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Die Geschäftemacher vergifteten den Traum der Bürger

Ein Gespräch mit dem Maler Klaus Stein über das aktuelle Cover der Blicklicht und politische Kunst

von Bernd Müller, Kultur

Bei dem Bild "INVASIVE VEREINIGUNG" sieht man die Überreste des Nationalemblems der DDR. Hammer, Zirkel, Ährenkranz sind zerstört. Übrig bleibt nur schwarz-rot-gold und ein Frosch, dessen Geschlechtsteil sich aus BRD zusammensetzt. Ist das eine Anspielung auf die sogenannte Wende von 1989/90? Kannst du näher erläutern, was du in dem Bild ausdrücken willst?
Klar, es geht um die Wiedervereinigung, die mir vorkam wie eine feindliche Übernahme mit west-deutscher Dominanz.
Ein alter Freund sagte einmal: "Grenzen sind die Mauern, vor die wir laufen und die Krücken, an denen wir gehen." Meiner Meinung nach waren es nicht nur die Menschen, die vor diese Mauer liefen, bzw. sich voneinander getrennt fühlten, es waren auch die Geschäftemacher, Spekulanten, Investoren und andere Betrüger, die schon lange hinter der Mauer lauerten und nun in den neuen Markt, wie sie es nannten, strömten. Sie vergifteten den Traum der Bürger, machten ihn unehrlich und säten Zwietracht. Für diese unheilvollen Kräfte steht auch die Treuhand. Dafür schäme ich mich und das Bild ist Ausdruck meines Ärgers. Das daraus entstandene Misstrauen und die Unzufriedenheit der Menschen im Osten Deutschlands spüre ich immer noch überall. Die Wiedervereinigung als Ganzes steht deshalb noch aus.

Wie hast du die Wende und die Nachwendezeit erlebt? Was hätte anders laufen müssen, um sie nicht als "INVASIVE VEREINIGUNG" wahrzunehmen?
Ehrlich: Ich war mit dieser plötzlichen Veränderung überfordert und wusste nichts damit anzufangen. Dann knüpfte ich freundschaftliche Kontakte im "Osten", fuhr hin und es ergaben sich endlose Gespräche. Nun lebe ich mit meiner Frau Birgit schon seit circa fünf Jahren in Reicherskreuz. Es war eine Flucht aus der Enge des Westens. Hier haben wir die Ruhe gefunden, die wir suchten. Sicherlich war da auch das Solidaritätsgefühl im Spiel. Die Menschen hier haben es uns leicht gemacht und wir hatten nie so dichte Freundschaften wie jetzt und hier. Freundschaft und Reden sind der Garant für das Gelingen der Wiedervereinigung. Gierige Geschäftemacherei hat da nichts zu suchen. Es erschreckt mich immer wieder, wenn ich in meine alte Heimat fahre und merke, wie wenig die Menschen dort vom Leben hier wissen und es doch zu wissen glauben.

Auf dem Cover der letzten BLICKLICHT-Ausgabe war dein Bild "GLOBALPLAYER" zu sehen. Interpretiere ich es richtig, wenn ich sage: Es symbolisiert das Wirtschaftsgeschehen, der Große frisst den Kleinen?
Ja, Gier und Konkurrenzdenken bestimmt unseren Alltag. Wenn ich mir die Nachrichten anschaue, habe ich das Gefühl, wir können gar nicht mehr anders und es gibt gar nichts anderes mehr, als Gier und Konkurrenz untereinander. Das ist nicht die Welt, in der ich leben will.

In beiden Bildern sehen wir unter anderem Frösche als zentrale Figuren. Haben sie eine bestimmte Bedeutung für Sie?
In "INVASIVE VEREINIGUNG" fungieren sie als "Wolf im Schafspelz" und in "Globalplayer" macht der Frosch eine werwolfartige Metamorphose zur gefährlichen Schlange durch. (Es ist schon fast lustig, dass mir das Bild auf einer Ausstellung in Münster gestohlen wurde). Frösche lassen sich, wie auch häufig im Märchen, gut symbolisieren ... und sie sind schön bunt und es macht Spaß, sie zu malen. Außerdem entspricht die glatte Haut der Tiere meinem Gefühl von aalglatter Angepasstheit und Universalität, die ich in den Menschen, die diese Spiele betreiben, sehe.

Wenn ich deine Bilder richtig interpretiere, dann ist Ihre Kunst politisch. Machen Sie nur politische Kunst und welche Bedeutung hat sie für Sie? Immerhin findet man das nur noch selten.
In der Kunst ist es eine Kunst, politisch zu sein, da man damit nichts verdient. Deshalb beschäftigen sich Künstler in der Regel wohl auch so wenig mit Politik und Gegenwart. Es sei denn, dass der pseudo-kritische Künstler, aufgrund der lapidaren Größe seiner Aussage, nicht den Kunstmarkt verärgert. Dann kann es sogar sein, dass der Kunstsammler seine gönnerhafte Großzügigkeit demonstriert. Auch behängen sich namhafte Künstler gern mit dem Etikett des Revolutionärs und Anarchos, um ihr verstaubtes Image aufzupolieren. Mir geht es darum, den alltäglichen politischen Müll, der über uns allen ausgeschüttet wird, etwas verschoben und verändert ins Licht zu setzen und so eine andere Sicht auf die Dinge zuzulassen. Wenn mir das gelingt, freue ich mich und die Frage, ob das Bild schön ist, erübrigt sich.

Stellen Sie Ihre Bilder aus und wo kann man sie sehen?
Im Spätherbst stelle ich mit unserer Künstlergruppe "SUPERFLUID VIOLETT ULTRA" kurz "SVU" in einer kleinen privaten Galerie namens "HIMMEL UND HIMMEL" in München aus. Anfang Januar werde ich wohl wieder ein paar Bilder auf der ROSA-LUXEMBURG-KONFERENZ in Berlin ausstellen und Wien wird immer konkreter. Natürlich würde ich mich gern hier in Cottbus, z. B. im Dieselkraftwerk, dem hiesigen Publikum vorstellen. Mal sehen, ob´s was wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Klaus Stein: Invasive Vereinigung
2019 Acryl auf Leinwand 170 cm x 145 cm

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