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Kino-Tipp: Verteidigung eines Verräters

ICH, JUDAS

von Bernd Müller, Film

Als Jesus mit der Dornenkrone auf dem Kopf und dem schweren Holzkreuz auf der Schulter zur Hinrichtungsstätte geführt wurde, ist Judas Ischariot schon tot. Der Mann, der den „Messias“ seinen Feinden übergeben hatte, erhängte sich kurz zuvor. War Judas ein Verräter?
Mit dieser Frage beschäftigt sich ein Text von Walter Jens, der von dem Schauspieler Ben Becker vertont wurde. Beckers Solo-Performance „Ich, Judas“ begeisterte mehr als 100.000 Zuschauer. Standing Ovations in ausschließlich ausverkauften Vorstellungen – überwiegend in den größten Domen und Kirchen des Landes. Am 500. Reformationstag (31. Oktober 2017) wird die Aufzeichnung des Stücks in über 250 Kinos in exklusiven Vorführungen gezeigt.
Jens‘ Text ist eine fiktive Verteidigungsrede des Judas Ischariot. Darin setzt sich Judas mit den Vorwürfen auseinander, die ihm vom Christentum seit zwei Jahrtausenden angedichtet wurden wie etwa, dass er geldgierig war, verschlagen, ein Dieb und Betrüger, der Jesus für dreißig Silberlinge verrät. Becker sagte in einem Interview: „Jede dieser Zuschreibungen hat Konsequenzen, in jedem Vorurteil steckt ein Pogrom“. Seine Schuld sei keine theoretische Frage oder innere Gewissensangelegenheit, sie habe die brutalsten Auswirkungen in der Welt bis hin zum Völkermord. Tatsächlich beruht die jahrhundertealte Judenfeindlichkeit der Christen auf diesen Vorurteilen und gipfelte letztendlich in Auschwitz.
Dass Judas nun verlangt, seine Geschichte müsse umgeschrieben werden, verwundert vor diesem Hintergrund nicht. Sein „Verrat“ sei notwendig gewesen, meint Judas: Ohne ihn hätte Jesus nicht den Kreuzestod sterben müssen und die Menschheit von ihren Sünden befreien können. Judas und Jesus haben jeweils ihren Teil in der Heilsgeschichte gespielt.
Mit dieser Argumentation steht das Stück in einer langen Tradition. Schon frühchristliche Sekten hatten sich von der Kirche getrennt und zum Beispiel das Judasevangelium geschrieben. Kernaussage dessen ist, dass Judas der beste Freund Jesu war und mehr Erkenntnis besaß als alle anderen Jünger. Jesus habe deshalb Judas beauftragt, ihn um des Heils willen zu verraten.
Judas nimmt die für ihn vorgesehene Rolle an. Sein Verrat sei Gehorsam, sagte Becker, ein „Ja“ zum Part, den er als der Schuldige und Sündenbock in der Heilsgeschichte zu spielen hat.
Aber dann, der dramaturgische Bruch: Hätte er „Nein“ sagen und damit Gott verraten sollen? Was wäre, wenn er den Gehorsam verweigert hätte? An dieser Stelle hört seine Verteidigungsrede auf und fängt ein fundamentaler Zweifel an.
Judas hat seinen Teil vollbracht, um die Heilsgeschichte zu schreiben, nun schaut er sich diese an: eine Abfolge von Glaubenskriegen und blutigem Fanatismus, Kreuzzügen und Inquisition, Judenverfolgung und Holocaust. Mit Blick auf die fundamentalistischen Konflikte in unseren Tagen wirft sich die Frage auf: Wäre es nicht besser gewesen, Judas hätte gegen seine Rolle rebelliert? Wäre sein „Nein“ zum Messias nicht ein millionenfaches „Ja“ zum Leben gewesen? Judas‘ letzte Worte in dem Stück lassen Raum für Interpretation.
Ben Becker: Ich, Judas - Der Film
Darsteller: Ben Becker
Regisseur(e): Serdar Dogan
Komponist: Andreas Sieling
Künstler: Marike Moiteaux, John Düffel

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