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Lesebühne: Irgendwie gut

von Mathies Rau, Kultur

„Frag mich mal, wie mein Hintername ist.“
Mit sieben macht man sich noch keine Gedanken darüber, dass ein Witz, der darauf basiert, dass jemand eine blöde Frage stellt, scheiße ist.
Ich kenne den Witz natürlich, es würde mich wundern, wenn irgendjemand zwölf Lebensjahre erreicht hätte, ohne den Witz zu kennen. Die Antwort ist simpel. „Wie ist dein Hintername?“ „Mein Hintern hat keinen Namen!“ Die Siebenjährigen in der Bahn lachen sich kaputt, wie Erwachsene es nur tun würden, wenn der Heine seinen Biberwitz erzählt. Sie haben ein Ritual vollzogen. Der sprachlich Gewandtere hat den sprachlich nicht ganz so stark Entwickelten in den Kreis der Nachnamensager eingeführt. Von heute an wird sein Kompagnon nie wieder „Hintername“ sagen und wahrscheinlich wird er in den nächsten Tagen seinerseits diesen Initiationsritus bei jemandem vollführen, dessen Hintern noch einen Namen hat. Und dann ist wieder ein Siebenjähriger bereit einen Schülerausweis zu beantragen, alleine beim Kinderarzt aufgerufen zu werden und seine vollständige Adresse auf das kleine Schildchen in seinem Scout-Schulranzen zu schreiben.
Manche Riten kriegt man einfach nicht tot.
Dabei hat der Hintername seinen schlechten Ruf völlig zu Unrecht. Schließlich gibt mindestens genauso viele Dinge, die für einen Hinternamen sprechen, wie für einen Nachnamen. Wenn man bedenkt, dass das Wort „Nachname“ vorwiegend schriftlich fixiert ist, also lokal vor uns liegt, dann würde ein lokalbestimmtes „Hintername“ sogar eindeutig mehr Sinn ergeben, als das doch eher temporale „Nachname“. Schließlich steht ein Hintername hinter dem Vornamen. Die Nennung des Nachnamens nach dem Vornamen hingegen ist relativ eindeutig Ausdruck einer Sprechkultur. Bei den alten Kelten, die über keine Schriftsprache verfügt haben, mag ein Nachname legitim gewesen sein, aber bei einer vollverschriftlichten und hochentwickelten Sprache wie dem Deutschen, ist das schon ein bisschen archaisch.
Wie bei den meisten Fragen des eindeutig germanistischen Forschungsfeldes dürfte es jedoch niemanden auch nur einen Scheiß interessieren, ob „Nachname“ eigentlich nur noch als Relikt taugt oder nicht. Auch etwas, was ich schade finde, weil gerade unsere ganze Gesellschaft unter die Räder kommt und das auch daran liegt, dass so wenig darauf geachtet wird, wie wir eigentlich sprechen.
Eine amerikanische Forscherin zum Beispiel hat sich in einem Essay darüber gewundert, dass wir Deutschen eher Flüchtlinge sagen als Geflüchtete. Was sollen denn auch „Flüchtlinge“ sein? Sowas wie „Zwerglinge“ die zu Millionen über uns herfallen, um uns in Streifen zu schneiden, oder Wildlinge vor denen wir uns mit einer riesigen Mauer schützen müssen?
Es ist ein scheiß Wort, denn es gibt fast keine positiv besetzten Wörter für Menschengruppen, die auf „ling“ enden. Ein paar relativ harmlose wie der Neuling, denen immerhin noch zugestanden wir, dass sie theoretisch etwas lernen könnten, aber sonst... Der oder die Geflüchtete dagegen liegt worttechnisch genau zwischen den Sexmobwüstlingen und den Kinderhirnchirurg*innen, die hier ja beide nicht gerade in nennenswerten Zahlen auftauchen. Es gibt in jeder Kultur einfach weniger Straftäter*innen und Chirurg*innen als, sagen wir z.B. Postangestellte. Abgesehen davon ist das Wort „Geflüchtete“ geschlechtsneutral, für die, die darauf Wert legen. Und wir sollten darauf Wert legen, denn Sprachen die Wörter in männlich und weiblich unterscheiden, sind immer ein bisschen verzwickt, weil die Sprecher*innen nicht geschlechtsneutral denken können. Der Hass, der Brand, der Verstoß, die Liebe, die Geduld, die Menschlichkeit. Wer Spaß dran hat, kann ja mal positive männliche Wörter und negative weibliche Wörter suchen. Die deutsche Sprache hat nämlich schon lange erkannt, dass Frauen die besseren Menschen sind. Ohne jetzt wieder eine Sexismusdebatte anzetteln zu wollen (der Sexismus – männlich; die Debatte – weiblich, ich sag’s nur).
Manchmal glaube ich, ich kann gar nicht mehr richtig reden. Zumal alles was wir sprachlich in den letzten Jahrzehnten zustande bekommen haben, eine merkwürdige Rechtschreibreform, ein bisschen Geheule über Anglizismen und ein noch immer nicht ganz glückliches Gendern sind.
