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TheaterBlick: Kabale und Liebe

an der Neuen Bühne Senftenberg

von Angelika Koch, Kultur

Die allererste Schauspielpremiere an der Neuen Bühne Senftenberg, die 1947 noch Stadttheater Senftenberg hieß, wurde mit Schillers „Kabale und Liebe“ gefeiert. Im Jahr 1990 bekam das Haus den heutigen Namen und wurde in ein Kinder- und Jugendtheater umgewandelt, um es überhaupt im kapitalistischen Theaterbetrieb am Leben erhalten zu können. Seit September 2017 ist das Senftenberger Theater Landesbühne, damit ist sein Bestand für die nächsten Jahre gesichert. Der Spielplan der Neuen Bühne richtet sich nach wie vor vor allem an ein jugendliches Publikum. Theater für Kinder und Jugendliche zu machen ist allemal eine Zukunftsinvestition. Ob man aber immer und überall die Zuschauer „abholen“ muss, sprich: sich auf ihr vermeintliches Wissens- und Verständnisniveau begibt, wie es die aktuelle „Kabale und Liebe“- Inszenierung über weite Strecken tut, wäre immer mal wieder zu diskutieren.
„Kabale und Liebe“ steht offensichtlich weiterhin in den Lehrplänen des Deutschunterrichts, und so findet man dieses Schillerwerk der Sturm- und-Drang-Epoche allerorten immer mal wieder auf dem Spielplan. Es ist ein auch heute noch spannendes Stück über das tragische Scheitern der Liebe zweier junger Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassen, denn Präsident von Walter, der Vater des jungen Ferdinand, will eine Heirat seines Sohnes dazu nutzen, um noch größeren Einfluss bei seinem Dienstherrn zu bekommen. Deshalb will er ihn mit der Mätresse des Herzogs verkuppeln. Mit allen Mitteln und einem diensteifrigen Helfer, seinem Sekretär Wurm, der beim Intrigenspinnen tatkräftig mitwirkt, weil er selbst erfolglos um Luise Miller geworben hatte, werden die beiden Liebenden letztlich in den Tod getrieben.
Soweit der bekannte Plot des Stückes. Regisseur Mario Holetzeck hat das Ensemble, das bei Schiller noch zehn Personen und etliche Statistenrollen umfasst, auf sieben reduziert. Natürlich wurde der Originaltext stark gekürzt, weil er die meisten heutigen Zuschauer ziemlich überfordern würde. Friedrich Schiller schrieb nach der Premiere 1784 in einem Wutbrief an den Leiter des Mannheimer Nationaltheaters: "Ich bin dem Verdrusse ausgesetzt, dass ich statt meines Textes nicht selten habe Unsinn anhören müssen..." Was hätte Schiller erst dem Senftenberger Regieteam geschrieben, wenn er gewusst hätte, dass man in dieser Aufführung nach vorsichtiger Schätzung vielleicht nur 60 % seines Originaltextes zu hören bekommt? Der restliche Text stammt von den Schauspielern(?), der Dramaturgin(?), dem Regisseur(?) und enthält auch die eine oder andere Peinlichkeit.
Die Bühne (Bühnenbild und Kostüme Linda Kowsky) wird von einer weißen Schräge eingenommen, die mehrere Klappen und eine rhombenförmige größere Öffnung in der oberen Mitte enthält. Ein weißes Klavier zur knappen Kennzeichnung des bürgerlichen Musikerhauses wurde links in die Schräge eingebaut und wird von Miller (eindrucksvoll Roland Kurzweg) auch mehrfach gespielt.
Die Kostüme bewegen sich zwischen Klassik und Moderne, wobei die konzeptionelle Zuordnung von rein klassisch bis poppig-modern nicht immer ganz schlüssig wird. Es gibt viel und laut Musik zu hören, auch hier ein ziemliches Sammelsurium, das sich zwischen Bach, Prokofjew und Punkrock bewegt. Es wird mit viel Nebel gearbeitet, warum auch immer. Mehrere Zuschauer flüchten deshalb im zweiten Teil in die hinteren Reihen.
Einige schillersche Figuren haben in ihrer Charakteristik und ihren zwischenmenschlichen Beziehungen Veränderungen erfahren. So ist Hofmarschall von Kalb (Robert Eder) nicht mehr nur eine eitle, tumbe Hofschranze, die sich durch Herrn von Walter gern in der Intrige gegen die Verbindung seines Sohnes (Patrick Gees) mit Luise (Anja Kunzmann) benutzen lässt, sondern ein Mann, der sich selber Hoffnungen auf eine Verbindung mit Lady Millford (Anna Schönberg) gemacht hatte und vielleicht sogar echt verliebt ist, sich aber seinem dominanten Vorgesetzten von Walter beugen muss. Die Figur des Sekretärs Wurm wird von Tom Bartels gespielt, und er macht das souverän. Wie der in eine Art zu kleinen Konfirmandenanzug gesteckte Wurm sich zunächst tollpatschig-nett Vater Miller anbiedert, um dessen Tochter zu bekommen und im Verlaufe der Handlung, weil er bei Luise nicht landet, bösartig-gemein sich die Intrige gegen das Liebespaar ausdenkt und tatkräftig einfädelt und Luise gegenüber auch gewalttätig übergriffig wird, ist schon ein kleines Kabinettstück für sich.
Die großartigste Leistung zeigt an diesem Abend Daniel Borgwardt als Präsident von Walter. Er beherrscht seine schauspielerischen Mittel in jeder Hinsicht, zeigt die Figur zwischen scheinbar väterlicher Liebe und brutaler Rücksichtslosigkeit allen anderen Personen gegenüber und kann Brüche zwischen gegensätzlichen Haltungen spielen, dass einem der Atem stockt. Hier stört auch nie, dass Gegenwartstexte wie „Wir sollten mehr Kapitalismus wagen!“ benutzt werden, weil dieser Schauspieler das eben beherrscht. Im Gegensatz zu den jungen Schauspielern des Ensembles, die leider oft nicht gut sprechen und namentlich Patrick Gees, aber auch Anja Kunzmann und Anna Schönberg mehrfach nicht zu verstehen sind, weil die Musik zu laut ist, aber streckenweise auch spannungslos gespielt wird.
Die Inszenierung hält eine Reihe von „Bewegungssequenzen“, wie der Regisseur sie bezeichnet, bereit, die von der in Cottbus nicht unbekannten Choreografin Gundula Peuthert mit dem Ensemble erarbeitet wurde. Auf einer Party bei Lady Millford tanzen alle Figuren mit neonfarbenen Hasenmaske einen stereotypen Bewegungsablauf, während die jeweils miteinander agierenden Personen dazu heraustreten. Das war ein interessanter, fast surrealistischer Ansatz der Regie, der aber leider nicht weiter verfolgt wurde. Luise und Ferdinand mühen sich in ihren stummen Bewegungsaktionen redlich. Die Kampfszene zwischen Ferdinand und von Kalb dagegen gelingt spannend und gekonnt.
Diese Inszenierung richtet sich eindeutig an jugendliches Publikum. Sicher wäre das auch mit mehr Schillertext und mit nur einem, strafferen Schluss gelungen.

Foto: Roland Kurzweg, Daniel Borgwardt, Tom Bartels © Steffen Rasche
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