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Rosa Luxemburg: Bis heute relevant und hochaktuell

Interview mit der Regisseurin, Schauspielerin und Autorin Anja Panse

von Bernd Müller, Kultur

Frau Panse, Ihr Theaterstück „Rosa – trotz alledem“ ist im September im dkw. Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus zu sehen. Sie nähern sich darin der historischen Figur Rosa Luxemburg, Sozialistin, Mitbegründerin des Spartakusbundes und später der Kommunistischen Partei Deutschlands. Bis auf ihren Namen und eines ihrer Zitate ist sie heute Vielen kaum noch bekannt. Was fasziniert Sie besonders an ihr?

Zunächst las ich Rosa Luxemburgs „Briefe aus dem Gefängnis“. Sie fielen mir zufällig in die Hände. Ich war sofort fasziniert von ihrer sprachlichen Ausdruckskraft und Poesie.

Mit welcher Würde ertrug diese Frau ihre Haftzeit als politische Gefangene. Sie hatte diese immense innere Stärke. Ihr war die Möglichkeit gegeben, sich durch Kontemplation in Naturschauspiele zu regenerieren und neue Kräfte zu schöpfen.

Neben all den politischen Kämpfen liebte sie Vögel, Blumen, Gedichte und Musik.

Ich beschäftigte mich nach dieser ersten Lektüre mit ihrer Biographie und ihren politischen Schriften. Je mehr ich las, desto mehr bewunderte ich ihre Intelligenz und scharfe Analyse der ökonomischen Entwicklungen jener Zeit und ihren bemerkenswerten Mut, sich den Herrschaftsverhältnissen entgegenzustellen mit allen Konsequenzen.

Bei der Durchsicht ihrer Schriften wurde mir klar, dass ihr Denken bis heute relevant ist und hochaktuell.

Ihre Persönlichkeit und ihre Denkansätze waren Ausgangspunkt und Motivation für dieses Theaterstück.

Sie gehen mit dem Anspruch an das Stück, Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart aufzuzeigen. Sie schreiben von wiederkehrenden Mustern und Machtstrukturen. Welche meinen Sie?

Wenn man die Situation vor dem 1. Weltkrieg genau betrachtet, fallen einige Parallelen zur heutigen Entwicklung ins Auge: Meinungsmanipulation, Kriegstreiberei, rigorose Aufrüstungspolitik.

Diesen Themen widmen wir uns, aber auch der Emanzipation der Frau bzw. der Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft.

Außerdem entwirft die ökonomische Analyse Rosa Luxemburgs die Dystopie „einer globalisierten Welt, in der alles der Profitmaximierung unterworfen ist“. Man kann ohne Scheu sagen, dass ihre Annahme Wirklichkeit geworden ist und die Folgen dieser Entwicklung nicht mehr zu übersehen sind. Man bedenke die Flüchtlingsströme und die globale Umweltzerstörung.

Wir setzen also die Vergangenheit mit dem Heute in einen szenischen Kontext. 

In einer Art Collage werden verschiedene Stationen aus Luxemburgs Leben mit Szenen und Akteuren der Gegenwart verbunden. Welche Idee steht dahinter und wie gelingt Ihnen das?

Inhaltlich korrespondierende Szenen aus Vergangenheit und Gegenwart werden miteinander verschnitten oder gehen ineinander über. So werden die Ähnlichkeiten bestimmter gesellschaftlicher Entwicklungen verdeutlicht oder aber die Unterschiede.

Wir wollten zudem keine Biographie über Rosa Luxemburg erzählen, sondern Teilaspekte ihres Lebens herausgreifen, die in ihrem Wirkungskreis für uns relevant sind. Daraus ergibt sich keine stringente Handlungslinie, sondern ein assoziativer Reigen, der seinen ganz eigenen Reiz ausübt.

Sie haben ihr Stück interdisziplinär gestaltet – Musik, Schauspiel und Puppentheater. Wie kommt das bei dem Stück zusammen?

Um der Gefahr eines trockenen Politabends zu entgehen und einen möglichst vielschichtigen, sinnlichen Abend zu zeigen, wollten wir unbedingt mit Live-Musik und Puppen arbeiten.

Dadurch gelingt es, humorvoll-pointierte Szenen mit poetischen Elementen zu verbinden und politisch-dramatische Konflikte in eine größere Leichtigkeit zu überführen.

Die Musik erzeugt hier eine ganz eigene Atmosphäre. So singt unsere „Rosa“-Darstellerin Susanne Jansen Lieder von Hugo Wolf, dem Lieblingskomponisten Rosa Luxemburgs und lässt dadurch die Gefühlswelten der Protagonistin lebendig werden.

Durch den Verfremdungseffekt der Puppen ist es uns möglich, andere Spielweisen einzusetzen. So können wir durch die eigens angefertigte „Rosa-Puppe“ Rosa Luxemburgs innere Erlebniswelt zeigen, ihr nichtgelebtes Leben und ihre Sehnsüchte ohne in einen naiven Naturalismus zu verfallen.
 
Das Stück stellt mit Rosa Luxemburg die Frage nach gesellschaftlichen Alternativen. Gibt das Stück auch eine Antwort?

Nein. Wir begreifen uns nicht als Lehrer und Erzieher unseres Publikums.
Für uns ist wichtig, die Menschen zu ermuntern, ihre eigenen Positionen zu beziehen. 
Die Schlüsse, die man aus diesem Abend ziehen kann, sind vielfältig, je nachdem welche Perspektive man einnimmt.
 
Rosa Luxemburg ging ihren Weg. Sie führte den Menschen die Kluft zwischen Arm und Reich vor Augen, prangerte Kriegstreiber an und wollte den Kapitalismus auf revolutionärem Weg überwinden. Dafür ging sie ins Gefängnis und wurde letztlich für ihr Engagement ermordet. Kann sie als Vorbild für kommende Generationen dienen?

Ist dies die Welt, in der wir leben wollen? Ist dies wirklich die bestmögliche aller Welten?
Wer diese Frage mit NEIN beantwortet, für den ist Rosa Luxemburg sicher ein Vorbild. Da sie ihr ganzes Leben gegen die strukturellen Ungerechtigkeiten des kapitalistischen Systems kämpfte und für die Verbesserung der Verhältnisse eintrat.

Vielen Dank, Frau Panse, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben.



„Rosa – Trotz alledem“ wird am 21. und 22.9.2017 um 19.30 Uhr im dkw. Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus aufgeführt. Die Vorstellung am 23.9. beginnt um 20 Uhr.
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