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Information vs. Wissen

von Dr. Matylda Amat Obryk, Kultur

Seit knapp einer Generation steckt die ganze Welt in einer Revolution. Sie nennt sich im Volksmunde digitale Revolution. Die einen sind hellauf begeistert, die anderen verspüren Respekt, noch andere Angst vor den neuartigen Kommunikationswegen und der ununterbrochenen Omnipräsenz und Erreichbarkeit. Kultusminister und Pädagogen versuchen (sic! — immer noch) einen gangbaren Weg für die Bildung zu finden. Wie soll denn die Schule der Moderne aussehen? Zurzeit ist sie weitgehend so, wie sie noch in Preußen war. Die Debatte ist jedoch nicht neu. Vor 2500 Jahren erlebte die antike Welt, genau genommen das antike Griechenland eine ähnliche Revolution. Damals ging es um die Buchstaben. Die Schrift hat die ganze Welt geändert. Man musste sich nicht mehr alles merken. Jeder bekam die Möglichkeit, neue Wissensgebiete auf eigene Faust zu erkunden. Plato gehörte zu den Skeptikern. Und so findet man in einem seiner Dialoge, im Phaidros, die Schriftkritik par excellence. Die Argumente, die wir heutzutage immer wieder hören, waren auch schon damals aktuell:

Gehört also habe ich, in der Gegend von Naukratis in Ägypten habe es einen der alten Götter des Landes gegeben, der, dem auch der Vogel heilig ist, den sie Ibis nennen; und der Gott selbst heiße Theuth. Der also habe Zahl und Rechnen entdeckt und Geometrie und Astronomie, ferner Brett- und Würfelspiele, und so denn auch die Buchstaben. König nun von ganz Ägypten war damals Thamus in der großen Stadt von Oberägypten, die die Griechen das ägyptische Theben nennen; und Thamus nennen sie Ammon. Zu ihm also kam Theuth, führte ihm seine Künste vor und meinte, sie müssten unter den Ägyptern verbreitet werden. Thamus aber fragte nach dem Nutzen einer jeden, und als Theuth ihn erläuterte, kritisierte und lobte er, was immer von diesen Erläuterungen ihm gut oder nicht gut zu sein schien. Da nun soll Thamus zu Theuth für jede einzelne Kunst vieles zum Lob und zum Tadel gesagt haben, was durchzugehen zu lang würde. Als er aber bei den Buchstaben war, sagte Theuth: "Dies ist, mein König, ein Lehrgegenstand, der die Ägypter weiser machen und ihr Gedächtnis verbessern wird. Denn meine Erfindung ist ein Mittel für Gedächtnis und Wissen." Doch der König antwortete: "Theuth, du Meister der Künste: einer hat die Fähigkeit, die Produkte der Kunst herzustellen, ein anderer aber kann beurteilen, in welchem Maße sie Schaden bringen und Nutzen für die, die damit umgehen sollen. Und jetzt hast du, weil du der Vater bist der Buchstaben, aus Zuneigung das Gegenteil von dem gesagt, was ihre Wirkung ist. Denn diese Erfindung wird in den Seelen derer, die sie erlernen, Vergesslichkeit bewirken, weil sie ihr Gedächtnis nicht mehr üben; denn im Vertrauen auf Geschriebenes lassen sie sich von außen erinnern durch fremde Zeichen, nicht von innen heraus durch sich selbst. Also hast du ein Mittel nicht für das Gedächtnis, sondern eines für die Erinnerung gefunden. Was aber das Wissen angeht, so verschaffst du den Schülern nur den Schein davon, nicht wirkliches Wissen. Denn da sie durch deine Erfindung vieles hören ohne mündliche Unterweisung, werden sie sich einbilden, vieles zu verstehen, wo sie doch gewöhnlich nichts verstehen, und der Umgang mit ihnen ist schwierig, da sie überzeugt sind, weise zu sein, es aber nicht sind." -
Also, wer glaubt, eine Fertigkeit mittels Buchstaben zu hinterlassen, und wer andererseits als Empfänger meint, aus Buchstaben gehe etwas Deutliches und Sicheres hervor, der dürfte höchst einfältig sein und wirklich die Voraussage Ammons nicht kennen, wenn er meint, geschriebene Worte seien mehr als eine Erinnerung für den, der das, wovon der Text handelt, weiß.
Platon, Phaidros 274b-275c, übersetzt von Ernst Heitsch (1997)


Und warum? Weil die meisten Menschen nicht zwischen Information und Wissen zu unterscheiden vermögen. Die Information kann entweder in Buchstaben verschlüsselt in einem Buch vor uns liegen, oder auf dem Bildschirm unseres Smartphones flackern. Das Wissen beläuft sich meist darauf, diese Informationen sinnvoll nutzen zu können. Ein Notenheft verbirgt alle notwendigen Informationen, um eine Beethoven-Sonata spielen zu können. Aber nur wenige können sinnvollen Gebrauch aus diesen Informationen machen.
Und auch jede Information, die durch die eigene Reflexion gefiltert und in den Geist aufgenommen wurde, wird wie ein Puzzle-Teil an das bestehende Weltbild gesteckt. Je mehr Puzzlesteinchen man schon im Kopf hat, desto mehr Anschlusspunkte sind für die nächsten vorhanden. Auf diese Weise entsteht im Laufe des Lebens ein hoffentlich kohärentes Bild. Wenn die Informationen jedoch freischweben und keine Anschlusspunkte finden, bleiben sie meist bedeutungslos.
Und darum gilt es auch heute: die Information kann gern in der Hosentasche oder auf einem Regal gelagert werden. Das Wissen muss man sich jedoch selbst erarbeiten. Was für schöne Puzzle-Bilder können doch dabei entstehen!

Dr. Matylda Amat Obryk
Klassische Philologin. Ein Buchstaben-Mensch, der sich darin versteht, auch zwischen ihnen zu lesen. Liebt unübersetzbare Wörter, die als Gucklöcher in andere Welten dienen können.
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