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Kein Tag ohne Strich

Zum 75. Geburtstag von Günther Rechn

von Conny Meißner, Kultur

Ich gebe es zu, ich bin ein bisschen aufgeregt. Heute habe ich ein Date mit dem bekannten Maler und Grafiker Günther Rechn. Wie wird er wohl sein? Hat er vielleicht Künstlerallüren? Es ist noch ein bisschen Zeit, also setze ich mich auf eine Bank und habe einen guten Blick in seinen kleinen Garten vor dem Atelier. Er wohnt idyllisch mitten in der Stadt. Kleine Skulpturen lockern die noch schlafende Natur auf. Dass hier eine liebevolle Hand wirkt (ich hörte, das macht er selbst), kann man auch im März erkennen.

Jetzt! Die Tür geht auf und mich empfängt ein schnieker, sportlicher Herr mit Schnauzbart und Pfeife: „Warum biste denn nicht reingekommen?“ Er hat Tee gekocht und das Eis ist in wenigen Sekunden getaut. In der Luft liegt der Geruch von dänischem Tabak. Dazwischen aromatisiert sich Farbe und Terpentin. Wir sitzen im Herzen seiner bunten Werkstatt. Im Kamin bollert ein Feuerchen. Um uns herum tummeln sich Nackte, Kraniche ziehen auf einer Riesenleinwand in die Ferne, mit aufgeblähten Nüstern bestürmen mich wilde Pferde, bevor mein Blick in die Landschaft des Branitzer Parks versinkt. Überall Bilder und Geschichten und Joe bellt. Der vierjährige, große, zottelige Mix ist die aktuelle Muse des Hundenarren und Naturliebhabers. Woher kommt sie, diese Begeisterung für „alles, was kreucht und fleucht“?

Schon als Junge hat Günther Rechn eine Jahreskarte für den Hallenser Zoo. Seine Eltern kamen mit ihm aus Lodz und wollen, dass er nicht wie die anderen Jungs nur an Fußball denkt. Also geht der Siebenjährige sich Tiere anschauen. Bald packt er einen Skizzenblock ein und studiert ihr Verhalten, ihre Bewegungen, ihre Mimik. Hier beginnt wohl die Geschichte des Malers Günther Rechn und seine große Leidenschaft für die Natur soll ein Leben lang anhalten.

„Na, so ein guter Schüler war ich nicht. Ein bisschen zappelig und immer am Zeichnen“, beschreibt Rechn den Schulbub Günther. Dennoch macht er das Abitur und nach kurzer Armeezeit bei der Bereitschaftspolizei und einer Lehre als Gebrauchswerber und Dekorateur studiert er, 22jährig, an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein bei Haale an der Saale Gobelinwirkerei und Malerei. Beeindruckt und massgeblich beeinflusst wird er hier von seinem Professor: „Einmal so zeichnen können wie Willi Sitte“, will er. Und das tut er.

In der Zwischenzeit ist er auch seiner Grundschulbekanntschaft Beate wiederbegegnet. Sie schiffen seitdem gemeinsam um die Klippen des Lebens, haben drei Kinder und zwei Enkelkinder.

Nach mehreren Jahren auf der Burg als Student, Aspirant und später als Assistent für Naturstudium und Nacktmalerei kommt der Abschied von Sachsen-Anhalt. Seit 1977 hat die Lausitz ihren Maler, erst in Lauta, später lebt und arbeitet er freischaffend in Limberg und Cottbus. Seinen natürlichen Motiven – Menschen, Tiere, Stillleben und Landschaften – bleibt er treu, verfeinert die Techniken, wird ein Meister der gegenständlichen Darstellungen. In den Bildern pulsieren das Leben gleichermaßen wie ihnen eine tiefe Ruhe innewohnt. Sie sind wie eingefangene Momente und doch könnte jederzeit und auf Knopfdruck die Bildgeschichte fortfahren, so wirkt es.

