Teilnahme seiner Lieblingspuppenbühne bei ihr beantragt. Zumindest wird im Kreise des harten Kerns am Sonntagmittag schon miteinander darüber diskutiert. Man ist zufrieden mit dem Verlauf des diesjährigen Festivals. Rund 1 200 Zuschauer erlebten zehn sehr unterschiedliche Stücke.

Aber einen Wunsch hat der Verein immer: Er sucht stets neue Mitglieder und vor allem Sponsoren, damit auch das 20. Festival und viele weitere eine möglichst vielfältige Auswahl des Puppenspiels präsentieren kann. Der Kontakt zum Verein kann unter info@puppenspiel-cottbus.de geknüpft werden. Infos auch auf www.puppenspiel-cottbus.de

pictures/artikel/IMG_45221246.jpgFoto: Diener zweier Herren, Hohenloher Figurentheater, Herschbach © Marion Hirche
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