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Neu-Schmellwitz sollte fast komplett zurückgebaut werden

Ein Gespräch mit Michael Tietz, Vorsitzender des Bürgervereins von Neu-Schmellwitz

von Bernd Müller, Cottbus

Herr Tietz, der Bürgerverein Neu-Schmellwitz hat Ende August an drei Abenden auf dem Ernst-Mucke-Platz ein Freilichtkino veranstaltet. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Die Idee ist 2017 bei einer Weihnachtsfeier entstanden. Wir hatten uns dort darüber unterhalten, dass unserer Stadtfest eine Alternative braucht, da es immer weniger angenommen wird beziehungsweise die Besucherzahlen nachlassen. Von der Stadt bekommen wir jedes Jahr ein festes Budget zugewiesen, welches wir auch jedes Mal verplanen. Aber wir dachten uns, wir müssen etwas Neues machen, da Aufwand und Nutzen des Stadtteilfestes nicht mehr übereinstimmten. Konkret heißt das, wir haben ein halbes Jahr Arbeit mit dem Fest, aber die Besucherzahlen gehen immer weiter zurück. Da haben wir bei der Weihnachtsfeier gesponnen, was man im Stadtteil als Highlight anbieten könnte. Da war die Idee des Open-Air-Kinos geboren.

Wie ging es dann weiter?
Wir haben dann überlegt, wen wir ansprechen könnten, wen wir ins Boot holen könnte. Das wir mit dem Team vom Filmfestival Cottbus Kontakt aufnehmen könnten, lag auf der Hand. Mit Herrn Stein und Herrn Buder vom Filmfestival hatten wir einen Termin vor Ort, wir haben uns den Ernst-Mucke-Platz angeschaut und die Idee in etwas Handfestes gegossen.
Die Idee den Mucke-Platz zu nehmen, kam, weil er so präsent und ungeliebt ist. Da haben wir gesagt, dieser Platz braucht wieder eine Bedeutung. Und er ist gut gelegen, die Straßenbahn hält direkt an ihm und an den ÖPNV ist er bestens angebunden. Die Leute sehen beim Aufbau, dass dort etwas passiert, sie fahren mehrere Tage daran vorbei. Das könnte sich also rumsprechen.

Sie haben einmal gesagt, mit dem Open-Air-Kino solle der Ernst-Mucke-Platz wiederbelebt werden. Was ist denn ihr Eindruck von ihm?
Der Platz hat kein eigenes Leben. Es wird auf ihm weder ein Markt gehalten, noch gibt es dort eine Veranstaltung. Selbst an solch‘ sonnigen Tagen, wie wir sie jetzt haben, setzt sich kaum jemand hin. Es ist brütend heiß, weil es keinen Schatten gibt. Der Platz wurde gebaut als Marktplatz, wo regelmäßig ein Markt stattfinden sollte. 2008, als der Rückbau begann, war schon nichts mehr auf dem Platz außer dem Stadtteilfest des Bürgervereins.

Lassen Sie mich provokativ fragen: Mit dem Freilichtkino sollte der sogenannten Wende gedacht werden. Aber ist die Wende nicht gerade das Sinnbild vom Niedergang von Schmellwitz?
Irgendwie war das klar, dass diese Frage von Ihnen kommt. [Lacht] Was heißt Niedergang? Wir haben natürlich alle in Cottbus von den neuen Freiheiten profitiert. Und die Zeit war ein Aufbruch, auch für Schmellwitz. Im Zuge der Bundesgartenschau hat man hier viele Innenhöfe saniert; das Fließ, das zu DDR-Zeiten einen rein technischen Charakter hatte, hat man von Grund auf saniert, damit es zur Buga präsentierfähig wurde. Und von all dem Geld, dass hier nach Schmellwitz floss, profitiert man noch heute.

Es war einmal gedacht, dass die Zuschka zum zweiten Stadtzentrum werden sollte. In den 1990er Jahren ist hier alles fertiggestellt worden, aber den Wegzug der Leute hat es nicht aufhalten können.
In der Nach-Buga-Zeit standen hier tatsächlich schon viele Projekte Gewehr bei Fuß. Jeder dachte, jetzt geht es weiter. Aber nach der Buga kam nichts mehr außer die Ernüchterung, dass keine großen Investoren angelockt werden. Davon war nicht nur Schmellwitz betroffen, sondern auch Sachsendorf. Weil Schmellwitz aber der jüngste Stadtteil war und sein Zentrum erst recht spät bekommen hat, war es auch gar nicht möglich, dass sich hier etwas entwickeln konnte. Das Zentrum war auch für einen größeren Stadtteil ausgelegt. Nach den alten Plänen sollte Schmellwitz hinter der Rudniki oder der Mina-Witkojc-Straße noch weitergehen.
Ende der 1990er Jahre hatte man an der Zuschka noch den Platz, der nicht bebaut war, auf dem jetzt der Rewe-Markt draufsteht und wo auch die Ärztehäuser waren. Nach einer kurzen Zeit der Stabilität kam schnell die Ernüchterung. Sachsendorf und Schmellwitz, das sind die beiden Stadtteile, die am meisten darunter gelitten haben.

Unter dem früheren Oberbürgermeister Szymanski gab es mal die Diskussion, ob man den Stadtteil nicht ganz aufgibt.
Diesen Plan gab es tatsächlich: Im derzeit noch gültigen Stadtumbaustrategiekonzept ist tatsächlich ganz Neu-Schmellwitz als reine Rückbaukulisse tituliert. Es war auch nie geplant, hier wieder neuen Wohnungsbau zu starten. Dass so viele Wohnblöcke abgerissen wurden, hat mich 2008 auch bewogen, mich im Bürgerverein zu engagieren. 2010 war ich als stellvertretender Vereinsvorsitzender in die Stadtverwaltung eingeladen. Bei dem Gespräch ging es um ebenjenes Konzept. Damals wurde ich ganz blass, als ich erfuhr, dass der gesamte Stadtteil zumindest bis auf Höhe Neue Straße komplett zurückgebaut werden sollte.