Wie könnten wir dem sprachlichen Problem also Abhilfe schaffen, ohne wieder Regeln einzuführen, von denen sich die eine Hälfte der Sprecher*innen in ihrer Intelligenz angegriffen und die andere Hälfte beleidigt fühlt?
Ich habe keine Ahnung.
Vielleicht könnte man versuchen, Kindern einfach frühzeitig nicht nur Sprechen, sondern auch Sprachkompetenz und Medienkompetenz beizubringen und nicht erst wenn der Drops gelutscht ist. Ärzten schärft man ein, niemals zu sagen „Haben sie keine Angst.“ Es kommt nur Angst an.
Was kommt an bei „Wir benutzen keine Schusswaffen gegen Flüchtlinge.“ „Frauen sind keine Sexualobjexte.“ „Ich bin nicht negativ.“?
Wäre es psychologisch nicht viel sinnvoller zu sagen: „Alles wird gut“, „Wir schaffen das“, „Frauen sind großartig“, „Ich bin positiv“.
Ist das zu weichgespült, zu naiv, nicht relativiert genug? „Hast du eigentlich gerade schon wieder deinen Schlaganfall?“, fragt Justine.
„Was“, erwache ich ins Hier und Jetzt.
„Seit du an der Hufelandstraße den Jungs zugehört hast, hast du nicht ein Wort mehr gesagt, ich hatte kurz Angst, du wärst vielleicht nur zum Sterben nach Sachsendorf zurückgekehrt.“
„Nein, nein,“ dämmere ich vor mich hin, „bin immer noch zum Döner essen nach Sachsendorf.“ Den besten Döner der Stadt gibt es nämlich nicht, wie die tunnelblickenden Stadtmittebewohner*innen gemeinhin glauben, bei Effes am Spremberger Turm, sondern bei Mesut am Gelsenkirchener Platz.
Wir betreten das Refugium von gebratenem Kalbsfleischduft und wollüstiger Fresserei für vier Euro fuffzig mit Käse. Mesuts Gesicht hellt sich auf, „ah meine Freundin wie geht es dir“, begrüßt er Justine. Und dann unterhalten sich die zwei Südländer*innen über die Differenzen ihrer Länder hinweg, erzählen vom Urlaub zu Hause in Thessaloniki und Galata, während sich eine brutale Schlange an Menschen bildet, die alle nach uns kommen und jetzt vor uns stehen.
Nachdem alle Fragen von Interesse erschöpfend beantwortet wurden, springt Justine mir zur Seite „Und du hast jetzt darüber nachgedacht, ob du lieber mehr mit Leuten redest, als darüber zu philosophieren, wie man mit Leuten redet?“
Ich schüttele den Kopf: „Was nein. Ich habe darüber nachgedacht, weniger mit „nein“ und „kein“ und „nicht“ zu hantieren.“
Justine fragt: „Hä?“
„Naja, ich will die Dinge positiver formulieren.“ Sie nickt: „Also wirst du doch noch ein Hippie…“ „Nein, ich werde kein Hippie“, sage ich.
„Nanana, positiv formulieren.“
„Ja, ich werde alles außer Hippie.“
„Positiver.“
„Meine Güte, ich werde Maurer.“
Sie sieht mich groß an. „Du willst Maurer werden?“ „Hauptsache kein Hippie“, sage ich.
Justine schüttelt den Kopf. „Merkst du eigentlich was?“ „Ja“, sage ich, „eine zielgerichtete positive Ja-Einstellung setzt einen Plan voraus, damit man etwas bejahen kann und nicht verneinen muss. Wenn ich mit unbestimmten Kategorien arbeite, wie „wir schaffen das irgendwie“, muss ich in Kauf nehmen, Dinge zu verneinen, um mich abzugrenzen, obwohl ich damit gegebenenfalls eine theoretische Gegenseite psychologisch bekräftige.“ „Aaaaalter“, sagt sie, „ich wollte nur wissen, ob du merkst, dass du dran bist.“ Mesut schaut mich ein bisschen verdutzt an. „Also Döner so wie immer, alle Saucen ohne Käse?“ Ich nicke.
„Und dass man immer einen Plan braucht ist Bullshit. Als ich z.B. zum Studieren nach Deutschland bin, hab ich eines Tages einfach bei dir geklingelt. Das ist jetzt zehn Jahre her und im Wesentlichen ganz friedlich verlaufen. Also, wenn du sagen willst, dass wir das irgendwie schaffen, dann schaffen wir das schon irgendwie. Irgendwie ist voll ein guter Plan! So lange man nicht einfach nur seinen Arsch breit hockt. Es gibt tausend Sachen, die man machen kann. Irgendwie.“
„Hat sie recht“, sagt Mesut, „ihr schafft das schon.“ „So einfach soll das sein?“, frage ich.
Justine lädt mich auf den Döner ein und zahlt. „Ja, so einfach ist das. Iss dein Obst, putz deine Zähne, bleib anständig und hock‘ dir nicht nur den Arsch breit. Dann wird schon alles irgendwie gut.“ Sie lächelt.
Und für den Moment ist tatsächlich wieder alles gut.
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