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Micha El-Goehre

Jungsmusik

von Simon Winterhalder, Buch

In einschlägigen Kneipen trifft man immer wieder eine etwas seltsam anmutende Spezies Berufsjungendlicher an. Die männlichen und weiblichen dieser Art haben lange Haare, die sie zu Klängen elektrischer Gitarrenmusik herumwerfen. Sie tragen sogenannte Kutten, d.h. Jeanswesten mit Aufnähern der Bands, die eben jene Musik spielen. Sie trinken viel Bier und sehen wahnsinnig gefährlich aus. Wer also das nächste Mal einem solchen Exemplar begegnet, der weiß, nach der Lektüre von Micha-El Goehres Buch „Jungsmusik“, dass es sich dabei um einen Metalhead handelt. Einen Fan von Heavy-Metal-Musik, eine auf ihre Art und Weise spezielle Art von Jugendlichen (oder auch schon etwas in die Jahre gekommener Herren mit langen Haaren).
Jungsmusik ist das Werk des Metal-DJs Micha El-Goehre, der neben seinem Engagement als eben solcher auch noch die Zeit findet, Bücher zu schreiben und Poetry-Slams zu gewinnen. Sein Roman handelt von einer Clique Metal-Heads, alle Mitte Zwanzig, die leider nicht mehr ganz so jugendlich sein können, wie sie es gern bleiben würden, da sie langsam aber sicher erwachsen werden. Das erste Zeichen ist die ungewollte Schwangerschaft eines Paares aus der Clique und die Liebe des Erzählers zu seiner besten Freundin, die er sich aber nicht getraut ihr zu gestehen. Das alles sorgt in Verbindung mit Bier und Party natürlich für allerlei Verwicklungen, weil über allem ständig die Frage schwebt: Was wollt ihr eigentlich mit eurem Leben anfangen? Und selbstverständlich hat keiner sofort die passende Antwort parat… Will man Schubladen füllen, so handelt sich also dabei um einen Coming-off-Age-Roman. Off-his-Age kommt vor allem der 28jährige Torben, durch dessen Augen wir die Welt der Heavy-Metal-Clique sehen. Dass es im Roman hauptsächlich darum geht, wie dieser Torben an seine große Liebe Lucy gelangt wird relativ schnell klar. Ebenso, dass er sich langsam einfallen lassen muss, wie er den Rest seines Lebens gestalten will. Auf diesem Weg lebt Torben in den Tag hinein, mit viel Party und viel Bier. Und dass er dabei in den beiden anderen Angelegenheiten nicht aus dem Knick kommt, sorgt für viel unfreiwillige Komik auf Kosten des Ich-Erzählers, zu der die bissigen Kommentare der Freunde ihren Teil beitragen.
Das alles ist soweit nachvollziehbar zu einer homogenen Story verarbeitet, der man locker folgen kann, die allerdings auch nicht viele Überraschungen bietet. Letztendlich sind die Themen „Erwachsen werden“ und „Liebe“ ganz klassisch zu einem Jugendbuch, wie es viele gibt, verarbeitet, nur dass es diesmal in der Heavy-Metal-Szene spielt. Dass diese Jugendlichen aber auch nicht fundamental anders sind als andere oder gar grundsätzlich andere Probleme hätten als andere Jugendlich wird schnell klar. Dass aber der Ich-Erzähler ständig alles in jugendlichem Slang kommentieren muss, ist auf die lange Strecke des Romans einfach nervtötend. Man muss doch nicht jedes Substantiv durch eine szenespezifische Wortneuschöpfung ersetzen. Diesen Slang gezielt und pointiert einzusetzen hätte sicherlich mehr Spaß gebracht. So wirkt der Ich-Erzähler wie ein altkluger, überintelligenter Wortklauber, der zufällig im Heavy-Metal-Land zur Welt gekommen ist.
Viel spannender und daher auch unterhaltsamer sind die Einschübe „Jungsmusik“ in denen der Autor spezifische Eigenschaften der Metalheads ironisch aufs Korn nimmt, ebenso wie die Einschübe „Gespräche hinterm DJ-Pult“. Hier kulminiert der ganze ironische Humor, den der Autor über seine Figur Torben so verzweifelt in seinem Roman unterzubringen versucht. Und an diesen Stellen wird auch klar, dass die sich selbst sonst so bierernst nehmende Heavy-Metal-Szene durchaus zu ironischer Selbstreflexion fähig ist. Denn wer, wenn nicht einer, der sich extrem gut in ihr auskennt, könnte und dürfte das in dieser zugespitzten Weise formulieren, als ein Autor der sich sicher selbst als Metalhead bezeichnen würde. Deswegen darf er auch postulieren, dass niemand Metall hört, oder die Eigenschaften des Heavy-Metal-Hamsters durch den Kakao ziehen. Diese kurzen Abschnitte sind die Qualität des Buches, das man deswegen lesen sollte und wegen der Geschichte lesen kann.
Micha-el Goehre: Jungsmusik
Taschenbuch
Preis: 14,90 €
Verlag/Label: Satyr Verlag
EAN/UPC: 9783981447514

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