Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

In Cottbus fehlt ein Familiensportklub

Gespräch mit Tobias Schick vom Stadtsportbund

von Bernd Müller, Cottbus

Die Stadt Cottbus sucht für das Strombad einen neuen Betreiber. In unserer März-Ausgabe hatten wir einen Interessenten, den Strombad e.V., vorgestellt. Inzwischen läuft das „Interessenbekundungsverfahren“ der Stadtverwaltung, und uns ist ein weiterer Interessent bekannt geworden. Der Stadtsportbund interessiert sich ebenfalls für das Gelände. Wir haben mit dessen Geschäftsführer gesprochen, um von ihm zu erfahren, welche Vorstellungen die Sportfreunde von der Zukunft des Strombades haben.

Herr Schick, der Stadtsportbund bewirbt sich nun ebenfalls für die Übernahme des Strombades. Was macht das Gelände in ihren Augen für Sportfreunde so interessant?
Das Strombad ist ein wunderschönes und traditionsreiches Objekt, das von seinem Ursprung eine Freizeit- und Sportanlage war. Das Strombad ist gut gelegen, in der unmittelbaren Nähe gibt es bereits einige sportliche Einrichtungen. Nicht weit entfernt ist zum das Bootshaus des ESV Lok RAW Cottbus. Hier gab es schon einmal eine jahrelange Kooperation mit den Kanupolospielern, als sie noch in der Bundesliga spielten. Das Stadion des FC Energie Cottbus und es gibt die BMX-Anlage, bei der schon seit Jahren versucht wird, die Bevölkerung stärker einzubinden. Es gibt aber auch zahlreiche andere Sportvereine, die in der Umgebung des Strombades zu finden sind und Partner sein können.

In welcher Weise möchte der Stadtsportbund das Strombad künftig nutzen? Was haben Sie für den Standort geplant?
Aus unserer Sicht – und das ist kein Geheimnis – fehlt in Cottbus ein Familiensportklub. Das Thema Familie ist schon länger bei anderen Projekten unser Ansatz. Wir wollen niedrigschwellige, sportliche Angebote, also Angebote mit wenig Zugangsbarrieren unterbreiten. An der Stelle ist uns auch wichtig, nicht nur Zugang zu heimischen Familien, sondern auch zu Flüchtlingen zu bekommen.
Wir wissen auch aus anderen Projekten, dass Sport gerade bei Jungen und Männern eine hohe Anerkennung genießt. Dabei spielt es keine große Rolle, ob sie aus Deutschland, Syrien oder Äthiopien kommen, die Jungs gehen zum Sport. Das ist fast selbstverständlich. Wir merken, dass wir auch die Mütter und Schwestern stärker einbeziehen müssen. Da sehen wir einen großen Bedarf. Wir wollen also stärkere Angebote für sie machen zur Integration oder zur Stärkung ihrer Rolle in der Familie. Bislang gelingt es uns kaum für sie passgenaue Angebote und vor allem den notwendigen Raum und Platz zu bieten.
Wir machen zum Beispiel Fahrradprojekte, weil viele Frauen und Mädchen nicht Fahrrad fahren können. Schwimmen wollen wir ausbauen. Positive Erfahrungen haben wir seit vielen Jahren mit vietnamesischen oder afrikanischen Frauen und der Lagune gemacht. Unter Muslimen gestaltet sich das schwieriger, weil es da auch Vorbehalte gibt.
Wir haben uns gesagt, dass das Strombad, so wie es jetzt ist, auch mit all seinen Denkmalschutzauflagen, jede Menge Sportmöglichkeiten im Außenbereich und auf dem Wasser bietet, ohne große Investitionen vornehmen zu müssen. Unser Ansatz ist, dass wir die Angebote unter der Woche machen wollen und gern mit interessierten Gruppen, Vereinen, Institutionen am Wochenende kooperieren.

Da ist noch die Frage der Finanzierung Ihrer Pläne. Die Stadt hat ja die Förderung des neuen Betreibers ausgeschlossen. Wie wollen Sie das alles bewerkstelligen?
Na gut, das würde ich jetzt nur ungern der Zeitung sagen und mit belastbaren Zahlen arbeiten. Unser Vorhaben ist eng an zwei Projekte gekoppelt, über die wir Mitarbeiter finanzieren können. Darüber können wir Personalkostenstelle und Sachkosten finanzieren. Wir hoffen, dass wir das auch für ein anderes Projekt bewilligt bekommen und damit letztlich zwei Mitarbeiter über einen gewissen Projektzeitraum bezahlen können. Diese Säule ist für uns ganz wichtig, weil es anders nicht funktioniert und inhaltlich nicht gestaltet werden kann.
In Zukunft wird es aber so sein, und ich glaube, in der Vergangenheit war es auch so, dass die auf dem Gelände stattfindenden Veranstaltungen einen Teil der Gesamtkosten mittragen müssen. Wieviel das letztlich sein wird, kann jetzt noch nicht gesagt werden. Man muss sich zu gegebener Zeit mit der Stadt hinsetzen und fair durchrechnen. Alle Kosten der letzten Jahre müssen auf den Tisch um beispielsweise zuordnen zu können, welche Kosten für Strom und Wasser bei einer Veranstaltung anfallen und vieles mehr.
Man müsste auch darüber nachdenken, wie man neue Potenziale und bisherige verbinden kann. Ein Beispiel vom Lok RAW: Dort können Paddeltouristen anlegen und die Toilette gegen Gebühr benutzen. Auf diese Weise würden sich die Touristen an der Erhaltung der Anlage beteiligen. Man könnte auch schauen, ob man nicht bestehende Nutzungen ausbaut.
Ob das alles funktioniert, können wir jetzt natürlich noch nicht sagen. Das sind aber alles Sachen, die wir gerne angehen würden. In unseren Augen hat es der Standort verdient, dass er unter der Woche viel mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Das Strombad ist im Moment besonders für junge Leute sehr interessant. Dort gibt es Proberäume für Bands, im Chekov werden unter anderem für ein junges Publikum Veranstaltungen organisiert, und Sprayer können an einigen Wänden ihre Graffiti-Künste ausprobieren. Wird das weiterhin möglich sein, wenn Sie das Gelände übernehmen?
Die Unruhe, die bei manchen jetzt ausgelöst wurde, liegt wahrscheinlich daran, dass der Stadtsportbund als Träger bei vielen nicht sehr bekannt ist, die dort ihre Heimat gefunden haben. Wir alle stehen aber allem offen gegenüber. Unser Ansatz ist: Was sich bewährt hat, kann auch so bleiben. Wir müssen nur einen Weg finden, dass die entstehenden Kosten auch gemeinsam getragen werden. Und dazu muss jeder etwas beitragen.
Mit dem Chekov haben wir bislang keine Kooperation, weil wir keine Ansatzpunkte in der bisherigen Arbeit haben. Stehen aber auch hier Gesprächen offen gegenüber. An den Wochenenden sollen – wie bisher auch – Veranstaltungen für Cottbuser und besonders gern für Familie stattfinden können.

Vielen Dank für das Gespräch.

pictures/artikel/IMG_21020717.jpgBild: By Dies irae011 (Own work)CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons


siehe auch:
Betreiberwechsel beim Strombad
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus