Home Artikel Nachrichten Heft Suche Termine

Journalismus in der Krise

von Bernd Müller, Politik

Hin und wieder bekommt die Blicklicht-Redaktion Leserbriefe. Als Redaktion sind wir bemüht, auf diese zu reagieren. Manchmal kommt auf diesem Wege eine interessante Diskussion zustande. Einmal war es ein bekennender Reichsbürger, der seine Ansichten gern in unserem Magazin veröffentlicht sehen wollte.

Einer der letzten Leserbriefe kam von einem Politiklehrer eines Cottbuser Gymnasiums. Er kritisierte einen Text von Michael Becker aus der Mai-Ausgabe („Feindbild – Russe“) und behandelte diesen Text im Unterricht. Sein Unbehagen rührte unter anderem von einer bestimmten Formulierung im Text: Michael Becker schrieb von einer gleichgeschalteten Presse hierzulande.

Das Thema ist interessant. Mit dem Aufkommen von Pegida und dem „Lügenpresse“-Vorwurf war die journalistische Zunft gezwungen, sich mit ihrer eigenen gesellschaftlichen Rolle auseinanderzusetzen. Es ging um nicht weniger als ihre Glaubwürdigkeit, die offen infrage gestellt wurde.

Inzwischen gibt es immer mehr Stimmen, die ihre Kritik am Medienbetrieb äußern. Dabei handelt es sich nicht nur um solche, deren Bücher im umstrittenen Kopp-Verlag erscheinen. Es sind zunehmend auch seriöse Stimmen, Medienwissenschaftler und Journalisten.

Medien spielen in der Gesellschaft eine wichtige Rolle. Für uns sind sie das Tor zur Welt. „Was wir über die Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“, sagte der Soziologe Niklas Luhmann einmal. Michael Meyen, Professor für Kommunikationswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, fragt in seinem Buch „Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand“, wie Gesellschaft und Welt heute durch die Brille des deutschen Journalismus aussehen und findet keinen passenden Vergleich. „Jahrmarkt, Zirkus, Stadion. Alles auf einmal und doch viel mehr.“ Die Heilige Dreifaltigkeit des deutschen Journalismus: „Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit“.

Wir alle zusammen haben nicht bemerkt, meint Meyen, „wie der Imperativ der Aufmerksamkeit unsere Zeitungen verändert hat, die Fernsehnachrichten und überhaupt alles, was wir über die Gesellschaft wissen können und über die Welt, in der wir leben. Den Eurovision Song Contest zum Beispiel oder Premieren von James-Bond-Filmen gab es vor 50 Jahren nicht, wenn man Niklas Luhmann glaubt. Das heißt: Es gab das alles schon, aber nicht in den Massenmedien. Höchstens als Kurznachricht.“

Der Journalismus hat sich verändert, dessen ist sich auch die Journalistin Charlotte Wiedemann sicher. Besser geworden ist er durch die Veränderungen allerdings nicht. Sie hat die negative Entwicklung vor allem im Auslandsjournalismus wahrgenommen. Ihre Kritik richtet sich einerseits gegen die strukturellen Bedingungen, unter denen Auslandsberichte gefertigt werden. Andererseits stellt sie einen verengten Blick bei Journalisten fest.

Die Konkurrenz zwischen den Verlagen ist seit Jahren groß. Besonders seit der Erfindung des Internets stehen sie unter zusätzlichem wirtschaftlichen Druck. Die Auflagen werden geringer, weil viele auf das kostenlose Angebot im Internet zurückgreifen. Im Wettbewerb gewinnt, wer am schnellsten die Aufmerksamkeit der Medienkonsumenten auf sich zieht.

Im Ergebnis werden die Redaktionen in den Medienkonzernen zunehmend ausgedünnt oder zusammengelegt. Wie weit dieser Prozess in Deutschland fortgeschritten ist, haben die Macher der Satire-Sendung „Die Anstalt“ erst kürzlich gezeigt. Die Journalisten haben letztlich kaum noch die Möglichkeit, sich in irgendeiner Weise zu spezialisieren. Viele Tätigkeiten im Mediengewerbe werden Wiedemanns Meinung nach rasant entwertet: „Gefragt sind billige, gefügige Generalisten, die Multimedia füttern und technische Abläufe verwalten. Schon können durchschnittliche Sportreportagen von Computerprogrammen zusammengemixt werden“, so Wiedemann.

