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Verlockung

von János Székely

von bc, Buch

Béla ist ein unehelicher Bauernjunge aus der ungarischen Provinz in der Zwischenkriegszeit. Seine Mutter, selbst noch sehr jung, geht nach Budapest, um ein wenig Geld zu verdienen. Sein Vater war auf Durchreise, als er seine Mutter kennenlernte und sie einfach nahm. So wächst Bela bei einer ausgedienten Hure auf, die eine Art „Pension“ für uneheliche Kinder betreibt und sich die „Kinderpflege“ fürstlich bezahlen lässt. Das Heim wird für den Jungen zur wahren Schinderstätte: „Ich wuchs heran wie Unkraut“. In die Schule darf Béla erst mit zehn Jahren gehen. Jeden Tag läuft er kilometerweit dorthin, wobei seine Füße nur mit Zeitungspapier umwickelt sind. Für Schule ist kein Geld da.
Eines Tages schickt die Mutter kein Geld. Nachdem die Essensrationen des Kindes für längere Zeit gestrichen wurden, muss ihn die Mutter abholen und mit in den Slum der Großstadt nehmen. Sie wohnen in einer Wohnung im Stadtteil Neu-Pest, wo sie für kümmerlichen Lohn als Wäscherin arbeitet.
Irgendwann bekommt Béla die Chance seines Lebens: Er darf als Liftboy im größten Hotel Budapests anfangen. Für ihn eröffnet sich eine vollkommen neue Welt, die große Welt der Reichen. Auch wenn er von der Freizügigkeit der wohlhabenden weiblichen Hotelgäste zunächst irritiert ist, lässt er sich auf Spielchen ein, denen er nicht gewachsen ist. Der Frau des ungarischen Vertreters beim Völkerbund in Genf darf er den Hund ausführen, und an einem Abend darf er ihr eine Flasche Sekt auf Zimmer bringen. Der Gast, mit dem die Dame anzustoßen wünscht, ist Béla selber.
Den Verlockungen der Welt der Reichen tritt ein anderer Sog entgegen: die Idee der proletarischen Revolution. Ein Kollege gibt ihm „Das ABC des Sozialismus“ zu lesen, und Béla beschließt, seine Zukunft nicht länger „im weichen Bett des Kapitalismus“ zu suchen. Dann aber tritt auf Verabredung mit dem Personalchef, den man im Hotel hinter vorgehaltener Hand nicht von ungefähr „Mussolini“ nennt, der „Greifer“ in Bélas Leben. Dem Aktivisten der Nationalen Bewegung genügt die bloße Nähe des Horthy-Regimes zum Faschismus Mussolinis und zum Nationalsozialismus Hitlers nicht. Béla soll sich als Spitzel in die Sozialdemokratische Partei einschleichen; sollte er sich weigern, droht ihm die Entlassung. Derart in die politischen Ränke hineingezogen, flieht Béla als blinder Passagier auf einem österreichischen Donauschiff.
János Székelys Roman „Verlockung“ ist ein Porträt Ungarns in der Zeit zwischen den Weltkriegen und trägt zum Teil autobiographische Züge. So musste auch Székely aus Ungarn fliehen, nachdem Admiral Horthy nach dem Ersten Weltkrieg mit der gegenrevolutionären Nationalarmee in Budapest einmarschierte. Székely hatte gerade ein Antikriegsgedicht veröffentlicht. „Verlockung“ wurde in den 1950er Jahren zu einem Welterfolg.
Zum Buch:
János Székely (2016): „Verlockung“, Zürich, Diogenes Taschenbuch, 986 Seiten
ISBN:978-3-257-24363-5

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