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Lesebühne: Ich hab den fliegen sehen

von Matthias Heine, Kultur

Der schiebt zwei Einkaufswagen voller Zeugs durch die Gegend. Plastiktüten voller Kram. Einmal hatte er den einen Einkaufswagen auf den anderen gestülpt. Wie ein Käfig sah das dann aus. Der ist Notar. Der ist eine ganz arme Sau. Der war Ingenieur in seinem letzten Leben. Der hat was Schlimmes erlebt.
Der ist kreuzgefährlich. Dem ist was Schreckliches passiert. Der hat eigentlich Geld. Der will sich gar nicht helfen lassen. Der ist sehr schlau.

Eine Bekannte kennt wen, die arbeitet im Sozialamt, die Frau Schulz.
Die sagt, der macht das freiwillig. Darf sie eigentlich nicht.
Sie sagt, man kann den nicht einfach einweisen lassen.
Dem darf man nicht zu nahe kommen.

Der ist harmlos. Der hat einen Schlag weg. Der hat einen Puma.
Nachts schläft der in dem Käfig, der Puma. Der hatte ein Kind. Ein Unfall.
Seitdem schiebt er die beiden Einkaufswagen. So bewegt der sich fort.
Immer erst den einen hundert Meter, dann meckern, und dann den andern hundert Meter und dann wieder meckern. Der hat alles verkauft. Der schnauzt die Leute voll. Der kommt ganz dicht ran.

Es gab einen Unfall. Die Frau ist weg danach. Zu Hause hat der alles so gelassen. Ein Museum eigentlich. Angeblich soll der zwei Monate im Kinderzimmer von dem Kind gesessen haben. Der war Zirkusdirektor.

Der greift Leute an. Der hat alles zurückgelassen. Das Tier ist ihm geblieben.
Das hat er mit der Hand aufgezogen. Wenn der angesprochen wird, brüllt der.
Der ist wie ein Tier. Der will sich nicht helfen lassen. Der hat traurige Augen.
Der ist irre. Der kratzt Aufkleber ab.
Der hat ganz dicht vor einem Stoppschild gestanden und sich nicht bewegt.
Der schiebt die Einkaufswagen über den Bahnhofsberg und am Abend wieder zurück.

Der war Richter.
Ein Bekannter kennt wen, der hat bei Gericht gearbeitet und der kannte den.
Der war wohl wie zwei Menschen. Auf der einen Seite sehr gläubig und auf der anderen das Rumgeficke und die Drogen. Der hatte das zweite Gesicht.

Der ist ungefährlich, sonst wär der schon weggesperrt. Der säuft. Der säuft nicht.
Der hat einen Hund. Seine Frau hatte einen Unfall.
Da gab es, wie sagt man das bei uns, eine Familientragödie.
Der hatte Tränen in den Augen und stand ganz dicht vor einem Schild.
Die Tränen sind ihm die Wangen hinabgelaufen.
Es blieb ihm der Hund. Der war Tierarzt früher.

Der ist einfach nur ein armer Irrer. Es gibt so viele Assis in der Stadt.
Den hab ich hier vorher nicht gesehen.
Der steht vor den Straßenschildern und kratzt die Aufkleber ab.
Der wohnt schon immer hier. Der Hund musste dann eingeschläfert werden.
Dann wurde es richtig schlimm.

Der nimmt keine Hilfe an.
Den kenn ich noch von früher. Da konnte man noch mit ihm sprechen.
Der braucht keine Hilfe. Der hat Geld.
Der ist erfroren. Der war Hauptamtlicher.

Der hat alles stehen und liegen lassen. Der hat das Auto gefahren.
Zwanzig Minuten später stand er da immer noch vor dem Schild.
Ich wollte dem Geld geben. Da hat er mich angeschrien.
Ich soll mir die Kohle in den Anus schieben. In den Anus...

Die eingeschläferte Dogge wurde an den Hinterläufen durch das Wartezimmer der Tierarztpraxis gezogen, weil die so schwer war. Er lief weinend hinterher.
Eine Bekannte kennt einen, der war mit seinem Hamster da und der hat das mit eigenen Augen gesehen. Dann wurde es richtig schlimm.

Der schiebt nur die Einkaufswagen von A nach B. Ziellos. Den ganzen Tag lang.
Das ist seine Tagesbeschäftigung. Dinge von da nach da schieben.
Vollkommen irre. Das ist ein Wendeverlierer.
Der hat richtig Geld gemacht nach der Wende mit exotischen Tieren.

Der sammelt Zeug ein. Der hat alles verloren.
Der hat auf dem Marktplatz gestanden und „Lukas“ geschrien.
In den heiteren Himmel. Ohne Grund. Da ist keiner hin oder dazwischen.
Der sammelt Flaschen. Schlimm, dass die Deutschen hierzulande Flaschen sammeln müssen und die Dings kriegen alles vorn und hinten reingesteckt.

Wenn ich den seh, will ich immer hin und sagen, dass er nichts dafür kann.
Ich fühle mich so mit dem verbunden.
Ich will dem gerne eine Badewanne einlassen und für den kochen.
Eine warme Suppe und ein Bett anbieten. Seine Geschichte hören.
Der tut mir so leid. Der ist ein Engel. Solche Leute sind immer Gott.

Nachts schläft der in der Kirche. Die können nichts machen wegen dem Kirchenasyl. Der hat sicher allen Grund zum Schreien. Die Einkaufswagen verteidigt er mit seinem Leben. Der hat einen starken Todestrieb gehabt. Jetzt schiebt er Körbe hin und her. Thanatos. Ich kenn einen, der hat gesagt, dass der fliegen kann, aber der ist genauso verrückt. Vollkommen lächerlich. Es war alles ein Unfall. Der ist suizidal.
Nur noch Verrückte in der Stadt. Verrückte und Messermänner und Kopftuchmädchen. Es reicht.


Neujahr gab es Schnee. Das erste Mal seit langem. Es schon fast wieder hell.
Ich kam gerade von der Silvesterparty. Da hab ich die beiden Einkaufswagen stehen sehen, beim Durchbruch. Die Tüten waren noch drin. Die hingen an den Seiten und flatterten im Wind. Die waren alle leer. Das war seltsam. Man konnte die Spuren der Räder im Neuschnee sehen, vom Parkplatz bis zum Durchbruch. Gut zweihundert Meter. Wie Schienen sah das aus. Aber keine Füße. Keine Fußspuren.
Vielleicht war ich auch besoffen. Aber das stimmte alles.

Ist doch merkwürdig, oder? Als hätt ihn der Herrgott endlich zu sich geholt.
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