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Raum der Begegnung und Anerkennung

Interview mit Yannis vom Verein für ein multikulturelles Europa e.V. über die „Küche für Alle“

von Bernd Müller, Politik

In der Parzellenstraße 79 wird jeden Montag die „Küfa“ angeboten. Kannst Du näher erklären, was das bedeutet?

Jede Woche Montags um 19 Uhr gibt es bei der „Küche für Alle“ gegen eine kleine Spende leckeres und veganes Essen. Durch die Spenden werden lediglich die Kosten gedeckt. Die Küfa soll also keine Dienstleistung darstellen. Dadurch entsteht nicht ganz zufällig auch ein ziemlich netter Raum der Begegnung und des sich Kennenlernens.

Es gibt auch „Küfa plus“, also Essen und Veranstaltung. Kannst Du das noch kurz vorstellen?

Seit vergangenem Jahr organisieren wir gemeinsam mit dem Aktionskollektiv Cottbus regelmäßig Vorträge, Filme, Diskussionen und kleine Konzerte, die direkt im Anschluss des gemeinsamen Essens um 20 Uhr starten. Thematisch sind wir da ziemlich vielfältig: von der Revolution in Rojava, über die Geschichte des DDR-Plattenbaus bis hin zu Antifa und Feminismus war schon einiges dabei. Mit dem Format der „KüfA Plus“ wandern wir hin und wieder auch durch Cottbus und sind damit in andere Locations zu Gast, wie z.B. dem Chekov oder dem Obenkino. Welches Thema und evtl. welcher andere Ort gerade ansteht kann man jeden Monat u.a. hier in der Blicklicht nachlesen.

Was ist der Hintergrund der „Küche für alle“?

Das Format der „Küche für Alle“ gibt es unter diesem oder anderen Namen ja in jeder größeren Stadt in Autonomen Zentren, linken Infoläden und Nachbarschaftstreffs. In Berlin oder Leipzig kommen da schon mal über 100 Leute zusammen, bei uns ist es mit durchschnittlich 15 bis 30 Personen überschaubarer. Es gibt Stammgäste aber auch einen größeren Kreis von Menschen, die hin und wieder mal vorbeischauen. Dadurch ist es natürlich viel persönlicher und gemeinschaftlicher. Unsere KüfA dürfte inzwischen genauso lange existieren wie unser Verein – also seit 1994. Vielleicht gab es irgendwann in den Nuller-Jahren mal eine Unterbrechung, aber tatsächlich findet sich jede Woche aufs Neue eine Crew die was Leckeres kocht. Die alte „Antifa Cottbus“ hat ca. 2010 mal die „VolXküche“ ins Muggefug verlegt, dann kam sie wieder zurück in die Zelle, aber das Muggefug hat das beibehalten. Seitdem gibt es dort auch am Dienstag was zu Essen. Schön wäre, wenn es irgendwann für jeden Tag eine KüfA gäbe.

Was unterscheidet „Küche für alle“ von der traditionellen „Volksküche“?

Die Suppen- oder Volksküchen wurden früher von Kirchen oder öffentlichen Wohlfahrtsinstitutionen angeboten. Heute gibt es z.B. den täglichen Mittagstisch bei den Tafeln. Gekocht wird hier von den mehr oder weniger gleichen Mitarbeiter*innen und die Zielgruppe sind vor allem notleidende Menschen. Das Konzept der KüfA ist ein Gruppenkochen, dass sich an eine vergleichsweise kleinere Zahl von Menschen richtet, die aber auch etwas „bunter“ ist als normal. Bei fast 30 Jahren Existenz kann man da inzwischen auch schon von einer „Tradition“ sprechen. Unsere „KüfA“ hieß bis vor einigen Jahren auch noch „Volxküche“. Weil Leute den Volksbegriff da mal ganz raus haben wollten, wurde sie kurzerhand umbenannt.

Aus anderen Städten ist mir bekannt, dass immer unterschiedliche Personen kochen; wer Lust dazu hat, kann sich mit seinem geplanten Gericht in eine Liste eintragen. Wie wird das bei euch gemacht?

Genauso handhaben wir das auch. Neben dem Tresen hängt eine Liste, in die man sich eintragen kann. Dass das rotiert, klappt bei uns gerade auch sehr gut. Es gibt kaum einen KüfA-Gast, der nicht irgendwann schon mal den Kochlöffel geschwungen hätte. Besonders freuen wir uns, dass es inzwischen eine Gruppe junger Geflüchteter aus dem Umfeld des Sprechcafés gibt, die das regelmäßig übernehmen.

Wie wird die Küfa von den Cottbusern angenommen? Ist die „Küfa“ ein Projekt, dass über die linke Szene hinausstrahlt?

Manchmal wird der Widerspruch aufgemacht von den Aktivist*innen, die sich in und für die Gesellschaft einsetzen und denen, die sich in ihren Szene-Räumen einigeln. Für Cottbus würden wir dieses Problem aber für ziemlich konstruiert halten. Kleine oder temporäre Freiräume wie KüfAs, Tresen, Vorträge, Workshops, Partys oder Festivals (Stuss am Fluss) sind wichtig um zusammen zu kommen und sich auszutauschen. Die Mehrheitsgesellschaft hat sehr viel Raum, aber die von Rassismus betroffenen, Queers, Linke und andere marginalisierte Menschen müssen sich diesen oft erst gegen diverse Ausgrenzungsmechanismen kollektiv erkämpfen. In einem Freiraum wie der KüfA können wir immer wieder neu etwas Kraft tanken. Gerade die Küfa-Plus-Termine sind oft überdurchschnittlich gut besucht. Da kommen immer wieder auch Leute, die sonst nicht da sind und es entstehen sehr interessante Diskussionen. Diese Gemeinschaft zu pflegen ist ein Beitrag für die Gesellschaft, denn nicht wenige Projekte und Aktionen, die über diesen Kreis hinauswirken, hatten hier schon ihren Ausgangspunkt. Wer weiß was aus diesen Begegnungen in Zukunft noch so alles entsteht.

Vielen Dank für das Gespräch.
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