Die internationale Nachrichtenproduktion ist nicht besser aufgestellt. Sie ist ebenso geprägt von Konzentration und Rationalisierung. Die Qualität der Nachrichten leidet darunter. „Einige wenige Agenturen, voran Reuters und Associated Press, dominieren den Globus. Ihre verkleinerten Belegschaften müssen mit immer schnellerer Technik ein wachsendes Output schaffen; den Wahrheitsgehalt der Storys zu checken, dafür bleibt wenig Zeit. Zugleich wird der Einfluss politischer und wirtschaftlicher PR immer drängender, immer schwerer zu kontrollieren. Einem wachsenden Heer professioneller Propagandisten und Lobbyisten steht eine schwindende Zahl von Journalisten gegenüber.“

Auslandsnachrichten kommen heute vor allem über die Presseagenturen. Verlage und Sender wollen sich oftmals keine eigenständig organisierte Berichterstattung leisten. Und wenn sie doch noch Auslandsaufträge vergeben, sind sie kaum noch an dem interessiert, was Journalismus eigentlich ausmacht: Das Vermitteln von Hintergrundinformationen. „Für eine ARTE-Dokumentation muss ein freier Filmemacher ein detailliertes Drehbuch vorlegen, um den Auftrag zu bekommen. Später besteht die Kunst darin, die Realität so zu filmen, dass sie das Drehbuch erfüllt. Bei Print-Magazinen wird ein Thema manchmal auf so vielen Konferenzen vordiskutiert, dass nachher der Eindruck aufkommen kann, die Recherche vor Ort solle nur die Farbe liefern: für das kindliche Buntschraffieren der vorgegebenen Umrisse.“

War ein Korrespondent zu lange in einem Land, kennt er sich gut mit Sitten und Gepflogenheiten aus, hat er im Laufe der Zeit einen fundierten Blick auf das Geschehen in dem Land entwickelt, bekommt er ein Problem. „Denn er darf sich ja nicht zu weit von den Vorurteilen und Stereotypen der Heimat entfernen, jenen Stereotypen seines Publikums, die oft auch von den Redakteuren der Zentrale geteilt werden. [...] Denn das Kriterium dafür, was im Branchenjargon ‚eine Geschichte‘ ist, liegt vor allem im Auge des Betrachters zu Hause. Wenn wir alle muslimischen Frauen für unterdrückt halten, ist ein emanzipiertes Mädchen ‚eine Geschichte‘.“ Und nur Geschichten lassen sich verkaufen.

Medienwissenschaftler stellten fest, dass viele Journalisten einen verengten Blick haben. In der Fachsprache heißt das Framing und bedeutet: Die Journalisten beschreiben die Realität innerhalb eines Rahmens, der sich im Laufe der Zeit eher unbewusst etabliert hat. In anderen Worten: Auch Journalisten sind ideologisch und kulturell vorgeprägt und sind sich dessen nicht unbedingt bewusst. Diese Vorprägung beeinflusst die Interpretation von Ereignissen oder verändert den Fokus der Berichterstattung.

Zur Verdeutlichung können zwei aktuelle Beispiele dienen: Die Skripal-Affäre und die vorgetäuschte Ermordung des russischen Journalisten Babtschenko. Beide Fälle sorgten in den letzten Monaten für Schlagzeilen und für diplomatische Verstimmungen. In beiden Fällen war für die Presse der Schuldige schnell gefunden: Russland. Die Verurteilung war in beiden Fällen voreilig. Hätten sich die Pressevertreter Zeit für Recherchen genommen, wäre ihnen eine Blamage erspart geblieben. Aber der Druck, die Aufmerksamkeit der Mediennutzer auf sich zu ziehen, ließ den Pressevertretern keine Zeit dafür. Inzwischen müssen sie teilweise zurückrudern.

Sergej Skripal war Anfang März zusammen mit seiner Tochter im britischen Salisbury vergiftet worden. Die britische Regierung warf umgehend Moskau vor, hinter dem Anschlag zu stehen. Russische Diplomaten wurden aus mehreren NATO-Staaten ausgewiesen. Drei Monate später berichtet Der Spiegel (Nummer 25/2018) erneut über den Fall und meldet: Der Westen bleibt „immer noch harte Belege schuldig“. Plötzlich hat nicht nur Russland dieses Gift in der Vergangenheit produziert, sondern auch der Westen. Plötzlich wird festgestellt, dass Putin doch nicht mit der Ermordung des Doppelagenten Skripal gedroht hatte. Plötzlich wird deutlich: Skripal hat „in Großbritannien keineswegs ein beschauliches Rentnerleben geführt, sondern war dem Agentengewerbe treu geblieben“.

