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Karl Marx: Das Kapital

Das Kapital nicht nur aktuell, sondern auch nagelneu

von René Lindenau, Buch

Passend zum 200. Geburtstag von Karl Marx und 150 Jahre nach dem Erscheinen des „Gespenstes von Europa“, dem Kommunistischen Manifest, lud die Rosa-Luxemburg Stiftung für den 5. März 2018 nach Berlin ein, um mit Prof. Thomas Kuczynski, der im VSA-Verlag eine Neue Textausgabe des ersten Bandes des „Kapital“ herausgebracht hatte, zu diskutieren.
Neben der Vorstellung des neuen Kuczynski Werkes nahm der Autor die Gäste auf einen Streifzug durch die Editionsgeschichte des „Kapital“ selbst mit.
Die Neue Textausgabe des „Kapital“ kostete ihn fast zwanzig Jahre seines Lebens, er hätte es wohl nie angefangen, wenn er das zuvor geahnt hätte, bekannte der Schreiber später. Bei diesem Projekt habe er sich darangehalten, was die Übersetzer, Marx mitgeteilt hatten. Diese Neue „kapitale“ Textausgabe basiert also auf dem von Marx geforderten, aber nicht realisiertem Vergleich der deutschen mit der französischen Ausgabe. Nicht nur diese beiden, sondern alle von Marx und Engels editierten Ausgaben und Übersetzungen wurden darin berücksichtigt.
Marx´s letzte ausführliche Äußerung zum „Kapital“ stammt von 1881, zehn Tage nach dem Tod seiner Frau. Zunächst wollte er den zweiten Band beenden, danach plante er den ersten Band des „Kapital“ überarbeiten – so wie er es unter anderen Umständen getan hätte. Marx kam aber bei der Überarbeitung nur zu den Punkten Wert und Gebrauchswert. Darüber hinaus kam er nicht. Mit dem Tod seiner Frau ist auch Mohr gestorben, zitiert Kuczynski dessen langjährigen Weggefährten, Friedrich Engels. Damit treffe komplett auch auf das „Kapital“ zu.
Ferner berichtete er, dass Engels im Nachlass von Marx auf zwei Handexemplare stieß; auf eines für die französische und auf eines für die zweite deutsche Ausgabe. Sein großer Irrtum war, dass dies die Vorarbeiten für die dritte deutsche Auflage wären. Es waren jedoch nur die Notizen für eine Übersetzung und nicht für eine Neuauflage. Zudem sprach er bei dem Fund mit Blick auf die französische Ausgabe von einem furchtbaren „Kastrationsfranzösisch“. Man könne gar keinen klaren Gedanken fassen, so das Resümee von Engels.
Eine klare Unterscheidung von Konzentration und Zentralisation des Kapitals, die Rolle des Kreditsystems insbesondere im Rahmen auf die ursprüngliche Akkumulation machten zum Beispiel den wissenschaftlichen (Mehr)-Wert der französischen Ausgabe aus. Vieles habe Engels einfach übernommen. Die französische Ausgabe ist demnach einfach besser und strukturierter aufgebaut.
Das Schreiben dieser Neuen Textausgabe wäre ohne die MEGA (Bände 5-10, 2. Abteilung) nicht möglich gewesen, ohne sie hätte er das Projekt nicht in Angriff genommen. Sie bildeten eine wichtige Quellengrundlage, weil sie alle Ausgaben von Marx und Engels zum „Kapital“, einschließlich aller Notizen, Korrekturen hierzu zum Inhalt haben. Zusätzlich hat der Publizist noch den MEW Band 23 mit seinen verschiedenen Auflagen herangezogen und sie auf Unterschiede abklopfend miteinander verglichen.
Wie man in der stalinschen Zeit mit Herausgebern der Werke von Marx und Engels umging, illustrierte ein Exkurs in die Geschichte der Sowjetunion. David Rjasanow wurde 1931 als Leiter des Marx-Engels-Institut abgesetzt, verbannt und 1938 erschossen. Dies muss gesagt werden, weil ein mehrseitiges Arbeitspapier (Februar 1931) für eine russische Volksausgabe des „Kapital“ auf dem Schreibtisch von Rjasanow landete und ihm (T.K.) mit den Anstoß dafür gab, in sein hier besprochenes Buch solange seine Schreibkraft zu investieren.
Der Ökonom war bemüht seine neue Textausgabe des „Kapital“ lesefreundlich zu gestalten, indem er auf englische Maße, (Marx gab meist englische Maße an), oder auf lange Anhänge verzichtete. Die Fußnoten sind bei ihm jetzt kleingedruckt im Haupttext zu finden. Marx habe in diesen Fußnoten unheimlich viel Material verarbeitet, darunter auch Literaturergänzungen. Des Weiteren sind in dem Band Erläuterungen zu historischen wie editorischen Zusammenhängen enthalten.
Angesprochen auf die Verständnisschwierigkeiten der ersten Kapitel im „Kapital“ (Wertformanalyse) reichte der letzte Direktor des Instituts für Wirtschaftsgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR den Tipp von Karl Korsch weiter, mit dem fünften Kapitel (Arbeitsprozess) zu beginnen. Quasi Marx selbst empfahl in einem Brief, die ersten 200 Seiten zu überschlagen.
Gefragt, was das Buch („Kapital“) aus seiner Sicht noch heute aktuell mache, da fand durch Prof. Kuczynski der „grüne“ Marx Erwähnung. Von Marx wird zuweilen behauptet, dass er sich wenig zum Problem der Naturzerstörung geäußert hat. Er bewies den Zuhörern das Gegenteil: Denn Marx hat die Naturzerstörung, so der Marxsche Terminus, (heute Klimakatastrophe) sehr genau im Auge gehabt und sehr scharf formuliert. Die kapitalistische Produktionsweise zerstört ihre eigenen Grundlagen, den der Arbeiter und den der Erde, formulierte Marx. Ein Gedanke des Autors dazu noch: Natur mag zwar nichts kosten, aber ihre Wiederherstellung kostet.
Auf eine Frage aus dem Publikum antwortete der Wissenschaftler recht energisch: Wer das „Kapital“ unter den Anwendungen auf die aktuelle Politik liest, wird enttäuscht. Marx hat kein Rezeptbuch geschrieben. Es wäre ein Irrglaube, wenn man daraus Anweisungen für die aktuelle Politik ziehen könnte. Ihm, Marx, sei klar gewesen, erwiderte der Professor, dass es eine Riesendifferenz zwischen Politik und Wissenschaft gibt. Seltene Ausnahmen dafür, wo ein Lückenschluss von Theorie und Politik gelang, sind für Kuczynski Lenin und Luxemburg.
Offenbar haben Politiker parteiübergreifend heute mehr den Mut zur (negativen) Lücke, was sie anderseits dumm und feige hält, um notwendige, tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen anzugehen. Sie verstehen sich eher auf Blockadehaltungen, um sie zu verhindern.
Es könnten ja „kapitale“ Mandate und Posten verloren gehen.
Karl Marx
Kritik der politischen Ökonomie | Erster Band
Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals
Neue Textausgabe, bearbeitet und herausgegeben von Thomas Kuczynski
800 Seiten | Hardcover mit USB-Card | 2017 | EUR 19.80
ISBN 978-3-89965-777-7
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