Gibt es inzwischen von der Stadt das Bestreben, den Stadtteil wieder zu beleben?
Das gibt es tatsächlich. Als Anfang des Jahres das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (INSEK) vorgestellt wurde, habe ich festgestellt, dass wirklich ein Umdenken stattgefunden hat. Das heißt, Neu-Schmellwitz wird nicht mehr als reines Rückbaugebiet behandelt. Im INSEK steht, dass es ein Umbaugebiet werden soll. Die eine oder andere Platte wird sicherlich noch abgerissen werden. Hier soll aber geschaut werden, wie die Hauptverkehrslinien wiederbelebt werden können. Wie das genau aussehen soll, wurde noch nicht gesagt. Wir müssen die einzelnen Konzepte abwarten.

Es gibt doch den Plan, neben dem Gelände vom Cottbus Verkehr eine neue Wohnsiedlung zu errichten. Was ist ihre Meinung dazu?
Als Verein haben wir uns schon dazu geäußert. Wir finden es nicht gut, dass im Außenbereich neu gebaut werden soll und wir aber im Wohngebiet die Freiflächen zur Verfügung hätten. Machen wir uns nichts vor: Von dem geplanten Wohngebiet wird sich niemand nach Neu-Schmellwitz verirren und einkaufen. Der Stadtteil wird davon nicht allzu viel haben.
Noch wird es aber nicht gebaut, es ist bislang nur eine B-Plan-Änderung, die von den Stadtverordneten behandelt wurde. Aber die Diskussion, die wir durch unsere Stellungnahme losgetreten haben, die ist sinnvoll. Man sollte wirklich mal darüber nachdenken, welche Flächen man wieder dem Wohnungsbau zur Verfügung stellen könnte. In diesem Zusammenhang rede ich nicht von neuen Plattenbauten, sondern von kleinteiliger Bebauung, einer kleinen Stadtvilla, vielleicht einen kleinen Block mit zwei oder drei Stockwerken. Für Einfamilienhäusern dürfte es hier unattraktiv sein. Wer will schon sein Häuschen direkt neben der Platte bauen?

Hinzu kommt sicher auch die soziale Klientel, die für manche Menschen nicht attraktiv sein dürfte…
Wenn man jetzt neue Wohngebiete im Stadtteil errichten würde mit zwei- oder dreigeschossigen Häusern und das für Normalverdiener leistbar macht, dann sollte es kein Problem sein. Man lebt in Neu-Schmellwitz, gleichzeitig wohnt man unter sich. Das erlebt man ja jetzt schon unter anderem in der Mina-Witkojc-Straße und am Garteneck. Man lebt dort, bringt seine Kinder zur Kita oder in die Schule, geht im Stadtteil einkaufen, lebt aber auch unter sich. Ich denke, genau das braucht Schmellwitz: Eine gesunde Durchmischung aller sozialen Schichten.

Wenn das mal so möglich wäre… Ich zweifle das an, weil es die Prognose gibt, dass in zehn Jahren bis zu 19.000 Rentner in der Stadt auf Sozialhilfeniveau leben werden. Man wird zu diesem Zeitpunkt in der Stadt sehr günstigen Wohnraum brauchen.
Der Rentner kann sich mit der Platte anfreunden. Junge Menschen, die zuhause ausziehen, oder junge Familien suchen nicht gerade die Platte. Da muss man sich neue Konzepte überlegen. Das kann ja wieder so eine Art neuer Sozialer Wohnungsbau sein. Aber die Platte ist bislang nicht attraktiv, obwohl sie viele Möglichkeiten bietet. In einer Reportage habe ich das neulich gesehen, wie schön man eine Platte umbauen kann. Die Frage ist nur, investiert mal eine Wohnungsgesellschaft zu diesem Zweck.

Es heißt, in Neu-Schmellwitz besitzen vor allem die „Heuschrecken“ die Wohnungen.
Ich habe den Eindruck, die haben sich in den letzten Jahren ganz schön gewandelt. Ich habe eher den Eindruck, dass sie sich jetzt im Stadtteil engagieren und nicht nur die Wohnungen leer stehen lassen wollen.

Zurück zu den Open-Air-Nächten. Sind die Filmnächte als einmalige Aktion geplant oder gibt es weitere?
Wir sind bestrebt, sie als jährliches Highlight zu erhalten. Uns ist es wichtig, eine solche Veranstaltung im Stadtteil als „Leuchtturm“ zu etablieren. Ein anderes Open-Air-Kino gibt es ja auch nicht in Cottbus.

Jetzt muss ich nochmal provokatorisch fragen: Kam denn vorher wenigstens mal die Stadtreinigung vorbei und hat den Ernst-Mucke-Platz sauber gemacht? Immer wieder liegen dort viele Glasscherben rum…
Ja, und das ist jetzt neu: Der Platz ist seit Dezember in der regelmäßigen Reinigung drin. Aller zwei Monate wird er jetzt einer Komplettreinigung unterzogen. Konkret heißt das, das Unkraut wird beseitigt genauso wie die Glasscherben.

Das ist eine gute Nachricht. Dann kann man die Kinder auf dem Platz auch wieder öfter toben lassen. Ich bedanke mich für das Gespräch.

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