Der andere Fall dreht sich um den russischen Journalisten Arkadij Babtschenko. Ende Mai hieß es, der Putin-Kritiker sei an der Schwelle seiner Wohnung in Kiew durch drei Schüsse niedergestreckt worden und auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben. Kurz darauf veröffentlichte der ukrainische Geheimdienst eine Phantomzeichnung des mutmaßlichen Mörders. Seine Auftraggeber seien in Russland zu suchen. Die deutsche Presse nahm den Fall begierig auf. Selbst der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verurteilte in einer Stellungnahme den brutalen Mord an Babtschenko. Außenminister Maas zeigte sich entsetzt über die Ermordung und ein Sprecher des Auswärtigen Amtes verlangte, die Umstände des „feigen und hinterhältigen Mordes müssten untersucht und rasch aufgeklärt werden. Doch Babtschenko wurde nicht ermordert. Er trat einen Tag später putzmunter vor die Kameras.

Gerade der letzte Fall zeigt deutlich die ideologische Brille, durch die deutsche Journalisten blicken. Russland muss der Bösewicht sein, egal ob Beweise vorliegen oder nicht.

Ein Mord an Journalisten kommt in der Ukraine nicht selten vor. Im Falle von Oles Busina und Pawel Scheremet, war es den deutschen Medien nur kurze Meldungen wert, kein Politiker protestierte. Busina wurde am 16. April 2015 ermordet. Zu dem Verbrechen bekannte sich die „Ukrainische Aufstandsarmee“. Verdächtige Rechtsradikale wurden schnell wieder freigelassen. Eine Autobombe tötete am 20. Juli 2016 Pawel Scheremet. Dieser hatte kurz zuvor veröffentlicht, dass rechte Freiwilligenbataillone Gerichtsverhandlungen gegen korrupte Geschäftsleute verhinderten.

Michael Beckers Aussage mag nicht zutreffend sein. Die Presse ist nicht durch den Staat gleichgeschaltet worden. Dennoch nimmt die Presse ihre gesellschaftliche Verantwortung nur noch unzureichend wahr. Objektiv sein, sich mit keiner Sache, auch keiner guten, gemein machen, aufklären. Der Imperativ der Aufmerksamkeit hat journalistische Qualitätskriterien wie Neutralität, Objektivität oder Vielfalt zu Worthülsen gemacht, die, wie Meyen schreibt, nur noch für Sonntagspredigten und akademische Gedankenspiele taugen. Wir erleben, dass führende Journalisten aufs Engste mit der deutschen Außenpolitik verbunden sind und entsprechende Positionen und Feindbilder verbreiten. Wir erleben, wie die Bevölkerung mit zusammenhanglosen Nachrichten oder Banalem abgespeist wird. Wir erleben, dass heute weniger über Politik, Kultur und Wirtschaft berichtet wird als noch vor 30 oder 40 Jahren und dass Inhalte in den Hintergrund treten.

Charlotte Wiedemann stellt fest, dass unser Mediensystem selbst zu einem Hindernis für eine positive gesellschaftliche Entwicklung geworden sein könnte. Darüber sollte man auf jeden Fall nachdenken. Ein kritischer Blick ist auf jeden Fall angebracht.
Charlotte Wiedemann (2012):
„Vom Versuch, nicht weiß zu schreiben.
Oder: Wie Journalismus unser Weltbild prägt“,

Köln: Papyrossa Verlag, 199 Seiten
Preis: 14,90€
ISBN: 978-3-89438-494-4
Bei Amazon kaufen

Michael Meyen (2018):
„Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand. Wie uns die Medien regieren“,

Frankfurt/Main: Westend Verlag, 208 Seiten
Preis: 18,00 €
ISBN: 978-3-86489-206-6
Bei Amazon kaufen

Hinweis: kultur-cottbus.de benutzt Amazon Affiliate Links. Eine Bestellung über einen solchen Link bringt euch keine Nachteile, der Blattwerk e.V. wird aber mit einen geringen Prozentsatz am Umsatz beteiligt.
home - artikel - heftarchiv - nachrichten - impressum - datenschutz
folge uns: Facebook - Twitter
Blicklicht, www.kultur-cottbus.de © 2018 Blattwerk e.V. Cottbus