In den 1980igern wird Günther Rechn Vorsitzender des Bezirksverbandes der bildenden Künstler in Cottbus. „Ich wollte etwas anschieben, Aufträge für die Künstler besorgen und mitentscheiden, wer wann wohin darf,“ reflektiert er seine Beweggründe. Doch dann winkt er ab: „Das hat aber nicht geklappt. Das haben die Anderen entschieden, Sekretäre von der Partei und so weiter.“ In seiner Karriere folgen Ausstellungen in vielen Orten und Ländern sowie Preise, darunter der Theodor-Körner-Preis (1986) und der Carl-Blechen-Preis (1987).

Ich trinke Tee und sehe Günther Rechn zu, wie er, ein Zigarillo schmokend, in der Zeit verschwindet,. „Nein, leicht war es nach der Wende nicht. Die Aufträge brachen weg. Niemand interessierte sich mehr für Kunst.“ Allerdings kann ich keine Wehmut spüren. Rechn ist ein Arbeiter. Er sagt: „Wenn die Not am größten ist, ist der liebe Gott am nächsten.“ Also sucht er sich einen Job; erst in der Malwerkstatt im Staatstheater, als Restaurator in Niederbayern, als Stadtzeichner von Cottbus. Dann arbeitet er wieder freischaffend. „Kein Tag ohne Strich“, sagt er auf meine Frage, ob er wüßte, wieviele Werke er geschaffen hat. Ich überschlage... ach Gott, das ist ja eine unendliche Fülle an Gemälden, Skulpturen, Schnitzerein, Zeichnungen...

Jeden Tag und unermüdlich schafft Günther Rechn ein neues Werk. Seine Ideen findet er gleich am frühen Morgen, wenn er mit dem Hund die erste Runde des Tages dreht. „Die Motive liegen auf der Straße. Verspielte Hunde, eine aufgehende Knopse oder das Singen eines Stars“. Und er verrät mir, dass die Vögel in diesem Jahr verdammt zeitig gesungen haben. Er ist ein genauer Beobachter. In seinen Augen mischen sich kindliche Neugier und Entdeckergeist. Und ich realisiere, die so oft gezeichneten Lebewesen sind ihm wie Brüder und Schwestern – ganz im indianischen, im Ur-Sinne. Er sagt: „von der Wiege bis zur Bahre bewegen wir uns inmitten der Schöpfung, als Teil des Ganzen“. Die einstige Faszination des kleinen Zoobesuchers machte also auf dem langen Schaffensweg einem großen Wissen und tiefer Erkenntis Platz. Überfluss und Verschwendung lehnt Rechn ab, denn das gefährde seine Welt, ist nicht mehr im Einklang mit eben dieser Schöpfung. Und so kreiert er Tag für Tag ein neues Werk, als Hommage an die Natur.

Ich erlebe Günther Rechn, einen Künstler, der seit vielen Jahren in unserer Stadt wirkt. Tun Sie das auch! Zu Ehren seines 75. Geburtstages finden zwei Ausstellungen statt. Am 18.04. eröffnet die Ausstellung „Günther Rechn“ in Schloss und Park Branitz und auch die Sparkasse Spree-Neiße wird ab diesem Tag in ihren Geschäftsräumen am Breitscheidplatz den Cottbuser Maler ehren. Wer seine Hundemotive näher kennenlernen möchte, kann sich, ganz wie der Meister selbst, ein Tässchen Tee im Café Lauterbach gönnen.

Die Zeit verging viel zu schnell, denn Günther Rechn ist ein aufgeschlossener, authentischer und herzlicher Mensch. Nicht alles Gesagte passt nun in meinen begrenzten Zeilenrahmen und ich lache über mich selbst, ob der ersten unsicheren Gedanken. Am Ende will ich dann aber doch noch wissen, was er sich selbst zu seinem 75. wünscht, den er am 14. März feierte: „Es solle noch lange so bleiben, am liebsten noch mindestens 15 Jahre“. Na, da schließe ich mich gerne an und ja, beim nächsten Mal komme ich gleich herein.

Foto: Im Atelier © Conny Meißner
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